Digital Life
06.12.2016

Wie Hofer seinen Facebook-Vorteil verspielte

Alexander Van der Bellen ist der nächste Präsident der Republik Österreich. Doch welche Rolle spielten die sozialen Medien im langen, harten Wahlkampf?

Nach der Abstimmung über den EU-Austritt Großbritanniens und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wurde die Frage laut, welchen Einfluss Online-Netzwerke wie Facebook auf ein Wahlergebnis haben. Doch wie sehr lassen sich Menschen wirklich von Inhalten in sozialen Medien beeinflussen? Geht man nach der Präsenz von Politikern auf Facebook, hätte der nächste Präsident Norbert Hofer heißen müssen.

Heinz-Christian Strache, FPÖ-Chef und oberster Hofer-Wahlhelfer, ist mit 465.000 „Gefällt mir“ unangefochtener Facebook-Spitzenreiter der politischen Elite. Auch Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer liegt mit über 310.000 Nutzern, die seiner Seite folgen, vor Alexander Van der Bellen, der nur auf knapp 270.000 „Likes“ kommt. Die Grünen, Van der Bellens Wahlhelfer der ersten Stunde, sind mit knapp 62.000 Abonnenten weit abgeschlagen.

Hausgemachte Probleme

„Wenn es nur nach den Kommentaren und Interaktionen auf Facebook geht, hätte Hofer eigentlich gewinnen müssen“, sagt Social-Media-Experte Thomas Thaler zur futurezone. Er analysierte die öffentlich verfügbaren Facebook-Nachrichten von 400.000 Nutzern und fand heraus, dass sich die Stimmung dort langsam, aber sicher zugunsten von Norbert Hofer zu drehen begann.

Es sei aufgrund von eindeutig gefärbten Kommentaren statistisch nachweisbar, dass Hofer es geschafft habe, Nutzer vom anderen Lager auf seine Seite zu ziehen. Beigetragen hätten dazu ausgerechnet einige prominente Grüne, die unentwegt umstrittene Hofer- und Strache-Beiträge mit potenziellen Van-der-Bellen-Wählern teilten. „Bei politischen Kampagnen geht es immer um Reichweite. Gerade auf Facebook ist es aufgrund der vielzitierten Filterblase, die ständig ähnliche Inhalte meiner Freunde anzeigt, aber fast unmöglich, das Lager des Gegners zu erreichen“, erklärt Thaler.

„Indem aus dem Van-der-Bellen-Umfeld Hofers Todesstrafe-Sager oder andere umstrittene Äußerungen zur EU oder zur Flüchtlingskrise geteilt wurden, konnte er bei manchen weniger gefestigten Wählern Aufmerksamkeit und Zustimmung ernten, die mit seinen Botschaften sonst kaum in Berührung gekommen wären.“ Dass damit auch gegen Hofer mobilisiert wurde, sei unbestritten. Hofer habe – ähnlich wie Donald Trump in den USA – aber dennoch in Summe davon profitiert.

Bessere Kampagne

„Reichweite auf Facebook ist zwar wichtig, weil man dadurch weniger auf traditionelle Medien angewiesen ist. Für einen erfolgreichen Wahlkampf ist das aber zu wenig“, erklärt Politikberater Yussi Pick, der zuletzt auch im Wahlkampf-Team von Hillary Clinton in den USA aktiv war.

„Die Kampagne von Van der Bellen hat es geschafft, aus dem Netz heraus eine Bewegung mit vielen freiwilligen Helfern zu gründen, die als aktive Botschafter das direkte Gespräch mit anderen Wählern suchten und darüber hinaus auch einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung des Wahlkampfs leisteten. Auf politischer Ebene war das sicherlich ein Novum in Österreich“, sagt Pick zur futurezone.

Das Team um Van der Bellen habe den Nachteil, nicht über die finanziellen Ressourcen wie die Großparteien zu verfügen, am Ende in einen Vorteil mit breiter Bürgerbeteiligung verwandelt. Die professionell produzierten Videos und Botschaften hätten das ihre zum Erfolg der Kampagne beigetragen.

Bewegendes Video

„Gerade im Finish hat Van der Bellens Team es geschafft, die Reichweite auch auf Facebook noch dramatisch zu steigern. Das millionenfach angeklickte Video der 89-jährigen Holocaust-Überlebenden Gertrude, aber auch andere einzelne Beiträge haben alles übertroffen, was Hofer im Wahlkampf gepostet hat“, sagt Thaler. Auch Politikberater Pick glaubt, dass das außergewöhnliche Video einen großen Beitrag zum Erfolg Van der Bellens geliefert hat: „Das war ein exzellentes Beispiel, wie aus einer politischen Botschaft eine persönliche Geschichte wurde.“