Digital Life
17.03.2014

Die Tagespresse: “Facebook ist wie geschaffen für Satire”

Fritz Jergitsch, Mastermind hinter der Satireseite “Die Tagespresse”, wurde zum Onliner des Jahres gekürt. Die futurezone sprach mit ihm über sein Projekt.

Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, seit der Student Fritz Jergitsch die österreichische Satireseite “Die Tagespresse” ins Leben gerufen hat. Die Erfolgsgeschichte, die er damit geschrieben hat, ist schon jetzt beachtlich. Kaum jemand hierzulande kennt die Webseite nicht, insbesondere über soziale Netzwerke werden die Satire-Artikel massenhaft verbreitet und auch in der heimischen Medien-und Politszene hat sich die Tagespresse einen Namen gemacht.

Die Leser von Werbeplanung.at wählten Fritz Jergitsch kürzlich in der Kategorie “Aufsteiger” zum Onliner des Jahres 2013. Die futurezone nahm dies zum Anlass, mit dem Studenten über sein Satire-Projekt zu plaudern.

futurezone: Wenn wir nochmal ganz zurück an den Anfang gehen, wie ist die Idee zur Tagespresse entstanden, gab es einen bestimmten Auslöser, mit dem Projekt zu starten?
Fritz Jergitsch: Ich war immer ein großer Fan von Satireseiten wie The Onion in den USA oder der Postillion in Deutschland, gleichzeitig fand ich es immer schade, dass es so etwas in Österreich nicht gab. Vor circa einem Jahr, als ich mit meinem Bachelorstudium fertig war, wurde mir ein bisschen langweilig und ich hab damit begonnen, einfach mal Texte nur so für mich zu schreiben - vor allem, weil ich mich über Dinge in der Politik geärgert habe. Mit der Zeit haben sich einige Texte angehäuft und ich hatte die Idee, einen Blog dafür einzurichten. Ende Mai bin ich dann damit online gegangen.

Wie wurden die Leute auf die Seite aufmerksam?
Anfangs habe ich noch häufiger inkognito Links zu meinen Artikeln in den Online-Foren von Zeitungen gepostet. Das Ganze wurde dann aber recht bald zum Selbstläufer und ich habe damit begonnen, regelmäßig Texte zu schreiben.

Welcher Text brachte dann erstmals einen durchschlagenden Erfolg?
Der erste Artikel, der wirklich oft geteilt wurde, war einer über die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich. Da habe ich gemerkt, wie schnell sich etwas viral verbreiten kann. Wirklich abgehoben ist dann mein Snowden-Artikel Ende Juni, über den auch Zeitungen berichtet haben.

Verstehen die Leute immer, dass es sich um satirische Artikel handelt, oder gibt es häufig Verwirrung?
Als ich den Artikel über Keuschi, das enthaltsame Känguru gemacht habe, hat tatsächlich die katholische Kirche im Nachhinein eine Presseaussendung verschickt, um klarzustellen, dass es sich um Satire handelt. Da haben offenbar einige Leute angerufen und sogar mit Kirchenaustritt gedroht.

Sind Sie nach wie vor der alleinige Autor der Tagespresse oder gibt es auch andere, die an dem Projekt mitarbeiten?
Nein, das mache nur ich. Ich halte zwar Ausschau nach einer zweiten Person, die hin und wieder Texte beisteuern würde. Allerdings findet man diese Leute nicht so leicht. Man muss schon gut schreiben können und es müsste jemand aus dem Kabarett-Eck sein und Out-of-the-box denken können.

Bleibt die Tagespresse Ihr Hobby, oder gibt es Pläne, daraus ein richtiges Geschäft zu machen?
Ich schalte mittlerweile Werbung, das reicht für meinen Server und es bleibt noch ein Taschengeld übrig. Davon leben kann ich aber nicht, dazu bräuchte es richtige Vermarktung. Allerdings finde ich es, so wie es derzeit ist, recht angenehm.

Wie viel Zeit investieren Sie in das Projekt?
Grundsätzlich verbringe ich sehr viel Zeit mit Nachdenken, das kann ich aber eigentlich überall. Mit dem Schreiben an sich, dem Betreuen der Website und dem Beantworten von E-Mails verbringe ich zehn bis 15 Stunden die Woche, gelegentlich kann es auch mehr sein.

Hätten Sie vor einem Jahr gedacht, dass die Tagespresse einmal so bekannt und erfolgreich wird?
Überhaupt nicht. Ich hab einfach nur drauf los geschrieben, weil es mir Spaß gemacht hat. Es war für mich selbst ein Weg, meine Kritik und meinen Unmut über gewisse Dinge zu äußern.

Wie sieht es mit Rückmeldungen auf die Artikel aus, kommen manchmal auch Beschwerden?
Interventionsversuche gibt es praktisch nicht. Ich habe einmal etwas über das AKH geschrieben, dass sie eine Priority Lane in der Notfallambulanz einführen wollen, da kam dann eine E-Mail, dass es Beschwerden von Patienten gegeben hätte und ob ich den Text nicht löschen könnte.

Eine grundlegende Frage: Darf Satire alles?
Ich finde nicht. Satire darf nicht alles. Tucholsky hat das gesagt, dass Satire alles darf. Aber ich sehe das eigentlich überhaupt nicht so. Für mich wirkt das wie ein Stempel für jeden Text, sei er noch so beleidigend, um sich nicht einer Kritik stellen zu müssen. Ich sehe Satire eher als Qualitätsgütesiegel, das sich ein Text nur dann verdient hat, wenn er zum einen lustig und unterhaltsam ist, und wenn er zum anderen auch Missstände aufzeigt und kritisiert. Wenn das zutrifft, dann hat Satire natürlich gewisse Freiheiten und darf auch mal unter die Gürtellinie gehen.

Wo ziehen Sie persönlich die Grenze, worüber würden Sie sich niemals lustig machen?
Über Minderheiten. Ich versuche immer, meine Kritik an “die da oben” zu richten. Da gibt es gewisse Grenzen, die ich mir gesetzt habe. Ich versuche aber auch bei Naturkatastrophen, etc. vorsichtig zu sein.

Haben Sie thematische Präferenzen, wovon Ihre Satireartikel handeln?
Grundsätzlich bin ich sehr ideengetrieben, wenn ich eine hab, dann schreib ich darüber. Ich interessiere mich am meisten für Innenpolitik, daher schreibe ich auch am meisten darüber. Wenn mir allerdings eine Idee zu etwas anderem kommt, dann entsteht daraus auch ein Artikel.

Wo würden Sie sich selbst politisch einordnen?
Eher linksliberal würde ich sagen. Als Satiriker versuche ich aber natürlich meine politische Einstellung im Hintergrund zu halten und in alle Richtungen zu schlagen. Aber klar, ich bin auch ein Mensch mit einer politischen Meinung.

Gibt es einen Artikel, auf den Sie persönlich ganz besonders stolz sind?
Der Artikel, über den ich mich persönlich am meisten gefreut habe, auch weil er so gut angekommen ist, wer jener über die Mariahilfer Straße. Mir ist diese Debatte dermaßen auf die Nerven gegangen, weil im Zuge des Wahlkampfs im Herbst alles so aufgebauscht wurde. Der Artikel war nämlich gar nicht so übertrieben, nimmt man die Toten weg, über die ich da schreibe, dann könnte das auch eine ÖVP-Aussendung sein.

Worüber lachen Sie selbst, welche Satirewebseiten oder TV-Sendungen konsumieren Sie regelmäßig?
Ich schaue gerne Willkommen Österreich, auch Dorfers Donnerstalk fand ich immer lustig. Natürlich mag ich The Onion und Postillion, ich lese auch diverse Satirezeitungen aus dem Ausland. Aber letztlich finde ich die österreichischen Formate schon ganz gut.

Wie viele Zugriffe verzeichnen Sie in der Regel bei einem Artikel?
Das ist wirklich ganz unterschiedlich. Einen mäßigen oder schlechten Artikel lesen 10.000 bis 15.000 Leute. Artikel, die oft geteilt werden, können aber auch bis zu 350.000 bis 400.000 Leser erreichen. Gerade über Facebook kann sich das teils irrsinnig schnell verbreiten.

Wie wichtig sind denn soziale Medien wie Twitter und Facebook für den Erfolg der Tagespresse?
Satire ist wie geschaffen für Facebook und Facebook ist wie geschaffen für Satire. Es werden vor allem Inhalte geteilt, die Emotionen auslösen, Lachen, Wut, Trauer. So gesehen werden satirische Artikel öfter geteilt als normale Nachrichten. Mir war natürlich von Anfang an klar, dass ich darauf achten muss, dass man meine Artikel sharen kann, dass ich den Like-Button integriere, usw. 80 Prozent meiner Besucher kommen über Facebook, die Zugriffe via Twitter sind minimal, aber ich bin da natürlich auch vertreten, weil es dazu gehört.

Welche Zielgruppen sind die Kernleserschaft der Tagespresse?
Ich richte mich ja nicht gezielt an Leute. Von Facebook-Statistiken weiß ich aber, dass der typische Tagespresse-Leser aus Wien kommt, zwischen 25 und 35 Jahre alt ist und eine akademische Bildung hat.

Abschließende Frage: Wird es die Tagespresse in fünf Jahren auch noch geben?
Gute Frage. Ich mache das solange ich darauf Lust hab. Ich glaub aber nicht, dass ich es jemals einstellen würde, sollte ich keine Ideen mehr haben. Ich würde dann wahrscheinlich versuchen, die Tagespresse von jemand anderem weiterführen zu lassen, vielleicht ein paar Kabarettisten anschreiben und sie fragen, ob sie das machen wollen. Es wäre ja schade darum, denn sonst würde es in Österreich wieder keine Satire-Plattform geben.

Fritz Jergitsch

Fritz Jergitsch wurde 1991 in Wien geboren. Nach Matura und Zivildienst begab er sich in die Niederlande, wo er Volkswirtschaft studierte. Im Mai 2013 gründete er das Satiremagazin "Die Tagespresse", wo regelmäßig Themen aus Politik, Wirtschaft, Sport und Society auf die Schaufel genommen werden.