R-60M-Rakete, die bei der Absturzstelle einer Geran-2 gefunden wurde
Ukraine findet radioaktives Material in russischen Luft-Luft-Raketen
Neben Kamikaze-Drohnen, Minen und russischem Beschuss mit Bomben und Artillerie, ist die ukrainische Bevölkerung jetzt einer weiteren Gefahr ausgesetzt: radioaktiver Strahlung. Der ukrainische Sicherheitsdienst warnt davor, nachdem Trümmer einer russischen Rakete untersucht wurden.
Das Strahlenmessgerät zeigte 12 µSv/h (Mikrosievert pro Stunde) an, berichtet Defence Express. Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung in diesem Gebiet liegt bei etwa 0,1 bis 0,2 µSv/h – die Trümmer haben also das bis zu 120-fache an Gammastrahlung abgegeben.
Was bedeutet dieser Strahlenwert?
Zum „Verstrahlen“ eines größeren Gebiets reicht das nicht, da die Strahlung konzentriert von den Trümmern ausgeht. Gänzlich ungefährlich ist die Dosis aber dennoch nicht. Unter normalen Umständen geht man davon aus, dass ein Mensch etwa 10 µSv pro Tag abbekommt. Würde man sich 24 Stunden in der Nähe der Trümmer aufhalten, wären das 288 µSv, also der 28-fache Wert.
Würde man sich dieser Strahlung rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr aussetzen, wären es 105 mSv (Millisievert). Das ist weit über der europäischen Richtlinie, die eine jährliche Dosis von 20 mSv pro Jahr für Erwachsene vorsieht, die beruflich strahlenexponiert sind. Je nach Land wird 100 mSv pro Jahr als Grenzwert angenommen, ab dem es zu Gesundheitsschäden kommen kann.
Trümmer einer R-60M-Rakete, die bei der Absturzstelle einer Geran-2 gefunden wurden
© Ukrainischer Sicherheitsdienst
Gefährlicher, wenn radioaktives Material eingeatmet wird
Der ukrainische Sicherheitsdienst warnt deshalb Zivilisten und Militärangehörige, noch mehr Vorsicht als bisher walten zu lassen, wenn man Trümmern von Drohnen, Raketen oder anderen Munitionsarten begegnet. Hier kommt erschwerend hinzu, dass durch den Absturz oder Explosionen und die damit verbundene Hitze das radioaktive Material teilweise verdampfen kann oder als Staub und Asche in die Umgebung gelangt. Und wird das eingeatmet steigt das Gesundheitsrisiko gewaltig, verglichen dazu, wenn der Körper lediglich der Strahlung von außen ausgesetzt wird.
Ein zusätzliches Problem ist, dass man von dieser Art Trümmern keine radioaktive Strahlung erwartet. In diesem Fall wurde die Strahlung bei der Absturzstelle einer Geran-2 entdeckt. Das ist Russlands Kopie der zuvor eingesetzten, iranischen Shahed-136-Kamikazedrohne. Russland schickt teilweise Hunderte dieser Drohnen täglich in die Ukraine – die Bevölkerung und Soldaten haben sich also schon an Trümmer und abgestürzte Exemplare gewöhnt.
Eine in Kiew ausgestellte Geran-2
© REUTERS / Valentyn Ogirenko
Drohne mit Luft-Luft-Rakete
Es ist hier aber nicht die Geran-2, die strahlt, sondern ihre Nutzlast. Russland hat nämlich Ende 2025 damit begonnen, einige Geran-2 mit Luft-Luft-Raketen zu bewaffnen. Damit sollen Flugzeuge oder Hubschrauber abgeschossen werden, die versuchen, die Drohne abzufangen.
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Die Strahlung ging von einer R-60 aus, die die abgestürzte Geran-2 an Bord hatte. Es gibt zwar auch russische Luft-Luft-Raketen mit Atomsprengköpfen, aber die R-60 gehört eigentlich nicht dazu. Dennoch hat sie, in einigen Varianten, radioaktives Material an Bord.
Eine R-60-Rakete unter dem Flügel einer Su-15TM
© George Chernilevsky / Wikimedia Commons
R-60M hat 1,6 kg Uran im Gefechtskopf
Bei der R-60 handelt es sich um eine Luft-Luft-Rakete, die in den späten 1960er-Jahren entwickelt wurde. Ursprünglich war sie für die MiG-23 gedacht, die sowohl als Abfangjäger als auch als Jagdbomber eingesetzt wurde.
Mitte der 1970er-Jahre wurde die R-60 bei den russischen Luftstreitkräften eingeführt. Für die damalige Zeit war sie sehr klein und leicht. Sie ist 2 m lang und wiegt 43,5 kg. Auch für heutige Verhältnisse ist das sehr kompakt. Die deutsche Luft-Luft-Rakete Iris-T misst 2,9 m und wiegt 88 kg. Die amerikanische AIM-9 Sidewinder kommt auf 3 m und 85 kg.
US-Soldaten tragen eine AIM-9 Sidewinder.
© US Air Force
Durch die kompakte Größe muss bei der R-60 ein sehr dichtes Material verwendet werden, damit die Splitter des Gefechtskopfs ausreichend Durchschlagskraft haben. Der rund 3 kg leichte Gefechtskopf hat deshalb Wolfram-Elemente.
Anfang der 1980er-Jahre wurde mit der R-60M eine verbesserte Version eingeführt. Sie ist 42 mm länger und wiegt 45 kg. Neben einem verbesserten Sucher wurde der Gefechtskopf erneuert. Der wiegt bei der R-60M 3,5 kg und nutzt 1,6 kg abgereichertes Uran (ein Abfallprodukt aus der Urananreicherung für Akw und Kernwaffen) zur Splittererzeugung. Auch bei der Exportvariante R-60MK soll abgereichertes Uran genutzt worden sein.
Auch andere Sowjetmunition enthält Uran
Einigen Berichten zufolge sollen auch frühe Exemplare der R-73-Rakete abgereichertes Uran an Bord gehabt haben. Die Rakete wurde entwickelt, um die R-60 abzulösen und 1984 in Dienst gestellt. Generell geht man davon aus, dass Russland kein abgereichertes Uran mehr in Luft-Luft-Raketen verbaut und dieses nur noch in Exemplaren zu finden ist, die aus der Sowjetzeit stammen.
Auch in anderen Arsenalbeständen aus der Sowjetära findet sich noch Uran. 1985 wurde etwa die panzerbrechende 125-mm-Munition 3BM32 Vant in Dienst gestellt, dessen Penetrator abgereichertes Uran enthält. Verschossen wird es von russischen Kampfpanzern, wie dem T-64, T-72, T-80 und T-90. 2016 wurde mit 3BM59 Svinets-1 eine neuere Variante in Dienst gestellt, die ebenfalls einen Penetrator aus abgereichertem Uran enthält.
Kontroverse um Uranmunition
Die Nutzung von Uranmunition der russischen Streitkräfte ist eher selten ein Thema – die der US-Streitkräfte aber schon. Sie wurde als eine der möglichen Ursachen für das Golfkriegssyndrom genannt, das bei heimkehrenden US-Soldaten des Zweiten Golfkriegs beobachtet wurde. Auch als Balkan-Syndrom wurde es bekannt, weil NATO-Soldaten nach den Einsätzen in den Jugoslawienkriegen ähnliche Beschwerden hatten.
Berechnungen zufolge wurden im Zweiten Golfkrieg 320 Tonnen uranhaltige Munition verschossen, im Irakkrieg 2003 sogar 1.000 bis 2.000 Tonnen. Es gibt sowohl Studien, die die Gefahr von Uranmunition belegen, als auch solche, die keinen Zusammenhang zwischen ihrem Einsatz und gesundheitlichen Erkrankungen von Soldaten sehen, die Uranmunition ausgesetzt waren.
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Vom Flugzeug bis zur Handgranate
Die USA haben in diesen Kriegen etwa abgereichertes Uran für die Geschosse des Bodenkampfflugzeugs A-10 verwendet. Ebenso kamen Urankerne für die Geschosse der Maschinenkanonen der Panzer M2 Bradley und LAV-25 Einsatz, für die Bordkanone des Kampfjets AV-8 Harrier und des Hubschraubers AH-1 Cobra und beim Phalanx-Flugabwehrsystem.
Ähnlich wie bei Russland gab es auch panzerbrechende Munition für den Kampfpanzer M1A2 Abrams, die einen Penetrator mit Uran nutzte. Sogar in einigen Handgranaten und Landminen, die Mitte der 1990er-Jahre produziert wurden, war abgereichertes Uran vorhanden.
In vielen Fällen wurde bei neuen Varianten der Munitionstypen das abgereicherte Uran mittlerweile durch Wolfram ersetzt oder uranfreie Legierungen mit hoher Dichte. Ein verpflichtendes Verbot von Uranmunition gibt es aber nicht, weshalb sie nach wie vor in den Arsenalen vorhanden sind und auch noch zum Einsatz kommen. Großbritannien hat etwa der Ukraine, zusammen mit Challenger-2-Kampfpanzern, panzerbrechende Munition mit Urankern zur Verfügung gestellt.
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