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Musikwirtschaft "Die Umsonstkultur gibt es nicht".

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Tim Renner, der frühere Chef von Universal Music Deutschland, hat am Donnerstag bei einer Diskussionveranstaltung in Wien der Tonträgerindustrie die Leviten gelesen. Die Musikkonzerne müssten lernen, mit dem Kontrollverlust durch neue Technologien zu leben, sagte Renner. Beim Urheberrecht sieht er Reformbedarf.

Die Situation der großen Musikkonzerne verglich Renner mit jener der katholischen Kirche in der Zeit der Kirchenspaltung nach der Exkommunikation des Reformators Martin Luther im 16. Jahrhundert. Auch die katholische Kirche habe mit aller Macht versucht, die Kontrolle und Deutungshoheit über die Bibel, die bis dahin nur in lateinischer Sprache verfügbar war,  zu erhalten. "Das hat dazu geführt, dass sie sich aufgrund der eigenen Reformunfähigkeit halbiert hat", sagt Renner am Donnerstagabend bei der Diskussionsveranstaltung "Ist digital besser?" im Wiener rhiz. "Luther war für die Kirche das, was MP3 und Internet für die Musikindustrie heute sind."

Kontrollverlust
Die Tonträgerindustrie habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sagte Renner, der seit seienm Abgang bei Universal Music im Jahr 2004 mit seinem Unternehmen Motor Music mit neuen Geschäftsmodellen in der Musikwirtschaft experimentiert.  Die Musiktauschbörse Napster habe es Internet-Nutzern schon 1999 ermöglicht, jeden Song zu jeder Zeit haben zu können. Die industrie habe darauf keine Antwort gefunden und stattdessen versucht, an überkommenen Kontrollmechanismen festzuhalten. Die Kontrolle über den Zeitpunkt der Veröffentlichung von Werken lasse sich unter den Bedingungen vernetzter Technologien aber ebensowenig aufrechterhalten wie der Zwang Alben zu kaufen. "Wenn ich nur vier Titel möchte, warum soll ich ein gesamtes Album mit zwölf Songs kaufen?"

Angebote kommen von anderer Seite
Die Tonträgerindustrie habe es lange Zeit verabsäumt, ihren Kunden Angebote zu machen, die seien von anderer Seite gekommen. Das gelte auch für die Filmwirtschaft, die auf ihre vielstufige Verwertungskette beharre und Filme erst lange Zeit nach der Veröffentlichung im Kino auch im Netz oder auf DVD verfügbar mache. "So manche illegale Portale wie kino.to machen nichts anderes, als darauf zu reagieren", sagte Renner. Das Geschäftsmodell dieser Portale basiere neben Werbung auch auf dem Verkauf von Subskriptionen oder von Zusatz-Software. "Das ist der Beweis dafür, dass es einen Markt gibt und die Leute gewillt sind, zu bezahlen", sagte Renner. "Die Umsonstkultur gibt es nicht."

"Im Netz wird immer bezahlt"
Im Netz werde immer bezahlt, so der Musikmanager: Ob mit Daten, wie bei Google und Facebook, Zeit für Werbung oder Geld für Zusatzsoftware für schnellere Zugänge. "Das ist die Realität. Alle Anbieter, ob legal oder illegal, haben ein Geschäftsmodell dahinter." Die Industrie müsse den Verlust der Kontrolle als Möglichkeit begreifen und Kunden und Künstlern Angebote machen, meinte Renner. "Dann kann ein neues Miteinander in gegenseitiger Freiheit bestehen."

Keine Angst
"Meine Angst vor einem Kontrollverlust hält sich in Grenzen", sagte der Musiker (Dieb 13) und Betreiber der Plattform klingt.org, Dieter Kovacic. "Ich lebe nicht vom CD und Plattenverkauf." Er verdiene sein Geld mit Live-Auftritten und Aufträgen für Theater, Film und Tanz. "Wenn es das Urheberrecht nicht mehr gäbe, würde das für mich keinen Unterschied machen."

"Kultur leben können"
Die Frage sei, was das Urheberrecht heute leisten solle, meinte Peter Rantasa, rhiz-Mitbegründer und früherer Direktor des mica (music information center austria) -  - . Die Gesellschaft habe ein Interesse, dass neue Inhalte produziert und neue Aussagen getroffen werden können, dafür sollten Kreative auch bezahlt werden. "Es geht darum, dass wir Kultur leben können."

Der Beitrag der Tonträgerindustrie dazu, sei jedoch fraglich. Vielen Unternehmen gehe es heute nur noch um die Auswertung alter Werke, meinte Rantasa: "Was ist der Nutzen für die Gesellschaft?" Die Industrie sei auf Basis von Technologien entstanden, und verschwinde möglicherweise auch wieder.

"Neues Urheberrecht aufsetzen"
"Alles, was kulturelle Vielfalt unterstützt, ist eine gute Sache, alles, was dem entgegensteht, ist eine schlechte Sache", sagte Rantasa. Verhandlungen über Urheberrechtsverschärfungen in Hinterzimmern, die zur Beschneidung von Bürgerrechten führen, seien jedenfalls keine Lösung. Die Diskussion müsste grundsätzlicher geführt werden: "Wir müssen ein neues Urheberrecht aufsetzen."

"Vergütungsrechte sichern"
Reformbedarf sieht auch Renner: Die Kontrolle über Werke und ihren Vertrieb sei heute nicht mehr aufrechtzuerhalten, meinte der Musikmanager. Es gelte aber, Kreativen Vergütungsrechte zu sichern. "Wenn Mehrwert geschaffen wird, soll auch ein Vergütungsanspruch entstehen", führte Renner aus. "Das ist rechtlich nicht schwer zu definieren und muss auch für Portale wie kino.to und Angeboten von Kim Dotcom gelten."

"Kim Dotcom gibt es nur wegen des bestehenden Urheberrechts", sagte Musiker Kovacic: "Wenn das anders wäre, würde es ihn auch nicht geben." Dass die Vergütung von Musikern darauf aufbaue, bereits veröffentlichten Stücken "hinterherzurennen", halte er für falsch. "Es kann bei der Vergütung nicht darum gehen, welche Nummer wie oft gespielt wurde." "Kultur-Flatrates" oder Festplattenabgaben seien letztlich Steuern.

Wenn Google, das etwa mit YouTube Geld mit den Inhalten anderer Leute verdiene, Steuern bezahlen würde anstatt mit "Double-Irish"-Tricks seine Abgaben zu reduzieren, könnte viel Geld verteilt werden, meinte Kovacic. Das sollte aber nicht nach der Popularität der Stücke ausgeschüttet, sondern in Infrastruktur, Auftrittsmöglichkeiten und Ausbildung für Musiker investiert werden. Was nach der Veröffentlchung eines Werkes passiere, sei nicht mehr im Einflussbereich der Künstler, meinte Kovacic. "Musik muss für sich selber sprechen." Auf die Frage, ob es ihn nicht stören würde, wenn seine Musik in der Werbung vorkommt, meinte er: "Dann habe ich was falsch gemacht."

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(futurezone) Erstellt am 08.03.2013, 12:00

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