© Marko Rakar

Blogger-Geschichten
11/09/2010

Marko Rakar: Unbequemer Online-Pionier

Der bekannteste Blogger Kroatiens ist seit Anfang der 1990er im Web aktiv - immer mit aufklärerischem Anspruch. Sein Engagement hat Marko Rakar viel Anerkennung, einen Job als Präsidentenberater, aber auch Gefängnis gebracht. Am Samstag, dem 13. November, wird er am "World Blogging Forum" in Wien sprechen. Teil Eins der FUTUREZONE-Serie über die wichtigsten Blogger der Gegenwart.

von Jakob Steinschaden

"Wenn mein Flugzeug abstürzt, bezweifle ich, dass ich meinen Sitz als `flotation device` benutzen werde. Wahrscheinlicher ist, dass ich ihn als Toilette verwende." "Wenn Tomaten zu den Früchten zählen, macht das Ketchup zu einem Smoothie?" "Twitter ist Tagesbetreuung für Erwachsene." Wer es gerne sarkastisch hat, folgt Marko Rakar auf Twitter. All jene, die des Kroatischen mächtig und hinter die Polit-Kulissen des Balkanstaates blicken wollen, surfen aber besser auf http://Mrak.org oder http://Pollitika.com. Dort betreibt der 38-Jährige Zagreber zum einen seinen Weblog (er basiert auf Wordpress) und zum anderen das wichtigste Online-Forum Kroatiens zu politischen Themen.

Als überzeugter Demokrat kämpft Rakar für Transparenz, die er auch mit technischen Mitteln zu erreichen versucht. Im Frühjahr 2010 soll er eine zuvor geheim gehaltene Liste von Kriegsveteranen aus dem Balkankrieg zwischen 1991 und 1995 veröffentlicht haben. Sie legte etwa offen, dass etwa 20.000 Personen als Kriegsveteranen geführt wurden, obwohl sie 15 oder weniger Tage in der Armee gedient hatten. Trotzdem profitierten diese von staatlich regulierten Vergünstigungen wie zollfreie Autoimporte oder besseren Gesundheitsleistungen und sollen dem Staat mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr kosten. Die Veröffentlichung hatte enormes Interesse zur Folge: Die Webseite, auf der die brisanten Daten veröffentlicht wurden, zählte in kurzer Zeit 12 Millionen Besuche und stürzte einige Male ab.

Kampf für mehr Transparenz

Weil Rakar als Drahtzieher verdächtigt wurde, blieb der Vorfall nicht ohne Konsequenzen. "Ich bin deswegen hinter Gittern gesessen", so Rakar im FUTUREZONE-Gespräch. Außerdem hätten die Behörden seinen Computer beschlagnahmt, nachdem er das Gerät zurückbekommen hatte, bemerkte er Spionage-Software - die er, technisch versiert, sofort austrickste. Auch wenn er nach wie vor leugnet, etwas mit der Veröffentlichung der Daten zu tun zu haben, inspiriert dürfte ihn die Aktion auf jeden Fall haben.

Mit http://Vjetrenjaca.org (zu Deutsch "Windmühle") und der gleichnamigen NGO will Rakar in naher Zukunft für neue Transparenz in Kroatien sorgen, indem dort Daten öffentlich zugänglich gemacht werden. "Wir kümmern uns vor allem um wirtschaftliche und Regierungsinformationen", so Rakar. Außerdem wird derzeit eine eigene Webseite programmiert, auf der die Nutzer einen Budget-Simulator für den kroatischen Staatshaushalt zur Verfügung gestellt bekommen sollen.

Social Media für den Präsidenten

"Ich kann nicht für die ganze Welt sprechen, aber wenn du in Kroatien das Internet nicht benutzt, wird dich heute niemand mehr ernst nehmen", sagt Rakar. Diese Erkentnis dürfte auch der heutige kroatische Präsident Ivo Josipovic gehabt haben: Er engagierte Rakar im Dezember 2009 für den Präsidentenwahlkampf. Der Blogger, schon erfahren aus einem lokalen Online-Wahlkampf, fuhr für Josipovic das komplette Web-2.0-Arsenal auf. YouTube, Facebook, Twitter, Flickr, "das Ziel all dieser Internet-Aktivitäten war, die Leute auf die Haupt-Seite zu ziehen und Interaktion entstehen zu lassen", so Rakar. Die Bilanz: Die YouTube-Videos wurden 100.000 Male angesehen, 6000 Fotos auf Flickr veröffentlicht, 30.000 Fans bei Facebook gesammelt. "Ich war ziemlich unglücklich mit dieser Zahl - bis ich sah, dass Gordon Brown in Großbritannien 47.000 Fans hatte", sagt Rakar. Einzig Twitter funktionierte nicht: "Wir hatten nur 3000 Follower, und ich kannte jeden kroatischen persönlich. Niemand von denen hat mir meine Wahlkampf-Tweets abgekauft", lacht der Blogger. Zwar nutzten auch andere Kandidaten Internet-Plattformen für den Wahlkampf, aber "wir waren mit Abstand die Besten. Die Leute nennen ihn nicht umsonst den `ePräsidenten`", gibt sich Rakar selbstbewusst. "Die anderen hatten einfach keine Berater, die das Medium Internet verstanden."

Das Thema Bloggen selbst sei in Kroatien sehr populär, allerdings werde es derzeit stark durch Facebook zurückgedrängt, so Rakar. Er geht von 40.000 bis 50.000 aktiven Bloggern im Land aus. "Die einzige Anomalie der kroatischen Blogosphäre ist, dass fast jeder anonym schreibt und nur eine sehr limitierte Zahl unter echtem Namen auftritt."

(Jakob Steinschaden)

Marko Rakar wurde 1972 geboren, lebt in Zagreb und ist heute Chef der Consulting-Firma MRAK Services. Er gilt als einer der ersten Internetnutzer und als der bekannteste Blogger Kroatiens. Er war Wahlkampfberater des heutigen kroatischen Präsidenten Ivo Josipovic und engagiert sich im Rahmen des NGO-Projektes "Vjetrenjaca" für mehr Transparenz von staatlichen und wirtschaftlichen Informationen.

Am Samstag, dem 13. November, wird er im Rahmen des "World Blogging Forum 2010" in Wien einen Gastvortrag halten.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.