© Gerald Reischl

Telemedizin
04/27/2012

Krebsdiagnosen im virtuellen Raum

Am Klinikum Graz gibt es seit Ende 2011 ein „Tumorboard“, bei dem Mediziner per Videokonferenz Krebspatienten besprechen und die ideale Therapie festlegen.

Einmal wöchentlich, am Mittwoch um 13.30 Uhr, trifft man sich im virtuellen Raum. Die Onkologen des LKH-Univ. Klinikum Graz besprechen beim „Tumorboard" mit Kollegen aus den anderen Fachrichtungen Patienten mit Krebserkrankungen. Am Institut für Onkologie nehmen die Ärzte im Videoraum Platz, die Mediziner der anderen Fachrichtungen, von Chirurgie über Gynäkologie oder Männerheilkunde sind über eine verschlüsselte Leitung zugeschaltet. Ein Arzt leitet als Moderator die Sitzung, bei der ein Patient nach dem anderen vom behandelnden Arzt in der Rolle als „Case-Manager" vorgestellt und dann besprochen wird.

Ein Effizienzsteigerungstool
„Aus dem Krankenhausinformationssystem holen wir uns die entsprechenden Befunde, CT-Bilder und entwickeln gemeinsam die ideale Therapie", sagt Karin S. Kapp, Vorständin der Universitätsklinik für Strahlentherapie-Radioonkologie. „Das Tumorboard ist ein Effiziensteigerungstool, denn abgesehen davon, dass die Diagnose schneller erstellt werden kann, kann auch eine Therapie-Empfehlung rascher erfolgen." Und bei Krebserkrankungen ist der Zeitfaktor kein unerheblicher, denn Diagnosen und Behandlungsmethoden sollen immer sehr zeitnahe nach einer Operation bzw. nach einem Befund starten.

Hinzu kommt, dass auch Anreisen zu den Spitälern, die von den Onkologen angefahren werden mussten und die damit zusammenhängenden Terminvereinbahrungen, wegfallen. Ein weiterer Vorteil ist, dass sich auch die Ausbildung verbessert hat, da auch Assistenten bei den Besprechungen im virtuellen Raum dabei sein können. Kapp: „Wenn das Krankenhaus Leoben zugeschaltet wird, sind bis zu 30 Leute im Raum."

150.000-Euro-Lösung
Entwickelt wurde das "Tumorboard" – die Gesamtlösung hat etwa 150.000 Euro gekostet - gemeinsam mit Cisco, das ihre Telepresence-Lösung für den medizinischen Bereich adaptiert hat. „Die Darstellung der Röntgenbilder und CT (Computer-Tomographie)-Aufnahmen erfolgt in Full HD",erklärt Cisco-Österreich-Chef Achim Kaspar. Die Ärzte in den umliegenden Spitälern sind entweder via großem Videosystem (also Videokonferenzraum) angeschlossen oder haben ein „personal system", eine Videokonferenz-Lösung für den Computer oder das Notebook.

Grenzenlose Telemedizin
Die Lösung hat Cisco zwar für die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) errichtet, „aber das Telepresence-System kann theoretisch wie auch praktisch über die Landesgrenzen hinweg erweitert werden", so Kaspar. „Sogar über die Bundesgrenzen." Es könnten also internationale Konferenzen mit Experten in anderen Ländern abgehalten werden. „Es müssten nur unsere Firewalls geöffnet werden", sagt der IT-Chef der KAGes, Karl Kocevar.

30-jährige Archivierungspflicht
Sind früher Befunde per Post oder Fax eingetrudelt, mitunter haben sogar Unterlagen gefehlt, werden die Befunde von den jeweiligen Krankenhäusern gleich ins digitale System eingespeist und können von überall abgerufen werden, da es sie jetzt in digitaler Form gibt. Angebunden ist das "Tumorboard" an das Patienteninformationssystem, das bei der KAGes von neun auf ein einziges System reduziert wurde. „Wir haben unser Archiv bereits fünf Mal auf das jeweils neueste Medium übertragen", so Kocevar. Im Gesundheitsbereich gibt es nämlich eine 30-jähirge Archivierungspflicht. Das 1086 Terabyte große Archiv ist eine der größte Datensammlungen der Welt.

Das "Tumorboard" ist auch ein ideales Beispiel für "Collaboration", wie die Zusammenarbeit im Fachjargon genannt wird. Und auch eine effektive Anwendung für Telemedizin, von der schon seit Jahrzehnten gesprochen wird. Denn der Idealzustand wäre – und das würde quer für alle medizinischen Disziplinen gelten – die jeweiligen behandelnden Ärzte sitzen in der Zentrale und die Fachärzte aus den anderen Spitälern schalten sich zu.

Krebserkrankungen nehmen zu
Dass die KAGes mit der Universitätsklinik für Strahlentherapie-Radioonkologie begonnen hat, hat zum einen mit einer seit 2008 geltenden Gesetzesbestimmung zu tun. Seit diesem Jahr müssen Tumorbefunde nicht mehr nur von einem Arzt, sondern von einem Ärztekollegium beschlossen werden. Das hatte zur Folge, dass Onkologen praktisch durch die Lande ziehen und in den Krankenhäusern Besuche abstatten mussten. Zum anderen traf diese Hightech-Lösung eine Medizinerschaft, die sehr technikaffin ist. „Wir sind sehr Technik- und auch Software-getrieben", sagt Kapp beim Rundgang durch ihr Institut, bei dem sie der futurezone die Millionen teuren Behandlungsgeräte zeigt. 

„Bis ins Jahr 2020 werden die Zahl der Krebserkrankungen um mindestens 50 Prozent zunehmen", sagt Kapp. Ursachen seien zum einen die Lebensweise, Umwelteinflüsse aber auch die Medizin selbst, „da Erkrankungen früher erkannt werden". Schon heute werden in Graz pro Tag zehn Patienten behandelt, pro Tag sind es 50 Bestrahlungsstunden.