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09.06.2014

Wolfenstein The New Order: Nazi-Robohunde töten mit Gefühl

Der neueste Wolfenstein-Ableger überrascht positiv: BJ Blazcowicz zeigt Gefühle und lässt Mondnazis mit einem Laser die Köpfe zerplatzen.

Mit 33 Jahren ist Wolfenstein einer der ältesten Spieleserien. Als First-Person-Shooter gibt es die Nazijagd seit 1992. Obwohl man meinen könnte, dass sowohl das Konzept der Nazitötung als auch des FPS-Genres angestaubt ist, schafft es Wolfenstein: The New Order (PS4, Xbox One, PC, PS3, Xbox360) zu gefallen. Noch dazu gibt es eine Wolfenstein-Premiere: eine annehmbare Handlung.

Wolfenstein: The New Order Screenshots

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Die Nazis haben gewonnen

1960: Die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und beherrschen die Welt. Hauptdarsteller BJ Blazcowicz hat zum ersten Mal versagt. Er hat allerdings eine gute Ausrede. Nach einer gescheiterten Invasion lag er 14 Jahre lang in einer Art Wachkoma, gefangen im eigenen Körper und in einer polnischen Irrenanstalt.

Im Laufe der Geschichte schließt sich BJ dem Widerstand an. Dieser ist zwar klein, dafür haben die Macher des Spiels Wert darauf gelegt, dass diese nicht nur Figuren, sondern Charaktere sind. Alle haben ihre Eigenheiten und Macken, eine Hintergrundgeschichte und eigene Gründe, um Jahre nach dem verlorenen Krieg weiter gegen das Regime zu kämpfen.

BJ ist nicht mehr der abgestumpfte Nazikiller, der er mal war. Zwar sprengt, verbrennt, ersticht und erschießt er Soldaten und Nazi-Roboterhunde im Akkord, zeigt in den Zwischensequenzen und Monologen aber eine menschliche Seite. Anfangs wirkt dies noch aufgesetzt und fast kitschig, im Laufe des Spiels wird die Handlung aber besser, was an den gelungenen Zwischensequenzen und der sehr guten Leistung der deutschen Synchronsprecher liegt. Das Ende ist zwar auch ein Fall von „In Your Face“-Emotionen, kann aber zum Herzen des ein oder anderen Spielers durchdringen, nachdem dieser in gut zehn Stunden emotional weichgeklopft wurde.

Die Käfer im blauen U-Boot

Das Setting gehört zu den Highlights von Wolfenstein. Die alternative Nazi-Zeitlinie ist gespickt mit Propaganda und zahlreichen Details. So gibt es etwa Anleitungen, wie man eine Partnerschaft für eine Reise zum Mond anmeldet, Werbeplakate für die Platte „Das blaue U-Boot“ der Hit-Band „Die Käfer“, Regime-Pin-Up-Poster und zahlreiche Verbotsschilder in deutscher Sprache.

Was BJ in den 14 Jahren verpasst hat wird in Zeitungsschnipseln erzählt, die man verstreut in den Levels findet. Die alternative Zeitlinie ist zwar interessant, die Texte sind aber mühsam zu lesen weil die Schrift etwas zu klein ist, weshalb man bald die Lust an der fiktiven Geschichtsstunde verliert.

Von Polen bis zum Mond

Zum gelungenen Setting gehören auch die Levels. Anstatt der üblichen Zweite-Weltkriegs-Schlachtfelder wird in Wolfenstein viel Abwechslung geboten. Aufgrund von Spoiler-Gründen werden die Locations nicht genannt, bis auf die Offensichtliche: Im Laufe des Spiels wird auch die Mondbasis der Nazis besucht.

Das Level-Design ist intelligent gelöst. Es gibt fast immer einen Schleichweg, oft geheime Räume zu entdecken und mehrere Möglichkeiten zum Ziel zu gelangen. Dadurch hat man ein gewisses Gefühl von Freiheit, anstatt wie in Call of Duty einfach nur von einem Korridor zum nächsten zu laufen.

Zudem ist das Level-Design fair. Erst gegen Ende des Spiels gibt es ein paar Szenen die frustrierend sein können, weil zu viele zu starke Gegner gleichzeitig auftauchen.

Roboterhunde und Nazi-Mechs

Die stärksten Nicht-Endgegner sind die Nazi-Mechs – zumindest wenn sie in so einer hohen Stückzahl auftreten, dass man nicht gefahrlos zur ihrer Schwachstelle am Rücken kommt. Neben den Mensch-Maschinen-Hybriden scheint das Regime auch einen Faible für mit mechanischen Teilen verstärkte Hunde zu haben. Der technologische Fortschritt der Nazis wird im Laufe der Handlung sogar erklärt.

Das Rückgrat des Regimes bilden nach wie vor die menschlichen Soldaten, an denen sich BJ austoben kann. Die Gewaltdarstellung ist wie das ganze Wolfenstein-Spiel: übertrieben, ohne lächerlich zu wirken. Bei Treffern steigen Blutwolken auf, Köpfe explodieren, Gesichter verbrennen und Gliedmaßen werden abgetrennt. Das i-Tüpfelchen sind die Blutspritzer und Einschusslöcher, die die Wände zieren, nachdem BJ einen Raum „gesäubert“ hat.

Doppelt hält besser

Für den neuen Anstrich der Wände steht ein Arsenal mit den üblichen Verdächtigen zur Verfügung: Messer, Pistole, Sturmgewehr, Schrotflinte und Scharfschützengewehr. Später kommen noch Laser hinzu, die statt Patronen auf Batterien setzen, die an Stationen aufgeladen werden müssen.

Bis auf einen Laser können von jeder Waffe zwei Stück gleichzeitig getragen und abgefeuert werden. Das erhöht zwar die Feuerkraft gewaltig, verbraucht aber sehr viel Munition. Besonders in den höheren der fünf Schwierigkeitsgrade macht sich öfters eine akute Patronen-Knappheit breit.

Um das zu vermeiden, können einige Level-Abschnitte durch Schleichen gelöst werden. Taucht ein „Signal entdeckt“-Icon auf, heißt das ein Offizier ist in der Nähe. Eliminiert man diesen bevor man entdeckt wird, kann er keine Verstärkung anfordern. Stellt man sich geschickt an, kann man mit Wurfmessern und hinterhältigen Nahkampfattacken meist den ganzen Abschnitt bewältigen, ohne eine einzige Patrone verschießen zu müssen.

Gunplay

Das Schießen steht aber nach wie vor im Vordergrund. Das Gunplay stimmt, die Waffen vermitteln einen authentischen Eindruck, ohne, dass manche zu mächtig und andere gar nicht zu gebrauchen sind. Das Design der Schießprügel, der Rückstoß, die Soundeffekte – alles ergibt ein gelungenes Ganzes. Hinzu kommt noch die zerstörbare Umgebung. Viele Deckungen halten Beschuss nicht dauerhaft stand. Stärkere Waffen schmelzen Löcher in Metallplatten und Kugeln reißen Löcher aus Steinsäulen – die Lobbyszene aus Matrix lässt grüßen.

Die Steuerung ist ebenfalls gelungen. Hier gibt es nichts auszusetzen. Sogar das Deckungssystem funktioniert nahezu einwandfrei. Anstatt den Spieler in eine fixe Deckung zu pressen, wie es bei Third-Person-Shootern üblich ist, lässt man einfach die entsprechende Taste gedrückt, um sich nach oben, unten, links oder rechts zu lehnen.

In Deckung!

In einigen Level-Abschnitten muss man zwingend in Deckung gehen, wenn man nicht mehr genug Munition hat, um mit zwei automatischen Schrotflinten am Boden rutschend ein ganzes Nazi-Bataillon durch schiere Feuerkraft in die Knie zu zwingen. Der mittlere Schwierigkeitsgrad kann bereits herausfordernd sein, wenn die FPS-Einzelspieler-Erfahrung der vergangenen Jahre mit Call of Duty und anderen generischen Shootern gemacht wurde. Sollte man mal nicht weiterkommen, kann der Schwierigkeitsgrad jederzeit in den Optionen gesenkt werden.

An Anlehnung an frühere Shooter wird nur ein Teil der verlorenen Lebensenergie automatisch regeneriert. Erst Medipacks stellen größere Teile der Gesundheit wieder her. Ganz Oldschool ist Wolfenstein aber auch nicht. Durch bestimmte Aktionen können Vorteile freigeschaltet werden, wie etwa mehr Munitionskapazität oder schnelleres Nachladen. Auch für Waffen werden Verbesserungen freigeschaltet, wie etwa ein Schalldämpfer für die Pistole oder bessere Munition für die Schrotflinte.

Fazit

Wolfenstein: The New Order zeigt, wie man ein altes Franchise gelungen neu auflegt. Es ist zwar kein besonders innovativer Shooter, aber grundsolide und unterhaltsam. Zudem bleibt es seinen Wurzeln treu. Immer wieder gibt es Anspielungen auf alte Wolfenstein-Games, inklusive einem spielbaren Level des 1992 erschienenen Wolfenstein 3D.

In den zehn bis zwölf Stunden kommt keine Langeweile oder Eintönigkeit auf, auch Frustmomente halten sich in Grenzen. Sogar die Story und die Charaktere sind gelungen. Auch hier heißt es: Wenig innovatives oder neues, aber dafür ist das Bekannte sehr gut umgesetzt.

Auf einen Alibi-Multiplayer-Modus verzichtet Wolfenstein. Um zu einem nochmaligen Durchspielen zu motivieren, gibt es eine Entscheidung, die zu Beginn des Games getroffen wird. Die Wahl wirkt sich nur leicht auf das Gameplay und etwas auf die Handlung aus. Es gilt das Sprichwort: „Besser als gar nichts“.