Der Österreicher Sebastian Ofner im Wimbledon.

Der Österreicher Sebastian Ofner im Wimbledon.

© EPA/ADAM VAUGHAN
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Digital Life

Wie KI Wimbledon verändert und dir Training auf Profi-Niveau ermöglicht

In Wimbledon findet gerade die 139. Ausgabe des prestigeträchtigsten Tennisturniers der Welt statt. Bei der Traditionsveranstaltung, die erstmals 1877 stattfand, ist Innovation vielleicht nicht das Erste, was einem in den Sinn kommt. Dennoch will man auch hier neue Maßstäbe setzen. So soll die ganze Welt das Spektakel so nah wie möglich erleben.

Allein vor Ort in London besucht eine halbe Million Menschen das Event. „Vergangenes Jahr haben uns noch einmal etwa 730 Millionen Menschen von außerhalb verfolgt“, sagte Usama Al-Qassab, Vertriebsdirektor von Wimbledon, bei einer Pressekonferenz vor der Eröffnung. Damit der digitale Kontakt mit Tennisfans in aller Welt so reibungslos wie möglich funktioniere, arbeite sein Team mit dem Technologiepartner IBM seit 36 Jahren daran, das Sportevent digital perfekt abzuwickeln.

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156 Datenpunkte pro Match Point

„Wir erfassen 156 Datenpunkte pro gespieltem Ball. Im Laufe eines einzigen Turniers sind das 7 Millionen Datenpunkte“, sagt Kameryn Stanhouse, VP Global Sports Partnerships bei IBM, der futurezone. Die gigantische Menge an Kamera- und Sensordaten fließt in kürzester Zeit in diverse Kanäle. Dort werden sie mit Software aufbereitet: Etwa als Grundlage für Schiedsrichterentscheidungen, für Live-Statistiken und die Leistungsanalyse der Spieler. Marktforscher nennen diesen Trend zur Digitalisierung von Sport-Großevents „Smart Stadium“.

Im Vorjahr hat sich Wimbledon etwa von menschlichen Linienrichtern verabschiedet. Stattdessen setzt das Tennis-Großevent auf sogenanntes Electronic Line Calling (ELC), bei dem ein „Hawk-Eye“ genanntes Hochgeschwindigkeitskamerasystem den Ball verfolgt. Dieses System wurde 2025 von der ATP als verpflichtender Standard festgelegt und wird in der Branche bereits seit Langem eingesetzt.

Die elektronischen Live-Daten erleichtern nicht nur die Überwachung des Spielgeschehens, sondern werden in einer Live-App auch für Zuschauer aus aller Welt aufbereitet. Neben Instagram-Story-ähnlichen „Behind the Scenes“-Eindrücken kann man dort etwa gleichzeitig die Zwischenstände aller Matches auf insgesamt 18 Plätzen verfolgen, die mit sogenannten Key-Moments aufgeschlüsselt werden.

KI sagt voraus, wer gewinnt

Schon seit 2017 arbeitet Wimbledon mit KI, um die Daten zu verarbeiten. In der App ermittelt sie etwa die Gewinnwahrscheinlichkeit von Spielern. „Unsere Technologie erfasst alles, was passiert: Was Leute in sozialen Medien sagen, Nachrichten, Diskussionen – und erstellt daraus eine Prognose. Diese wird dann zu jedem einzelnen Punkt im Spiel aktualisiert“, sagt Stanhouse.

2 verschiedene Übersichten in der Wimbledon-App zeigen Gewinn-Prognosen.

Die Gewinn-Prognose wird im Laufe des Spiels laufend angepasst.

„Vergangenes Jahr haben wir das um eine Live-Gewinnwahrscheinlichkeit erweitert, bei der jeder einzelne Punkt präzise vorhergesagt wird“, erklärt sie: „Unsere Prognose für das Wimbledon-Finale im Herren Einzel war in den vergangenen 3 Jahren tatsächlich zutreffend.“ Das System hätte 80 Prozent der Matchausgänge korrekt vorhergesagt. Bei diesem System kommt IBM vermutlich auch die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Finanzsektor zugute, wo derartige Prognose-Software bereits seit Langem eine Rolle spielt.

TOPSHOT-TENNIS-GBR-WIMBLEDON

2025 ging Jannik Sinner als Wimbledon-Gewinner im Herren Einzel hervor. Die KI-Prognose von IBM sagte das korrekt voraus. 

KI mit Live-Datenanalyse

Seit 2025 besitzt die Wimbledon-App auch einen KI-Chatbot, der nur während des Matches verfügbar ist. Im Unterschied zu anderen Chatbots wie ChatGPT zapft dieser Live-Daten von 18 Plätzen an. Dadurch kann er fast in Echtzeit Fragen zum Matchverlauf beantworten. Darin steckt watsonx, eine Weiterentwicklung von IBMs KI Watson, einem der ersten derartigen Programme überhaupt.

Mit „MatchChat“ soll man sich in natürlicher Sprache über das laufende Match austauschen können. Obwohl das KI-Tool heuer verbessert wurde, zeigte ein kurzer Praxistest beim Match Taylor Townsend gegen Iga Swiatek am Dienstag, dass es nur mit Einschränkungen funktioniert, etwa, wenn man vorgegebene Fragemasken anwählt. 

„Hat Wimbledon noch Linienrichter?“ bejahte der Chatbot etwa, obwohl diese laut einem BBC-Bericht im Vorjahr durch das elektronische System ersetzt wurden. ChatGPT beantwortete diese Frage hingegen korrekt. Andere Fragen wie „Wie wird der Rasen für das Turnier präpariert?“ ließ MatchChat unbeantwortet.

Bei Fragen wie: „Welche Spielerin ist heute besser in Form?“ antwortete der Chatbot, dass Swiatek „60 Prozent mehr Momentum“ habe als Townsend, woraus man schließen könne, dass Swiatek besser in Form sei – es bleibt etwas abstrakt für Leute, die sich mit Tennis nicht wirklich auskennen.

Die Chatoberfläche von MatchChat

Vor allem mit Kontext-Fragen tat sich "MatchChat" schwer. Dafür konnte die KI sagen, welche Spielerin wahrscheinlich gewinnt - und behielt damit recht.

Der Chatbot befindet sich noch im „Lern-Modus“, wie ein Hinweis in der App zeigt. Obwohl es derzeit noch nicht so weit funktioniert, dass die KI etablierten Informationskanälen Konkurrenz machen könnte, zeigt das Projekt, welche Richtung der Sportbereich eingeschlagen hat. Neben IBM arbeiten auch andere große Tech-Unternehmen wie Microsoft, Amazon und Google an derartigen KI- und Datenanalysemethoden für große Sportereignisse. IBM kooperiert neben Wimbledon u. a. mit dem US Open, der UFC und dem Fußballclub FC Sevilla, um ähnliche Zugänge für Großereignisse im Sport zu erproben.

Ausblick: KI als Sport-Moderator

Wie das in Zukunft aussehen könnte, zeigte etwa das Masters Tournament, bei dem man Golfer mit KI-Live-Kommentar verfolgen kann. „Man konnte bei jedem einzelnen Spieler den Ton einschalten und der KI-Kommentar läuft im Hintergrund“, erklärt Stanhouse. „Man hörte das also genauso, wie ein Kommentator sagen würde: ‚Er hat einen 3,65 Meter langen Putt. Los geht's!' Es ist wie Fernsehen, nur eben mit KI-Kommentar.“ Dadurch könne man auch Golfer verfolgen, über die sonst nicht berichtet wird.

Daten im Training nicht mehr wegzudenken

Grundlage für solche Anwendungen seien umfangreiche Sportdaten, die jahrelang gesammelt wurden. „Wir haben jeden einzelnen Schlag der vergangenen 10 Jahre erfasst. Dadurch haben wir über 200.000 Schläge, die wir in einem digitalen Zwilling des Golfplatzes gespeichert haben“, beschreibt Stanhouse.

Daraus könne man viel ableiten: Etwa, dass Golfer heute weiter schlagen als noch vor 10 Jahren – weil sie besser geworden sind. „Der größte Wandel in der sportlichen Leistung der vergangenen 10 bis 15 Jahre ist auf die Daten zurückzuführen“, meint Stanhouse. Datenwissenschafter würden im Profi-Sport mittlerweile einen Fixplatz haben und Sportler und ihre Coaches mit wertvollen Infos für das Training versorgen. Allerdings empfinden das nicht alle Sportler ausschließlich positiv, wie die futurezone berichtete.

„Was viele Leute bei Profisportlern nicht wissen, ist, dass sie ihren Körper bis zur Erschöpfung ausbeuten. Sie verausgaben sich 10 Jahre lang bis zum Umfallen, während sie ihren Ruhm genießen. Danach können sie nichts mehr tun“, sagt Stanhouse. Hier wolle man zusammen mit den Trainern ansetzen. „Der Fokus wird deshalb stark auf der Gesundheit und Sicherheit der Spieler liegen“, sagt Stanhouse. Die Daten sollen künftig vermehrt in verletzungspräventive Trainingstipps und -programme fließen.

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Jannik Sinners Trainer unterrichtet dich auf Deutsch

Im Profi-Tennis setzt man zur Leistungsanalyse neuerdings Live-Gliedmaßen-Tracking ein. Solche Systeme funktionieren in der Regel so, dass Kameras die Körper der Spieler scannen. Eine Software erstellt dann ein 3D-Skelett, das während des Spiels laufend aktualisiert wird.

Von derartigen Leistungsanalysen profitiert nicht nur das Training von Tennis-Profis. Dieselben Trainingsdaten werden inzwischen für Privatpersonen „recycelt“.

Der Südtiroler Jannik Sinner (links) mit seinem Trainer Darren Cahill (rechts).

Der Südtiroler Jannik Sinner (links) mit seinem Trainer Darren Cahill (rechts). 

„Wir haben uns mit Andre Agassi und seinem Unternehmen Agassi Sports and Entertainment zusammengetan und entwickeln gemeinsam eine Coaching-App. Darren Cahill, der Trainer von Jannik Sinner, trainiert das Modell seit 7 Monaten, indem er Videos analysiert und ihm jedes erdenkliche Feedback gibt“, sagt Stanhouse. 

Im Herbst soll das App-basierte Training für Tennis und Padel gelauncht werden. „Es ist total verrückt, sich selbst Französisch, Spanisch und Deutsch sprechen zu hören. Ich wusste gar nicht, dass ich mehrsprachig bin“, soll Cahill überrascht gesagt haben, nachdem er seinen KI-Avatar sah, der individuelle Trainings-Tipps gibt.

Sports-Tech als Big Business 

Für die Sportindustrie sei die Integration von KI und Daten-Tools ein gutes Geschäft. „Man sieht, dass beträchtliche Summen und Gelder in solche Start-ups fließen“, meint Emily Fontaine, Head of Venture Capital bei IBM, zur futurezone. Allein 2025 seien Milliarden an Investments in Start-ups investiert worden, die mit KI und Daten den Sport und die Teilhabe daran grundlegend verändern wollen. Das Marktforschungsinstitut Precedence schätzt, dass der Sports-Tech-Markt bis 2035 um rund 20 Prozent wächst und dann 135 Milliarden Dollar schwer sein soll. 

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