Digital Life
18.11.2015

Social Street: Nachbarschaftspflege via Facebook

Eine Idee eines Italieners greift derzeit um sich. Die sogenannten "Social Streets" organisieren Nachbarschaften über geschlossene Facebook-Gruppen.

Dass seine simple Vision für die Via Fondazza in Bologna einmal solche Wellen schlagen würde, das hätte Federico Bastiani nicht gedacht. Er wollte die Bewohner, die Fondazziani, auf eine nachbarschaftliche Art zusammenbringen - mit Hilfe einer Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook. Vom virtuellen Raum, sollten sie zurück auf die Straße, ins persönliche Gespräch, in die Realität kommen. So hatte Bastiani sich sein Konzept „Social Street“ vorgestellt, das nun weltbekannt ist. Rund 400 „Social Streets“ gibt es bereits in Europa, Südamerika und Neuseeland.

„Es ist einfacher, Widerstände abzubauen, wenn man sich in der virtuellen Welt kennengelernt hat“, sagt der 38-Jährige. Das Konzept ist simpel, der Aufwand zur Pflege der Seite groß. Der 65-jährige Mitgründer Luigi Nardacchione hilft. Jedem, der auf der Welt eine „Social Street“ gründen möchte, stellen die beiden das Logo und ihre Philosophie zur Verfügung und passen auf, dass die Menschen sich an die Regeln halten.

Um Hilfe bitten können

In der Via Fondazza ist einiges los: Wer möchte, kann sich beim Gemüsehändler nebenan ein Fahrrad ausleihen. Es gibt oft Feste, Abendessen, Fotowettbewerbe, eine Veranstaltung wo die älteren Bewohner der Stadt den jüngeren erzählen, wie es während des Zweiten Weltkriegs in der Via Fondazza war. Alles ist umsonst. Fondazziani, die kein Facebook haben, werden persönlich eingeladen. Bastiani möchte, dass die Menschen sich vermischen. „Sie sollen wieder einander um Hilfe bitten können“, sagt Luigi Nardacchione. „Heutzutage wird um Hilfe bitten als schwach angesehen.“

Bastiani blickt über den Piazzetta Morandi an der Via Fondazza. „Früher gab es dort einen Brunnen, Bäume und eine Bank.“ Hier trafen sich die Nachbarn und erzählten. Nun sind viele Piazze zu Parkplätzen geworden, Bänke, Bäume und Brunnen dem urbanen Wachstum gewichen. Nachbarn grüßen sich mit einem flüchtigen Lächeln, Anonymität triumphiert über Solidarität. Weil sie sich daran störten, platzierten Bastiani und Nardacchione eben selbst ein paar Bäume und eine Bank mitten auf dem Platz. „Das ist unser Büro“, sagt Bastiani und lacht.

Start per Flugblätter

Doch warum haben sich eigentlich unsere Nachbarschaftverhältnisse verändert? „Prinzipiell lässt sich sagen, dass traditionelle Formen der Einbettung - Nachbarschaft, Kirche, erweiterte Familie - an Einfluss verloren haben“, erklärt Julia Hahmann vom Institut für Gerontologie (Alterswissenschaft) der Universität Vechta. Das liege insbesondere an instabileren beruflichen Karrieren durch globalisierte Arbeit und veränderte Kommunikations- und Transportstrukturen.

Die zündende Idee hatte Bastiani, als er vor drei Jahren nach Bologna zog. Er kannte seine Nachbarn nicht und seine Kinder hatten keine Nachbarskinder zum Spielen. „Das kann doch nicht wahr sein!“, ärgerte Bastiani sich. „Ich wollte einfach nicht mehr so leben“, sagt er. In der langen Straße mit den roten Arkaden verteilte er Flugblätter, darauf der Link zur Facebook-Gruppe, mit der er die Fondazziani verbinden wollte. Allein in den ersten Tagen meldeten sich schon über 20 Interessenten.

Vorfall um Fenster

Mohammad Masood ist seit Anfang an dabei: „Wir helfen jederzeit, etwa wenn etwas Schweres transportiert oder repariert werden muss“, sagt Masood. Vor 15 Jahren kam er aus Pakistan in die Via Fondazza und eröffnete einen Lebensmittelladen. Fondazziani helfen ihm, wenn er zu Ämtern muss. „Es ist ein tolles Projekt“, sagt er.
Gemeinsam passen Nardacchione und Bastiani gut auf, dass die Gruppe nicht aus dem Ruder läuft. Viele solcher Projekte scheiterten, weil die Zahl der Mitglieder in kürzester Zeit explodierte. „Ich wollte nicht die ganze Welt kennenlernen“, sagt Bastiani.

Die beiden haben eine Lieblingsgeschichte. Als das Fenster eines Teppichhändlers eines Nachts eingeworfen wurde, wollten ihm alle Nachbarn finanziell helfen, aber niemand sei persönlich hingegangen, erzählt Bastiani. Er wollte, dass sie ihn persönlich unterstützen und motivierte sie, einen Brief zu verfassen. Noch heute ist der Brief von innen an die neue Scheibe des kleinen Ladens geklebt. Die Geschichte zeigt: In der Via Fondazza hat sich wieder eine Gemeinschaft gebildet.