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Wissenschaft & Blödsinn Einfach mal die Klappe halten.

Einfach mal nichts sagen
Einfach mal nichts sagen - Foto: olly - Fotolia/olly/Fotolia
Wie wär’s mit einem guten Vorsatz fürs neue Jahr: Wenn man keine Ahnung hat, muss man nicht unbedingt laut seine Meinung verkünden.

Vielleicht steht mein Telefon auf einer Wasserader, oder meine Rufnummer verträgt sich numerologisch nicht mit meinem Scheitelchakra, jedenfalls mehren sich bei mir in letzter Zeit seltsame Anrufe: „Ich muss mit Ihnen über die Relativitätstheorie reden“ erklärte mir ein merkwürdiger Herr am Telefon. „Einstein sagt ja, dass sich alle Objekte mit Lichtgeschwindigkeit bewegen. Das bedeutet, dass wir nur wegen der Lichtgeschwindigkeit unsere Welt dreidimensional wahrnehmen!“ Ich versuche dem merkwürdigen Herrn zu erklären, dass seine Aussagen keinen Sinn ergeben und dass sich massive Objekte eben nicht mit Lichtgeschwindigkeit bewegen können. Er glaubt mir das nicht, wird zornig und legt auf.

Wissen, dass man nichts weiß

Es ist keine Schande, von der Relativitätstheorie keine Ahnung zu haben. Aber keine Ahnung von der eigenen Ahnungslosigkeit zu haben, ist doch ein bisschen traurig. Leider kommt das ziemlich oft vor.

„Stimmt es, dass sich die Sonne um die Erde bewegt?“ wurde bei einer europaweit durchgeführten Studie gefragt. Immerhin zwei Drittel der befragten Personen erkannten, dass die Aussage falsch ist, 29% hielten sie für richtig, nur vier Prozent wollten sich nicht festlegen. 29% der Befragten hatten also offensichtlich keine Ahnung von der Struktur unseres Sonnensystems, fühlten sich aber trotzdem dazu berufen, eine Antwort zu geben. Warum eigentlich? Ist es ihnen wirklich peinlicher, auf eine Antwort zu verzichten als haarsträubenden Blödsinn zu behaupten?

Noch viel mehr wundere ich mich über Meinungsumfragen, in denen es um richtig schwierige Themen geht: Wie soll die EU mit der griechischen Wirtschaft umgehen? Wie kann der Nahostkonflikt gelöst werden? Welche Arten von Genmanipulation sollen erlaubt sein? Erstaunlicherweise scheint der Großteil der Bevölkerung dazu eine ziemlich ausgeprägte Meinung zu haben. Wenn Sie mich fragen: Ich wüsste das auch gerne, ich diskutiere mit Freude darüber, aber eine Antwort habe ich nicht.

Dumm grölt gut?

Nun könnte man sich vielleicht mit bildungsbürgerlicher Selbstgefälligkeit zurücklehnen und sagen: Das liegt bloß an der Dummheit der Menschen. Der ungebildete Pöbel kann eben nicht einmal die eigene Unfähigkeit richtig einschätzen. Aber das wäre natürlich völlig falsch. Gerade gebildete Leute, die sich auf machen Gebieten wirklich gut auskennen, verwechseln oft ihr unausgegorenes Bauchgefühl mit einer fundierten Meinung.

Es sind gebildete Akademikereltern, die enthusiastisch erklären, dass sie ihr Kind nur mit rechtsdrehendem, glutenfreien Biofrüchtebrei füttern, weil sich der andere mit den homöopathischen Globuli nicht verträgt. Es sind kluge, politisch interessierte Menschen, die Petitionen gegen Hochspannungsleitungen einreichen, weil sie Angst vor Elektrosmog und Strahlenschäden haben. Es gibt sogar kluge Naturwissenschaftler, die fest davon überzeugt sind, dass der Klimawandel bloß eine Verschwörungstheorie ist. Sie haben sich zwar nie ernsthaft mit Klimawissenschaften auseinandergesetzt, können aber medienwirksam polternde Gegenargumente erfinden, in denen respekteinflößende, superfluose Fremdwörter vorkommen. Was will man mehr? Kluge Leute, die daran gewöhnt sind, Recht zu haben, fühlen sich oft auch bei Fragen im Recht, von denen sie nichts verstehen – auch wenn ihre Meinung den Erkenntnissen widerspricht, die unter echten Experten dieses Fachs längst allgemein akzeptiert sind.

Keinesfalls will ich damit sagen, dass man sich nur zu Themen äußern soll, auf denen man ein anerkannter Experte ist. Es ist wichtig, über die Grenzen des eigenen Spezialgebietes hinauszublicken. Intellektueller Austausch entsteht genau dadurch, dass sich der Mikrobiologe auch mal über Medizinethik äußert, dass die Atomphysikerin sich auch Gedanken über die Umweltfragen macht, dass der Musiktheoretiker auch mal seine Meinung über Politik präsentiert. Aber wer glaubt, als Außenseiter den wissenschaftlichen Konsens eines fremden Fachs über den Haufen werfen zu können, macht sich meistens lächerlich. Als Physiker sollte man dem Gärtner nicht erklären, wie man Tulpen züchtet, als Gärtner sollte man der Zahnärztin nicht erklären, dass sie ihre Zahnfüllungen anders machen muss, und die Zahnärztin soll dem Physiker nicht erklären, dass die Relativitätstheorie falsch ist – zumindest nicht, ohne richtig gute Argumente zu haben.

Lieber mal zuhören

Wir müssen lernen, in welchen Bereichen unsere eigene Meinung vertrauenswürdig und wertvoll ist, und in welchen Bereichen wir uns vielleicht selbst nicht ganz so ernst nehmen sollten. Es ist keine Schande, etwas nicht zu wissen. Das darf man ruhig zugeben. Man muss nicht immer zu allem eine in Stein gemeißelte Meinung haben, man muss nicht auf jede Frage eine Antwort geben. Man darf manchmal auch sagen: „Davon verstehe ich zu wenig, das weiß ich nicht. Erzählen Sie mir doch mehr darüber, dann sage ich Ihnen gerne, ob das für mich plausibel klingt.“

Wenn sich unser Gesprächspartner besser auskennt als wir, dann sollten wir lieber zuhören als schimpfen. Vielleicht wäre das ein guter Vorsatz fürs neue Jahr.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 29.12.2015, 06:00

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