© Screenshot

Arbeitsbedingungen
02/18/2013

Online-Aufstand gegen Amazon formiert sich

Nach der Enthüllungs-Doku über schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon rufen Facebook-Nutzer zum Boykott auf. Über 19.000 unterschreiben eine Online-Petition, um einen Wandel bei der Anstellungspolitik des US-Unternehmens zu erwirken. Autoren kritisieren Amazons Preisgestaltung und Steuerflucht.

Tauende Facebook-Mitglieder rufen zu einem Kaufboykott beim Internet-Versandhändler Amazon auf. Der Handelsriese ist in Deutschland wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Versandzentren ins Sperrfeuer der Kritik gelangt. "Stellt Eure Mitarbeiter unter fairen Bedingungen ein und ich bestelle auch wieder was!", fordert ein Facebook-User. Andere Nutzer des Sozialen Netzwerks haben aus Protest gleich ihr Amazon-Konto gelöscht. Die Facebook-Seite "amazon? Nein Danke" hatte Montagmittag bereits mehr als 2.000 Unterstützer.

Auslöser war eine am vergangenen Mittwoch ausgestrahlte ARD-Dokumentation über die Arbeitsbedingungen tausender Leiharbeiter, die von Spanien oder Polen nach Deutschland kommen und dort viel weniger verdienen als erhofft.

Auch die deutsche Gewerkschaft ver.di versucht Druck auf Amazon Deutschland auszuüben. Eine Petition von Verdi Hessen mit dem Titel "Amazon Deutschland: Verbessern Sie die Arbeitsbedingungen Ihrer Leiharbeiter" haben auf der Internetseite change.org bereits 19.000 Personen unterschrieben.

Trenkwalder-Tochter wird überprüft
Das deutsche Arbeitsministerium hat im Zusammenhang mit den katastrophalen Arbeitsbedingungen an deutschen Amazon-Standorten die deutsche Tochter der niederösterreichischen Leiharbeitsfirma Trenkwalder im Visier. Die Sonderprüfung, die bereits am Donnerstag eingeleitet wurde, betreffe Trenkwalder, bestätigte eine Sprecherin von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) der APA am Montagnachmittag.

Von der Leyen hatte in der "Welt am Sonntag" Aufklärung über die Arbeitsbedingungen beim Internet-Versandhändler Amazon gefordert. "Der Verdacht wiegt schwer, deswegen müssen jetzt so schnell wie möglich alle Fakten auf den Tisch", hatte sie in der Zeitung gemeint und der betroffenen Leiharbeitsfirma sogar mit Lizenzentzug gedroht. Am Montag bestätigte das deutsche Arbeitsministerium, dass von der Leyen damit Trenkwalder gemeint hatte.

"Grausamste Arbeitsbedingungen"
Der deutsche Enthüllungsjournalist Günter Wallraff warf Amazon am Montag "grausamste Arbeitsbedingungen" vor. Das betreffe vor allem Saison- und Leiharbeiter, für deren Rekrutierung die deutsche Trenkwalder-Tochter zuständig war.

"Über die Arbeiter wird verfügt wie über Leibeigene", sagte Wallraff der Nachrichtenagentur dpa in Köln. Aus Zuschriften von Betroffenen gehe hervor, dass diese von Kameras überwacht, schon bei kleinen Verschnaufpausen zum Vorgesetzten zitiert würden und mit Repressalien rechnen müssten. In Einzelfällen durften Wallraff zufolge Medikamente, die etwa Diabetiker brauchten, nicht mit ins Lager genommen werden.

Vertrag mit Sicherheitsunternehmen gekündigt
Auch Schikanierungen durch eine private Sicherheitsfirma wurden in der ARD-Dokumentation geschildert. Diesbezüglich zeigte sich Amazon einsichtig. Unternehmenssprecherin Ulrike Stöcker bestätigte am Montag, dass der Vertrag mit Hensel European Security Services "mit unmittelbarem Effekt" gekündigt wurde.

Angestellte des Sicherheitsunternehmens waren in der Dokumentation in Kleidung gezeigt worden, die mit der deutschen Neonaziszene in Verbindung gebracht werden. Laut Stöcker herrsche bei Amazon "eine Nulltoleranz-Grenze bei Diskriminierung und Einschüchterung". Hensel weist dagegen jegliche Nähe zu rechtsextremem Gedankengut entschieden von sich.

Autoren kritisieren Steuerflucht
Auch die heimische Interessensvertretung "IG Autorinnen Autoren" übt harsche Kritik am Online-Händler Amazon: "Amazon ist alles andere als ein Buchhändler, der dem Buch gerecht wird", heißt es am Montag in einer Aussendung der IG Autoren.

Amazon beanspruche größere Handelsspannen für sich, als sie sonst im Buchhandel üblich sind, schreibt Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren Autorinnen. "Seit einiger Zeit" sei bekannt, dass Amazon Niedrigstpreise auch dadurch ermögliche, dass der Firmensitz in ein Steuerparadies verlegt wurde, "also durch die Nichtentrichtung von Steuern, mit denen andere zur Finanzierung der allgemein notwendigen Aufgaben beitragen".

Inklusive dem aktuellen Vorwurf der schlechten Bezahlung von Leiharbeitern meint Ruiss: "Die Preise und Konditionen von Amazon entstehen also genauso durch steuerliche Umgehungen wie durch Lohndumping bzw. modernes Arbeitssklaventum". Und weiter: "Amazon umgeht und unterhöhlt systematisch alle Regeln und Gesetze".

"Besonders aggressives Marketing" für Kindle
Die Anstrengungen von Amazon zur Durchsetzung seines E-Books Kindle habe die IG Autoren Autorinnen "bisher nur für eine besonders aggressive Art des Marketing und der Öffentlichkeitsarbeit zur Verdrängung der Konkurrenz gehalten, inzwischen wissen wir, hinter dieser Vermarktung und PR steckt eine finstere Realität der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen".

Amazon beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7.700 fest angestellte Mitarbeiter in den Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz, schreibt das "Hamburger Abendblatt". Zu Weihnachten werden saisonal weitere Mitarbeiter beschäftigt. Im ersten Jahr verdienten Mitarbeiter einen Bruttostundenlohn von mehr als 9,30 Euro. Danach steige er auf über zehn Euro. Die betroffenen Leiharbeiter sollen jedoch nur 8,52 Euro pro Stunde verdient haben.

Mehr zum Thema

  • Amazon-Leiharbeiterfirma droht Sonderprüfung
  • Amazon nach TV-Doku unter Zugzwang
  • Amazon will Vorwürfe aus Fernsehdoku prüfen