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Internet 500.000 Euro: Neue Domains kaum leistbar.

Foto: newdomains.org
Mit der Einführung neuer Domainendungen beginnt ein neues Internet-Zeitalter. Ab 12. Jänner 2012 startet eine dreimonatige Registrierungsphase, bei der praktisch jeder Begriff oder Markenname als Top Level Domain (TLD) eingereicht werden kann. Der damit verbundene finanzielle, technische und juristische Aufwand ist allerdings groß.

Am 12. Jänner fällt der Startschuss für die neuen Top Level Domains. Ab diesem Stichtag können bei der Internetverwaltung ICANN die Anträge auf generische Domainendungen eingereicht werden. Doch die Hürden sind groß. Neben 185.000 Dollar Gebühr müssen Antragssteller mindestens denselben Betrag für die juristischen und technischen Vorbereitungen rechnen. Ob man die gewünschte TLD bekommt, ist aber unsicher. Viele Anforderungen müssen erfüllt werden. Wirklich kompliziert wird es, wenn - wie erwartet - mehrere Bewerber um den gleichen Begriff ansuchen werden.

180 Seiten Bewerbungsanleitung
„Eine Bewerbung ist extrem kompliziert. Allein der von der ICANN publizierte Leitfaden – das Applicant Guidebook – umfasst 180 Seiten. Das kann man ohne professionelle Hilfe nicht schaffen“, erklärt Nic.at-Geschäftsführer Richard Wein im Gespräch mit der futurezone. „Mit einem Aufwand von rund 500.000 Euro wird ein Antragssteller durchschnittlich schon rechnen müssen“, so Wein. Nach oben hin sind diesbezüglich keine Grenzen gesetzt, wenn die neue Top Level Domain auch entsprechend beworben werden soll.

Angesichts der strengen Vorgaben ist es wenig verwunderlich, dass bisher kaum Bewerber bekannt sind. Laut ICANN gehen die Schätzungen von 180 bis etwa 1000 Antragssteller , die sich schlussendlich bewerben werden. Aus Branchenkreisen heißt es aber, dass selbst in Deutschland gerade einmal ein Dutzend Bewerbungen als praktisch sicher gelten – unter anderem .berlin, .hiv oder .bayern. In Österreich lassen sich die ernsthaft Interessierten praktisch an einer Hand abzählen, unter anderem das Land Tirol, wie ein Vertreter der Tirol Werbung gegenüber der futurezone bestätigte .

Unternehmen lassen sich nicht in Karten schauen

Viele Unternehmen und Markeninhaber halten sich derzeit aber noch bedeckt, um mit einem Überraschungsauftritt gegen die Konkurrenz punkten zu können. Viele Großkonzerne werden zudem versuchen, ihre Firmenmarke zu sichern. Denn ist das dreimonatige Fenster erst einmal geschlossen, könnte es lange dauern, bis die ICANN ein zweites Bewerbungsverfahren eröffnet. Nach der Bekanntgabe der Bewerber können Unternehmen und Regierungsvertreter zwar Einspruch gegen einen Begriff einlegen. Wird etwa einem Markeninhaber Recht gegeben, kann dieser den Begriff jedoch im Nachhinein nicht als TLD für sich reklamieren – außer er hat sich im Anmeldezeitraum ohnehin beworben.

Der Anmeldeprozess ist allein deswegen ein Lotteriespiel, weil die Bewerber erst nach dem 24. April bekanntgegeben werden und bis dahin nicht klar ist, welche Begriffe Gefahr laufen, „besetzt“ zu sein. Unklar ist auch, was die ICANN mit gleichwertigen Bewerbungen meint. Auf der Domainkonferenz newdomains.org in München ließ die ICANN durchklingen, dass Antragssteller mit einem gesellschaftlich relevanten Konzept bzw. einer Community-TLD den Vorzug gegenüber reinen Markeninhabern erhalten würden. Was das genau bedeutet, wird man spätestens im April sehen. Konflikte und juristische Streitereien sind jedenfalls vorprogrammiert.

Apple vs. Apple vs. Apple

Kompliziert wird es vor allem bei mehreren Bewerbern für den gleichen Begriff. So könnte es also passieren, dass die Computerfirma Apple mit dem Beatles-Musiklabel Apple und einem US-amerikanischen Apfelzüchterverein um die Endung streiten muss. Die Auskunft der ICANN, was in so einem Fall geschieht, ist vage. Bei „gleichwertigen“ Bewerbungen bleibt den Antragsstellern überlassen, sich im Einverständnis zu einigen. Kommen diese nicht auf einen grünen Zweig, ist auch eine Versteigerung denkbar, so die ICANN.

Die Einführung der neuen TLDs wird seit Jahren heftig diskutiert. Abgesehen von den Konsequenzen für Firmen, die ihre Markenrechte nun bei einer Vielzahl von Domains absichern müssen, wird das Konzept auch aus Usersicht in Frage gestellt. „Da sich User mittlerweile an die bestehenden Endungen wie .com oder .at gewöhnt haben, werden sie zunächst sicher massiv verwirrt sein“, glaubt auch Nic.at-Geschäftsführer Wein. „Für regionale und Community-Projekte bieten die neuen Domains aber spannende Möglichkeiten.“

"Neue attraktive Webadressen
"
Für den Verband der deutschen Internetwirtschaft eco überwiegen die Vorteile. „Durch die limitierte Zahl an TLDs sind attraktive Webadressen derzeit kaum noch zu bekommen, der Bedarf steigt durch das unaufhaltsame Wachstum des Internets aber weiter an“, sagt Oliver Süme, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des eco, im Gespräch mit der futurezone. „Durch die neuen TLDs und die dadurch möglichen Second Level Domains ergeben sich neue Wettbewerbsmöglichkeiten, die Unternehmen wie Usern zugute kommen werden“. Der eco Verband rechnet mit etwa 200 neuen Top Level Domains.                             

Bis die neuen Domainendungen das Licht der Welt erblicken, dürfte es aber noch dauern. Laut ICANN-Vorstand Steve Crocker wird der Zulassungsprozess und die technische und administrative Umsetzung frühestens Ende 2012 abgeschlossen sein. Neue Top Level Domains gehen folglich erst 2013 online – wenn alles gutgeht.

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(futurezone) Erstellt am 30.09.2011, 06:00

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