Die KI hört zu und kann daraus ableiten, wenn man krank ist.
Bist du depressiv? Warum dein Smartphone es vor dir wissen könnte
In Sprachnachrichten erzählen wir uns auf WhatsApp, was wir erleben und wie es uns geht. Die Aufnahmen können aber auch verraten, ob wir krank sind. Eine im Jänner 2026 veröffentlichte Studie aus Brasilien ergab: Eine Software kann anhand von WhatsApp-Sprachnachrichten in 91 Prozent der Fälle erkennen, ob eine Frau an Depressionen leidet. Bei Männern lag die Trefferquote bei 75 Prozent. Möglich machen das KI-Programme, die die WhatsApp-Sprachnachrichten mit den Stimmproben von Gesunden vergleichen und darin Auffälligkeiten finden.
Eine Künstliche Intelligenz erkennt in Sprachnachrichten Hinweise, die sich bei menschlichen Zuhörern oft nur als „Bauchgefühl“ äußern. Etwa am Tonfall: „Jemand mit einer Depression hat mitunter eine andere Stimmmelodie. Ein Mensch würde dann vielleicht sagen: 'Na diese Person spricht kraftlos oder klingt müde'“, erklärt Philipp Aichinger, Leiter des Speech und Hearing Science Labs der MedUni Wien.
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Auch der Inhalt einer Sprachnachricht kann der KI verraten, dass etwas nicht stimmt: Gesunde beschreiben ähnliche Alltagserfahrungen oft anders als Depressive, die zu Pessimismus neigen. „Ein Erlebnis kann sowohl mit positiven als auch mit negativen Wörtern beschrieben werden“, erklärt Aichinger. Künftig könnte Software anhand akustischer Merkmale wie Tonhöhe, Klangfarbe, Lautstärke oder Tempo sowie Wörter, unsere Grammatik und den Satzbau analysieren, ob uns etwas fehlt.
Wenn das Smartphone genau zuhört
Aichinger hält manche dieser Anwendungen für zukunftsweisend. Sie könnten helfen, Krankheiten früh zu entdecken. „Besonders attraktiv erscheint die Möglichkeit eines niederschwelligen Monitorings über das Smartphone. Denn Sprachaufnahmen lassen sich einfach erfassen, kostengünstig analysieren und über längere Zeiträume hinweg vergleichen“, erklärt er.
Ähnlich sieht das Florian Pokorny. Er forscht an der MedUni Graz und der TU München mit der KI-gestützten Audio-Krankheitenherkennung: „Ich frage mindestens einmal am Tag: ,Alexa, wie wird das Wetter heute?’ oder ,Alexa, was gibt es Neues?’ So wäre Alexa eine Instanz, die über Monate meine Stimme kennenlernt“, sagt er. Alexa ist der Sprachassistent von Amazon. „Geräte, die wir sowieso im Alltag nutzen, könnten dann Alarm schlagen, uns warnen und sagen: ,Vorsicht, ich habe erkannt, deine Stimme hat sich verändert. Vielleicht machst du einmal einen Termin beim Arzt aus’“, sagt Pokorny.
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Sprachassistenten wie Amazon Alexa hören ihren Nutzern oft über längere Zeiträume zu. Dadurch könnten sie künftig auch Veränderungen bemerken, die auf Erkrankungen hinweisen.
© Amazon
Was kann die KI noch erkennen?
Auch in der Arztpraxis oder Klinik wird die sprachbasierte Krankheitserkennung künftig neben Stethoskopen und anderen Instrumenten in den Arztkoffer einziehen. Vergleichbare Systeme sind längst im Einsatz: KI-basierte Bildanalyse hilft etwa beim Erkennen von bösartigen Muttermalen oder Auffälligkeiten in Ultraschallbildern.
Die neuen Hilfsmittel sind zwar praktisch, allerdings nicht frei von Risiken. „Man läuft Gefahr, nicht mehr so genau hinzuschauen, weil man sich zu stark auf das Tool verlässt“, warnt Aichinger. Er vergleicht es etwa mit dem Fahrassistenzsystem im Auto: „Wenn man beim Zurückschieben darauf vertraut, dass es piepst, wenn da ein Hindernis ist, schaut man vielleicht unbewusst einmal weniger in den Rückspiegel.“
Derzeit ist Krankheitserkennung anhand von Sprache mit KI ein experimentelles Forschungsfeld. Forscher prüfen neben Depressionen auch, ob sich bipolare Störungen und Angststörungen an der Stimme erkennen lassen. Auch zu Parkinson, Alzheimer und Multipler Sklerose sowie zur Erkennung von frühkindlichen Entwicklungsstörungen und Autismus wird geforscht.
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Starke Männer ohne Depressionen?
Bevor die neuen Instrumente einsatzbereit sind, muss sichergestellt sein, dass die Ergebnisse generalisierbar sind, also sie die Symptome über verschiedene Sprachen, Altersgruppen und Kulturen hinweg und unter verschiedenen Bedingungen zuverlässig erkennen. Ein Problem zeigte etwa die brasilianische Studie auf: Bei den Sprachnachrichten von Frauen wurde die Depression wesentlich öfter erkannt als bei Männern.
Das führen die Forscher in ihrer Studie unter anderem darauf zurück, dass sich Gefühle in den Stimmen von Männern anders zeigen: Sie sprechen flacher. Das hat auch mit dem vorherrschenden Bild des stoischen und starken Mannes zu tun, der seine Gefühle weniger zeigt als eine Frau.
Depressionen äußern sich bei Männern anders als bei Frauen. Die KI tut sich damit noch schwer.
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Werden KI-Tools Ärzte ersetzen?
Solche Unterschiede müssen KI-Programme dann auch kennen. Außerdem müssen sie immer erst medizinisch validiert werden und zeigen, dass sie vertrauenswürdig sind. Denn wenn unser Wohlergehen zu einem gewissen Grad davon abhängt, ist besondere Vorsicht geboten. Ob sie Ärzten jemals die Diagnose streitig machen, hängt auch davon ab, ob man es zulässt. Die Experten glauben, dass sie auch in Zukunft noch das letzte Wort haben.
KI-Anwendungen könnten Ärzte dabei unterstützen, „Diagnostik und Therapie zu verbessern, Prozesse effizienter zu gestalten und Behandlungen künftig stärker zu individualisieren“, erklärt die Wiener Ärztekammer der futurezone. Gerade in sensiblen Bereichen wie bei Depressionen bleibe der menschliche Kontakt mit „Berührungen, Mimik und Gestik“ unerlässlich. Ergänzend zur ärztlichen Therapie und Diagnose hätten KI-Analysetools aber durchaus Platz, „wenn sie wissenschaftlich validiert, datenschutzkonform und verantwortungsvoll eingesetzt werden“.
Sprachforschung: Vom Phonograph bis zur KI-Analyse
Computerbasierte Stimmanalyse existiert seit Jahrzehnten. Auch Forschung dazu, was die Stimme über Krankheiten verrät, ist nicht neu. Zusammenhänge zwischen Psyche und Stimme wurden bereits im 18. Jahrhundert beschrieben. Auch bei anderen Krankheiten machten sich Forscher dazu lange vor dem Computerzeitalter Gedanken. Dank technologischem Fortschritt wurde es mit Geräten wie dem Phonographen, der 1877 von Thomas Edison erfunden wurde, erstmals möglich, Stimmen von Kranken aufzuzeichnen.
Eine umfassendere Bearbeitung von digitalen Aufnahmen wurde erst später im 20. Jahrhundert mit den ersten Computern und digitalen Aufnahmegeräten möglich. Seither nutzen Forschung und Medizin diese in verschiedenster Form. Ganz andere Möglichkeiten entstanden mit Künstlicher Intelligenz, die in den vergangenen Jahren auch in der Medizin viel verändert hat: Die neuen Algorithmen machen nicht nur Analysen von Tonaufnahmen einfacher, sondern haben auch den Vorteil, dass sie eine automatisierte „Experteneinschätzung“ mit einbringen, die ein KI-Algorithmus aus großen Datenmengen erlernt.
„Ich entscheide mich für einen Algorithmus und gebe meiner Künstlichen Intelligenz Daten zum Lernen, möglichst viele Audiobeispiele von erkrankten und gesunden Personen. Die KI kann Schwellwerte und Schwellwertkombinationen automatisch finden, indem sie Muster erkennt“, erklärt Florian Pokorny: „Sie kann auch komplexe Eigenschaften aus dem Signal verarbeiten, die wir mit unserem Verstand nicht greifen können.“ Ein solches Modell sei rasch trainiert: „Ein Arzt sieht in seinem gesamten beruflichen Leben vielleicht ein paar Tausend Patienten und sammelt aus diesen Erfahrungen Wissen. Die KI kann das binnen weniger Minuten lernen, und man kann sie immer mit neuen Beispielen füttern. Sie ermüdet nicht, sie ist ungeteilt aufmerksam und sie ist theoretisch nicht subjektiv.“
Sind KI-Screenings die Zukunft?
Gesellschaftlich muss man sich fragen, wann die Anwendung solcher Analysen außerhalb des medizinischen Bereichs sinnvoll wären und wo man eher davon absehen sollte. Dürfte eine solche KI etwa bei Vorstellungsgesprächen neben dem Chef „mit am Tisch sitzen“ und diesem sagen, wie hoch das Risiko eines Bewerbers ist, dass er wegen Depressionen in den Krankenstand geht?
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Die Anwendung solcher Erkennungstechnologien muss aber nicht schlecht sein: Ein solches Programm könnte etwa auch Menschen in verantwortungsvollen Berufen mit hoher psychischer Belastung (Ärzte, Rettungskräfte, Piloten) automatisch screenen. Erkennt es Anzeichen eines drohenden Burnouts oder einer posttraumatischen Belastungsstörung, könnte es warnen, bevor Fehler passieren. Das Ziel wäre eine vorsorgliche Entlastung der Entscheidungsträger, die nicht nur sie sondern auch andere schützt.
Hilfe für Menschen mit Suizidgedanken
Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums.
Unter www.suizid-praevention.gv.at finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich.
- Rat auf Draht ist die österreichische Notrufnummer für Kinder und Jugendliche. Die Nummer ist unter 147 rund um die Uhr anonym und kostenlos erreichbar.
- Die Ö3-Kummernummer ist unter 116 123 täglich von 16 bis 24 Uhr und ebenfalls anonym erreichbar.
- Die Telefonseelsorge ist unter der kostenlosen Telefonnummer 142 rund um die Uhr als vertraulicher Notrufdienst jeden Tag des Jahres erreichbar.
- Auf der Website www.bittelebe.at finden Angehörige/Freunde von Menschen mit Suizidgedanken Hilfe.
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