© Stephan Borovizceny

Österreich
06/08/2012

IBM-Chefin fordert IT-Ferialjobs für Lehrer

Tatjana Oppitz (50) ist seit 1989 bei IBM und leitet seit Anfang 2011 als Generaldirektorin das Österreich-Geschäft. Sie macht sich nicht nur für die Karrierechancen für Frauen in der IT-Welt stark, sondern hat auch einen Vorschlag parat, wie man den Nachwuchs Hightech-fit machen kann: Lehrer sollten im Sommer Weiterbildung bei IT-Firmen machen können.

Sie sind seit eineinhalb Jahren an der Spitze von IBM-Österreich. Damals gab es ein Drittel weibliche Angestellter. Hat sich dahingehend etwas verbessert? Tendenz zur Hälfte?
Wir liegen nach wie vor bei etwa 33 Prozent, aber wir haben heute in der Geschäftsleitung mehr Frauen. Sabine Fleischmann leitet die Software-Group von IBM Österreich. Wir haben mit Christine Laggner eine neue Unternehmenssprecherin, mit Simone Orenovic eine neue Human- Ressource-Chefin. Wir haben in der Vergangenheit Positionen mit Frauen besetzt, aber, und das möchte ich hervorheben, mir geht es um Qualifikation. Nur damit man Frauen hat, stellt man keine Frauen ein. Es gibt viele tolle Frauen in Vorstandsfunktionen. Aber wenn man die Magazine aufschlägt, sieht man nur die Herren mit ihren tollen Krawatten.

Die Geschäftsführerin des BRZ, Sumper-Billinger, meinte in einem futurezone-Interview, dass niemand eine Quotenfrau sein möchte.
Es wäre für mich persönlich eine Beleidigung, wenn ich hören würde, dass ich eine Quotenfrau bin. Was ich heute bin, habe ich mir sehr hart erarbeitet. Es geht um Kompetenz und Qualifikation. Wenn wir über den Frauenanteil reden, sollten wir uns im Klaren sein, wie wir diese Pipeline aufbauen. Diese beginnt nicht in der IBM, sie beginnt viel früher, nämlich in den Kindergärten. Sie kennen sicherlich unseren Kidsmart-Computer, den wir an Kindergärten herschenken. 800 Computer haben wir an Kindergärten bislang überreicht.

In Kindergärten gibt es ja nach wie vor Puppenecken für Mädchen und Bastelecken für Buben.
Leider. Der Kidsmart hat eine Bank, auf die sich zwei drauf setzen können, und das sollten jeweils ein Bub und ein Mädchen sein. Die sollen zu zweit dort spielen, damit sie die Hemmungen ablegen. Warum soll ich die Kinder trennen? Man sieht im Kindergarten immer, dass die Buben die Stärkeren sind, und den Mädchen die Computer wegnehmen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass man von Anfang an die Mädchen für diese Berufe begeistern muss. Die Mädchen verlieren im Alter von 12, 13 Jahren das Interesse und die Lust an technischen Berufen. Und da müssen wir sie abholen und gezielte Programme starten, wie etwa Computercamps, aber die sollten gemischt sein.

Was würden Sie in der Ausbildung von Jugendlichen ändern?
Die Kidsmarts sind eine Variante, aber es geht auch darum, bei den Erziehern und Lehrern Bewusstsein zu schaffen.
Das Problem sind, das klingt jetzt sehr hart, die Pädagogen und Lehrer.  Wie können wir die motivieren, welche Ausbildung sollen die künftig haben? Ich denke, dass Kinder heute überhaupt keine Hemmung haben, mit solchen Geräten zu arbeiten. Aber es kommt eine riesengroße Herausforderung auf die Pädagogen zu, weil die Kinder alle in den Social Networks aufwachsen. Wir wollen ja aus den Kindern keine Avatare machen, wir wollen sie erziehen, ihnen eine adäquate Bildung zukommen lassen. Und da gehören Werte dazu.

Die sollten ihnen aber von den Eltern und den Lehrern vermittelt werden.
Die Kinder verbringen sehr viel Zeit in der Schule. Daher stellt sich die Frage: Wie kann man sicherstellen, dass Lehrer mehr Praxisbezug bekommen? In diesem Punkt bin ich für eine grundlegende Reform. Man muss Programme schaffen, in denen Lehrer in Betrieben tätig sind, um zu wissen, wie die Praxis läuft. Sie sollen wissen, wie tickt eine IBM, wie eine Voest Alpine. Erst nach dieser Praxis sollen sie wieder zurück in die Schule.

Ferialjobs für Lehrer sozusagen?
Ferialjobs für Lehrer. Ja wirklich. Wir brauchen eine andere Lehrerschaft, sie brauchen Praxis und sie müssen lernen, wie die Wirtschaft funktioniert. Über die Schulreform wird genügend diskutiert, aber wir müssen bei den Lehrern ansetzen. Zudem muss sich alles vielmehr vernetzen.

Was meinen Sie damit?
Wenn jemand mit 55 beschließt, seine aktive Karriere zu beenden, ist es doch möglich, wieder in eine Schule zu gehen und zu unterrichten. Wir haben bei der IBM so viele gute Leute. In den USA funktioniert das super.

Aber nicht jeder ist als Pädagoge geeignet.
Nicht jeder, aber doch einige, denn sie sind durch den IBM-Drill gegangen. Sie haben Präsentationstechniken gelernt, sprechen alle gut Englisch, kennen sich in der IT aus und könnten so viel zurückgeben. Wenn ich in der Pension bin, ich würde so gerne etwas zurückgeben wollen. Man muss das aufbrechen, wir leben in einer offenen Welt.

Ihre Forderung nach Ferialjobs für Lehrer – da rechnen Sie aber schon mit Gegenwind der Lehrergewerkschaft?
Bestimmt. Aber warum sollte man eine gute Idee nicht aussprechen? Wenn man darüber nicht diskutieren darf, würden wir mit unseren Ideen stecken bleiben. Natürlich wird es einen Lehrer nicht freuen, wenn er eine Ferialpraxis machen muss. Aber es geht darum, sie dafür sensibel zu machen, welche Fähigkeiten ein Jugendlicher 2030, 2040 haben muss, wenn er auf den Arbeitsmarkt kommt. Lehrer müssen die Jugend motivieren. Denkt heute schon jemand schon so weit? Wir müssen heute ein Fundament schaffen für unsere Kinder. Ich habe keine, aber es wäre verantwortungslos zu sagen, dass mich das nicht interessiert. Man hat eine gesellschaftliche Verantwortung, daher sollten alle mitarbeiten.

Themenwechsel: IBM firmiert noch immer als „IBM Österreich Internationale Büromaschinen Gesellschaft m.b.H.“ Welche Büromaschinen verkaufen Sie?
Eine gute Frage, ich muss immer darüber lachen. Die einzigen Büromaschinen sind unsere Server. Die Bezeichnung ist nicht mehr zeitgemäß. Auf Englisch klingt´s ja nicht so schlimm, “Business Machine”, aber auf Deutsch klingt es sehr hart. Wir müssen das echt ändern, aber das wird schwierig.

Warum ist der Standort Österreich für IBM so spannend?
Das Besondere an IBM Österreich ist, dass wir hier einen überschaubaren Markt haben, auf dem wir uns sehr gut positionieren können. Wir sind in allen Bundesländern vertreten. Das macht uns im vergleich zu anderen Marktbegleitern zu etwas Besonderem. Österreich ist fast ein familiäres Business, die Kunden kennen uns.

Seit drei Wochen ist IBM im Ranking der wertvollsten Marken wieder Nummer 2 – hinter Apple und vor Google & Co. Ist es nicht schade, dass ihre Themen schwerer vermittelbar und anders als Google-Produkte für die Konsumenten nicht greifbar sind?
Ob Google, Facebook, Apple oder Amazon, um die „fabelhaften Vier“ zu nennen, alle arbeiten mit IBM-Produkten. Wir stellen jene Dienstleistungen und Services zu Verfügung, damit deren Systeme, die beim Konsumenten gut laufen, funktionieren.

Ist es gut, im Hintergrund zu agieren? Verzichtet man da gerne auf Öffentlichkeit?
Es ist schon bemerkenswert, dass wir die zweitbegehrteste Marke sind. Die Aktie ist gestiegen, wir haben uns weiterentwickelt, unsere Strategie wurde konsequent umgesetzt. Wir haben diese „Smarter Planet“-Strategie, wir wollen den Planeten Erde intelligenter gestalten. Ich war einige Male in unserem Schweizer Forschungszentrum Rüschlikon, dort haben wir 2011 das Nano-Technologie-Center eröffnet. Das ist eine Rieseninvestition. Dort gibt es einen Noise-Free-Room, um Nanotests durchzuführen. Ich kann ihnen die Tests nicht erklären, dazu sind sie zu komplex. Aber dort stellen ihnen die Wissenschafter die Roadmap 2060 vor – was in 48 Jahren passieren wird. Das macht mich stolz, da passiert Grundlagenforschung, da sitzen die Gurus, die beschäftigen sich nicht damit, was in fünf Jahren passieren wird, sondern 2060. Ein Wahnsinn.

Was sind die IBM-Trends in der Zukunft?
Auf jeden Fall Nanotechnologie, ganz logisch, da investieren wir sehr viel. Dieses Center ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der ETH in Zürich. Wie können Chips, Prozessoren noch kleiner werden. Das zweite Thema ist der Bereich Analytics. Wir reden heute vom „Systems of People“, alles dreht sich um die Menschen und da geht es darum, wie wir die Menge an strukturierten und unstrukturierten Daten, die wir alle erzeugen, auswerten können. Täglich werden 15 Petabytes an Daten erzeugt. Das ist acht Mal das Volumen, das derzeit in allen US-Bibliotheken vorhanden ist. Aber uns geht es darum, nicht nur diese Daten zu analysieren, sondern auch zu verifizieren, wie gut die Daten sind. Über die vergangenen Monate hat IBM hier viel Firmen gekauft. Jedes Auto ist heute schon ein fahrendes Rechenzentrum.

In einem BMW der jüngsten Generation stecken bis zu 400 Leiterplatten, hat mir kürzlich AT&S-Generaldirektor Gerstenmayer erzählt.
Und da wollen wir wissen, was da alles an Daten erzeugt wird, von Sensoren und der Elektronik. Und dazu zählt ja noch das intelligente Traffic-Management. Es ist nicht intelligent, eine Stadt für Autos zu sperren, wirklich intelligent ist, Daten zu analysieren, etwa Wetterdaten, und dem Konsumenten Empfehlungen zu geben. Beispiel: Heute ist ein sonniger Tag, fahre mit dem Rad bis zur Schnellbahnstation, dann in die Stadt und nimm dir dann ein Elektrofahrzeug.

Was wird heute als Intelligent Traffic-Management bezeichnet?
Das bedeutet, dass die Informationen, Empfehlungen auf einen Konsumenten zugeschnitten werden.  Das verstehe ich unter „Systems of people“. Die Technologie ist heute vorhanden, das zu verknüpfen, das ist die Herausforderung. In Zukunft sollte es so sein, dass das System der Frau Oppitz oder dem Herrn Reischl drei Optionen anbietet, in dem ich verschiedene Daten analysiere, in dem ich auch die Kosten oder auch die verursachten CO2-Werte anzeige. Mobilität der Zukunft bedeutet, alle Verkehrsmittel einzubeziehen, von Auto über Öffentliche bis zu eBikes etc. Und auch hier muss die  Bevölkerung umdenken, Fahrgemeinschaften bilden, auf Elektroautos umsteigen. Die neue Generation wird nicht ein Auto als Statussymbol besitzen wollen, sondern sie wollen von A nach B und wollen das beste Verkehrsmittel.

Wie sehen die Trends auf dem medizinischen Sektor aus?
Die Medizin ist ein wichtiger Teil unserer Smarter Planet-Strategie. Da haben wir ein tolles Projekt mit einer Versicherung in Österreich für Diabetiker. Die müssen nicht zum Arzt fahren, sondern können ihre Daten über das Handy an den Arzt übermitteln. Unser Lieblingsthema ist die Elektronische Gesundheitsakte. In Dänemark haben wir ein Patientenportal entwickelt, auf dem man jede Informationen erhält. Bei uns sind ja die Ärzte dagegen. Denn es wird bei uns nicht der gläserne Patient, sondern der gläserne Arzt befürchtet. Ich fände ein zentrales Gesundheitsarchiv, in dem alles von mir gespeichert ist, toll. Ich brauche die orangen Kuverts mit den Röntgenbilder nicht.

Wie schätzen sie die Innovationskraft Österreichs ein?
Unsere Forschungsquote liegt in Österreich bei 2,8 Prozent, damit liegen wir knapp hinter der Schweiz, Finnland und Dänemark und über dem Schnitt der EU 27. In Österreich passiert sehr viel an Innovation, wenn man sich die Startup-Szene ansieht. Aber haben wir die Hebel diese Innovation wirklich hinauszutragen, auf eine nächste Stufe zu stellen?  Ich glaube, dass als Innovationsland nicht so schlecht da stehen, wie wir dargestellt werden. Es gibt viele Initiativen, das beginnt bei einer Infineon in Villach, geht über kleinere Betriebe und endet bei Startups, die niemand kennt. Wir müssen die Jugend ermutigen, sich zu trauen, innovativ zu sein.

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