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Digital Life
10/24/2013

"Schadenfreude treibt Trolle an"

Online-Foren sind kein Ponyhof. Der Umgangston mancher User schrammt hart an der Grenze zur Klagbarkeit, oft auch darüber. Ein Gespräch mit Ingrid Brodnig über Trolle, Anonymität und Klarnamen.

Wenn die Debattenkultur im Web selber Thema einer Debatte wird, geht es bei dieser auch nicht zivilisierter zu als in den derzeit wieder einmal massiv in Kritik geratenen Online-Foren. Sind diese nun "Habitate der Schwarmbosheit" (wie die Wiener Zeitung schreibt) oder regt der – oft rauhe – Umgangston nur "Wichtigmacher und Innen" auf, "die alles menschenverachtend und rechtsextrem finden, was nicht im Bobostan-Grundgesetz steht" (Michael Fleischhacker in seiner Kolumne)?

Wie das Amen im Gebet fällt dann auch immer der Begriff "Klarname". Menschen pöbeln im Schutz der Anonymität mehr, lautet das Argument der Befürworter. Dass es aber ausreichend Gegenbeispiele gibt, dass in anonymen Foren oft sehr respektvoll, hingegen in Foren mit "Ausweispflicht" durchaus auch untergriffig gepostet wird, führen die Gegner ins Feld.

Die Journalistin Ingrid Brodnig setzt sich in ihrem aktuellen Buch mit dieser Fragestellung auseinander ("Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert", erscheint im Jänner 2014 im Czernin-Verlag). Wir haben bei ihr nachgefragt.

KURIER: Welchen Effekt hat eine Klarnamen-Policy in Foren? Bessert sich dadurch das Klima in einer Community?

Brodnig: Sind Klarnamen die Lösung? Nicht unbedingt. Der springende Punkt ist nämlich, dass es gelindere Mittel gibt, um für einen guten Ton im Onlineforum zu sorgen. Entscheidend ist Moderation: Es ist wichtig, dass Onlinemedien Verantwortung für ihren Ton im Forum übernehmen und eingreifen, wenn Beleidigungen und Untergriffe kommen. Das passiert leider viel zu selten. Beleidigungen bleiben unkommentiert und ungelöscht und das führt dazu, dass konstruktive Stimmen leiser werden oder verstummen. Die Debatte um Klarnamen lenkt vom eigentlichen Problem ab: In vielen Foren wird viel zu wenig moderiert und zugeschaut, wie einzelne Trolle das Wort an sich reißen.

Den Wunsch nach einem konstruktiven Forum, in dem Poster respektvoll miteinander umgehen, haben alle. In Österreich scheitern aber so gut wie alle daran. Woran liegt das?

Gute Moderation kostet Geld, daran scheitert es sehr oft. Dieses Geld fließt einerseits ins Personal, das die Kommentare liest und eingreift, ehe der Ton zu aggressiv wird. Andererseits braucht es auch Geld für technische Entwicklung: Es gibt mittlerweile Tools und Mechanismen, um möglichst spannende Wortmeldungen sichtbarer zu machen und weniger Konstruktives in den Hintergrund zu drängen. Das ist entscheidend: Wir sollten nicht immer nur über die sogenannten „bösen Poster“ reden, sondern vor allem die Frage stellen: Wie machen wir die guten Poster, also die konstruktiven User sichtbarer? Wenn man solche lesenswerten oder eloquenten Wortmeldungen in den Vordergrund rückt, ist das das richtige Signal. Damit stellt man jene in die Auslage, die das verdient haben.

Gibt es ein Best Practice Beispiel im deutschsprachigen Raum, an dem man sich orientieren kann?

Der deutschsprachige Raum hinkt hier noch hinterher. Die Onlineredaktion Zeit.de leistet sich aber zum Beispiel eine sehr gute Moderation, da wird wirklich jeder Kommentar gelesen.

Hat sich schon einmal jemand ausgerechnet, was ein sinnvoller Betreuungsschnitt wäre? Quasi: Wieviele Poster pro Moderator, damit es klappt?

Da gibt es noch keinen fixen Schlüssel: In Wahrheit stehen wir bei dieser Fragestellung erst ziemlich am Anfang, aber das Tolle ist, dass sich derzeit viel tut. Viele Zeitungen investieren in der letzten Zeit zunehmend in Moderation oder probieren neue technische Lösungen aus. Da findet ein Umdenken in der Branche statt: Immer mehr Onlinemedien wollen aktiv gegen die Trolle in ihrem Forum vorgehen. Eine Zahl, die interessant ist: Zeit.de, also die Onlineausgabe der deutschsprachigen Wochenzeitung, leistet sich zwei Community-Redakteure und 12 Moderatoren, die sich sämtliche Kommentare ansehen und auch einen Grund angeben, wenn sie etwas löschen.

Trotz allem stellt sich die Frage: Warum wird online so viel mehr getrollt als offline? Kaum jemand würde an der Billa-Kassa die Kassierin ohne Anlass beleidigen. Im Web ist so ein Verhalten Alltag.

Dazu gibt es großartige psychologische Erklärungen. Eine ist der „Online Disinhibition Effect“, die sogenannte Online-Enthemmung. Sie erklärt, warum Menschen online oft aggressiver werden, Dinge in Chats und Foren niederschreiben, die sie niemals jemanden ins Gesicht sagen würden. Die Anonymität ist bei dieser Online-Enthemmung ein Faktor, wichtig ist aber zum Beispiel auch die sogenannte „Unsichtbarkeit“. Soll heißen: Wenn ich am Computer sitze und mit jemandem online leidenschaftlich streite, dann sehe ich mein Gegenüber nicht. Dadurch fehlen non-verbale Signale, die mir sofort zu erkennen geben, wenn ich jemanden zutiefst verletze oder zu privat werde. Der Augenkontakt hat zum Beispiel nachweislich eine hemmende Wirkung. Wenn man jemanden in die Augen schaut, sagt man vielleicht nicht: Du Arschloch!

Als "Heilsversprechen" werden derzeit Reputations-Systeme gehandelt, wie sie beispielsweise die New York Times verwendet. Hilft das?

Ja, Reputationssysteme sind sicher ein guter Ansatz, aber es gibt noch keine Patentlösung, wie man das technisch am besten umsetzt. Zum Beispiel funktioniert es nicht, nur rote Striche zu verteilen, denn oftmals fühlen sich Trolle durch diese roten Striche erst recht bestätigt. Im Kern geht es darum, Algorithmen und Mechanismen zu entwickeln, um die Störenfriede zurückzudrängen und interessante Postings hervorzuheben. Derzeit werden Kommentare meist chronologisch gereiht, das neueste Posting erscheint dann ganz oben. Das ist allerdings oft ein Unsinn. Warum sollte ausgerechnet das letzte Posting jenes sein, das am lesenswertesten ist? In meinem Buch bringe ich Beispiele, wie man es anders machen könnte.

Stichwort: "Don't Feed The Trolls". Ist das der richtige Ansatz? Wie soll ich mich persönlich verhalten, wenn ich attackiert werde?

Das Schlimmste für einen Störenfried ist, wenn er keine Aufmerksamkeit bekommt. Deswegen ist es sicherlich eine gute Strategie, Trolle einfach zu ignorieren. Oft gehen sie dann woanders hin, wo sie Opfer finden, die sich sichtbar aufregen. Die Schadenfreude treibt Trolle quasi an. Aber ich warne davor, „Don’t Feed The Trolls“ als Patentlösung zu sehen: Denn manche Untergriffe sind einfach so bösartig und verlogen, dass man notgedrungen reagieren muss. In solchen Fällen bräuchte es mehr Verantwortung von den Forenbetreibern. Die Opfer von Trollen sollen nicht allein im Regen stehen gelassen werden. Mehr und mehr wird das auch zum Thema, das Unrechtsbewusstsein wächst.

Troll dich!

Zum Thema "Klarnamenpflicht versus Anonymität in Internet-Foren" veranstaltet die Initiative für Qualität im Journalismus eine Podiumsdiskussion mit Ingrid Brodnig (Falter), Gerlinde Hinterleitner (Standard) und Corinna Milborn (Puls 4) und Markus Huber (Fleisch). Moderation: Eva Weissenberger (Kleine Zeitung).

Ort / Zeit: APA-Campus, Laimgrubengasse 10, 1060 Wien, 24. Oktober,19 Uhr