Digital Life

"Kinder haben Angst, von Technik abhängig zu sein"

Viele Kinder haben Angst, süchtig zu sein und machen sich über ihr eigenes Nutzungsverhalten von digitalen Geräten Sorgen. Fast alle Kinder können Symptome benennen, an denen sie erkennen, wann das Limit erreicht ist - also wenn sie zu lange vor ihrer Playstation oder dem Tablet der Eltern gesessen sind, doch nur wenige ziehen daraus Konsquenzen. Die futurezone sprach mit Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von SaferInternet.at, über das Problem und fehlende Alternativen.

futurezone: Wie erkennen Kinder, wann sie genug von ihren Konsolen oder Smartphones haben?
Barbara Buchegger: Sie werden wütend, aggressiv, die Augen tun weh oder sie verspüren einen Bewegungsdrang. Jedes Kind hat andere Symptome, aber nur wenige haben Alternativen. Oft schauen diese dann so aus, dass sie von Bildschirm A auf Bildschirm B wechseln statt mit dem Rad eine Runde zu drehen. Das Sitzen vor der Nintendo DS ist zu anstrengend, dann gehen sie auf die Wii, oder sie fernsehen. Alternativen abseits digitaler Geräte haben sie nicht eingelernt.

Woran liegt das?
Viele Kinder dürfen nur in den Park, wenn große Geschwister mitgehen, oder sie dürfen gar nicht alleine hinausgehen. Hier muss man seine Kinder gut unterstützen und man muss vor allem als Elternteil zulassen, dass sich Kinder auch mal wieder fadisieren dürfen. Das ist für Erwachsene anstrengend, aber „ruhig stellen“ mit digitalen Geräten ist auf Dauer keine Lösung.

Merken Kinder wirklich selbst, wenn sie zu viel Zeit mit ihren Geräten verbringen?
Kinder haben tatsächlich große Angst davor, süchtig zu sein, wissen aber meist genau, wann der Zeitpunkt erreicht wäre, mit dem Spielen oder Chatten aufzuhören. Weil sie, zumindest in der Pubertät, in ihrer Haltung gegen die Eltern sein müssen, machen sie aber weiter, anstatt aufzuhören.

Was können Eltern in so einem Fall tun?
Gemeinsam festgelegte Familienregeln helfen hier. Eltern müssen bereits vor der Pubertät beginnen, mit ihren Kindern über die Nutzung zu sprechen und gemeinsam mögliche Alternativen zu Computerspielen und Chats überlegen. Vor der Pubertät ist Zeit, in der Kinder lernen können, wann es zu viel wird, was sie für Alternativen haben – das muss man während der Volksschulzeit lernen. Da sind die Kinder auch in der Lage, entsprechende Schritte von selbst zu setzen und selbst erkennen, wann etwas zu viel ist, ohne dass sie in Widerstand gegen Eltern gehen müssen. Zu der Zeit lieben sie diese noch bedingungslos.

Also Eltern sollten früher ansetzen bei der Aufklärung über digitale Geräte.
Auch. Digitale Geräte sind aber auch deshalb so beliebt bei den Kindern, weil sie in der Schule praktisch gar nicht vorkommen. Das Spielerlebnis wird aus ihrer Sicht nicht gestört durch Arbeitsmöglichkeiten. Wären die digitalen Geräte auch in der Schule im Einsatz, dann wären sie in der Freizeit automatisch weniger attraktiv, weil sie an Schule erinnern. Die Trennung Schule und Freizeit ist aus der Sicht der Kinder wunderbar. Aber nicht nur die Schule, auch Eltern können etwas dafür tun, dass digitale Geräte nicht nur als Spielzeug wahrgenommen werden. Es gibt einige gute Apps zum Lernen. Auch die Podcasts von WDR sind zu empfehlen.

Kommen aus Ihrer Sicht digitale Medien wirklich an Schulen noch nicht zum Einsatz?
Am Großteil der Schulen nicht. Vereinzelt gibt es unglaublich engagierte Lehrer, die in der Lage sind mit wenig digitalen Geräten trotzdem einen großartigen, digital angereicherten Unterricht zu machen, etwa mit den Handys der Schüler. Das Problem ist, dass Eltern keinen Verlass darauf haben, dass ihre Kinder sicher digital kompetent werden in der Schule. Das ist eine große, ferne Utopie.

So weit weg?
Es gibt zwar eine Definition für digitale Kompetenzen mit Unterrichtsbeispielen, aber aus Elternsicht ist es Zufall, ob mein Kind einen Lehrer hat, der das auch umsetzen kann. In einem Zeitalter, in dem die Informationskompetenz so wichtig ist im Beruf, ist es notwendig, dass die Schule darauf vorbereitet. Selbst bei Schulen mit eLearning-Schwerpunkt kann man Pech haben und den einen Lehrer erwischen, den es an jeder Schule gibt, den es nicht interessiert.

Wie sehen geeignete Alternativen zum Spielen mit digitalen Geräten aus?
Man muss mit Kindern auch öfters Fußball spielen gehen, einen Ausflug machen, oder schwimmen gehen, ohne dass man digitale Geräte mitnimmt. Das ist oft mühsam für Eltern, aber ohne dem geht es nicht.

Sollten Eltern hier auch Vorbild sein? Viele Erwachsene checken ja selbst in einer Tour ihre Smartphone-Nachrichten.
Ja, es sind wirklich viele Kinder, die diese Alternativen nicht haben, weil sie es von den Eltern nicht anders gelernt haben. Wenn ich auf einem Spielplatz der Eltern-Kinder-Kommunikation zuschaue, erlebe ich, dass die Eltern völlig wo anders sind und die Kinder sich immer anstrengen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erreichen.

Eltern sind immer erreichbar, auch während den Mahlzeiten, wenn der Chef anruft, heben sie das Telefon ab. Das Vorbild, sich einfach mal abzugrenzen, fehlt ganz vielen Kindern. Je mehr Eltern Smartphones haben, desto mehr nimmt das Problem zu. Eltern kennen die Grenzen genauso wenig wie ihre Kinder. Es ist daher durchaus eine Herausforderung, die Auszeiten zu erkennen.

Braucht es Ihrer Meinung nach mehr digitale Auszeiten?
Ja, vor allem gemeinsame, digitale Auszeiten von Eltern und Kindern. Mahlzeiten, die medienlos sind. Auf Elternabenden höre ich aber 100 Argumente, warum das in ihrer Familie nicht geht.

Was raten Sie eigentlich Eltern, die das Buch „Digitale Demenz“ von Herrn Spitzer gelesen haben, wonach digitale Geräte Kinder dumm und dick machen?
Ich erzähle Ihnen, dass ihre Kinder leichter zu Mobbing-Opfern werden, wenn sie selbst als einzige keine digitalen Geräte haben. Weil Mobbing auf diesem Weg besser funktioniert und sie es nicht mitkriegen. Dann denken Eltern meistens darüber nach. Außerdem muss man hinterfragen, ob die Kinder nicht auf eine andere Art und Weise online gehen, ohne dass die Eltern das wissen.

Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Für Eltern ist es nicht immer leicht, mit ihren Kindern Schritt zu halten. Die futurezone hat ein paar Ratschläge für Eltern, um die erzieherischen Herausforderungen, die durch die Digitalisierung dazu gekommen sind, gemeinsam mit ihrem Nachwuchs zu bewältigen:

Regeln vereinbaren. Zur Konfliktvermeidung sind klare Regeln, die von allen Familienmitgliedern gemeinsam festgelegt werden, hilfreich. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, was es im Internet veröffentlichen, ob es Apps selbstständig runterladen, oder aber wieviel Zeit es vor Spielekonsolen verbringen darf.

Familienzeiten. Jede Familie sollte Zeiten definieren, die sie miteinander ohne Unterbrechnung verbringen, etwa kein Fernsehen und kein Handy während dem Essen. Daran sollten sich dann aber auch die Eltern selbst halten, denn sie haben Vorbildfunktion.
Vorbildfunktion .Eltern sollten immer das vorleben, was sie ihren Kindern vermitteln möchten. Ergo: Auch für Eltern sollte das Abrufen von Kurznachrichten am Smartphone während einem Gespräch mit dem Kind tabu sein, wenn man sich dasselbe von seinem Kind wünscht.

Von Kindern lernen. Wenn Sie sich bei digitalen Geräten weniger gut auskennen, als Ihr Kind, begreifen Sie dies als Chance, von ihrem Nachwuchs zu lernen und sich selbst etwas zeigen zu lassen. Hat man mit seinem Kind eine gute Gesprächsebene und begegnet seinem Nachwuchs auf Augenhöhe, ist es nicht so wichtig, dass man selbst weniger gut auskennt mit den digitalen Geräten.

Alternativen. Damit Kinder nicht nur vor dem TV-Gerät oder der Spielekonsolen Zeit verbringen, sollten genügend Alternativen geboten werden. Spannende Ausflüge in die Natur oder Mal- oder Kreativ-Kurse als Beschäftigung könnten als Abwechslung dienen.

In-App-Käufe. Da Kinder immer früher Handys bekommen, sollten Eltern gerade am Anfang die Möglichkeit, Einkäufe während der Nutzung einer App zu ermöglichen, unterbinden. Oft tätigen Kinder unabsichtlich Bestellungen während eines Spiels, weil sie diese noch nicht von Werbebannern unterscheiden können. Hier ist Vorsicht geboten.

Privatsphäre. Besprechen Sie mit Ihrem Kind, was für Konsequenzen es haben kann, wenn es selbst Inhalte wie urheberrechtlich geschützte Bilder im Internet postet oder mit Freunden per Kurznachrichtendienst teilt. Akzeptieren Sie auch, wenn es ihr eigenes Kind nicht möchte, dass Sie es ständig fotografieren.

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Vortragende. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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