Meinung
27.12.2016

Der Urteilchenstrahler

Achtung: Energiewesen aus der siebten Dimension nehmen uns Arbeitsplätze weg!

Wieder einmal habe ich ein Gerät entdeckt, das ohne jeden Zweifel die Welt verändern wird: Der Urteilchenstrahler heilt mit hochkonzentrierter Liebe und Engelsenergie. Mit ihm lassen sich feinstoffliche Kräfte aus der siebten Dimension anzapfen, problemlos kann man damit in kürzester Zeit riesige Mengen an ultrahochwirksamen feinstofflichen Heilpräparaten herstellen.

Allerdings sollten wir bedenken, dass eine derart großartige Erfindung immer auch ihre Schattenseiten hat: Wie soll neben dieser esoterischen Massenproduktion der arme kleine Scharlatan aus der Nachbarschaft noch wirtschaftlich überleben können?

Feinstoffliches

Früher hat man Krankheiten ja mit Wirkstoffen geheilt – mit Substanzen, die sich aus langweiliger Materie, aus schnöden Atomen und Molekülen zusammensetzen. Heute hingegen vertrauen viele Leute auf „feinstoffliche“ Präparate der Alternativmedizin, die aus purer Schwingung, Liebe und Information bestehen. Das ist praktisch: Es verbraucht keine Ressourcen, bringt aber trotzdem Geld.

Messen kann man das Feinstoffliche nicht. Das liegt vermutlich einfach daran, dass sich mit grobstofflicher Wissenschaft die feinstoffliche Engelsliebe nicht gut genug anzapfen lässt. Vermutlich wurde die Wissenschaft im Zeichen des Steinbocks erfunden, Steinböcke bleiben nämlich stur auf die materielle Welt fixiert und lehnen Spirituelles ab.

Die wahren Fans des Urteilchenstrahlers brauchen ohnehin keine wissenschaftlichen Beweise. So wie eine wahrhaft liebende Mutter, die einfach spürt, dass ihr pubertierender Sohn hochbegabt und genial ist, auch wenn er schriftlich nur mit Hilfe von Emoticons kommunizieren kann, so muss man auch den Urteilchenstrahler einfach liebhaben, auch wenn seine Wirkung durch gefühllose Fakten und Tatsachen nicht belegt wird.

Röhrchen mit Kabel – sonst nichts

Der Aufbau des Urteilchenstrahlers ist recht einfach: Es handelt sich um einen Metallstift, der über ein gewöhnliches Kabel mit einer Halterung für kleine Fläschchen verbunden ist. Wenn man in diese Halterung Ampullen mit feinstofflich aufgeladenen Substanzen stellt, zum Beispiel ein homöopathisches Präparat, dann wird die feinstoffliche Information auf geheimnisvolle Weise durch den Urteilchenstrahler geleitet, verstärkt und nach vorne abgestrahlt. Wenn man dort, im hochkonzentrierten Feinstoff-Strahl ein Wasserfläschchen platziert, dann wird sein Inhalt ebenfalls aufgeladen, und zwar noch weit stärker als die ursprüngliche Substanz.

Dadurch enthält man intensiv feinstoffliche Informationssubstanz, die man mit dem Urteilchenstrahler dann sogar noch weitere Male informationsverstärken kann. Möglich wird das, weil der Urteilchenstrahler Energie aus der siebten Dimension anzapfen kann, wo die pure Christus- oder Engelsenergie wohnt.

Das haben die Erfinder des Urteilchenstrahlers in jahrelanger Arbeit herausgefunden – nicht durch altmodische dreidimensionale Forschung, sondern eher durch Eingebung aus feinstofflichen Parallelwelten. In der siebten Dimension lebt nämlich, wie sich herausstellt, eine riesengroße Schar von arbeitslosen Schutzengeln, die nur darauf wartet, uns helfen zu können. Jeder Urteilchenstrahler wird mit einem ganz individuellen Schutzengel geliefert, der für die feinstoffliche Informationskonzentration zuständig ist.

Wollen wir feinstoffliche Massenproduktion?

Doch ist es wirklich in Ordnung, wenn wir arbeitslose Schutzengel aus der siebten Dimension in unsere Wohnzimmer holen, wo doch die Arbeitslosigkeit in unseren eigenen drei Dimensionen bereits so hoch ist?

Wenn wir uns von fremden Geisteswesen unsere feinstofflichen Produkte in Sekundenschnelle energetisch aufladen lassen, was wird dann aus unseren fleißigen Homöopathen, die seit Generationen in mühevoller Arbeit ihre verdünnten Uressenzen in der Gegend herumschütteln, bis sich garantiert kein Molekül des Wirkstoffes mehr in ihren Ampullen versteckt?

Was wird aus den mittelständischen Esoterikunternehmern, die täglich ihr Geschäft aufsperren, um uns feinstoffliche Heilkristalle zu verkaufen, wenn sich nun mit dem Urteilchenstrahler viel stärkere Präparate ganz schnell zu Hause herstellen lassen? Müssen sie sich nun alle umschulen lassen und Quantenastrologen oder Finanzanlageberater werden?

Können wir sicher sein, dass die importierte feinstoffliche Energie aus höheren Dimensionen wirklich dieselbe Qualität hat wie unsere? Wollen wir wirklich billige Liebesenergie aus Massenproduktion in unsere Dimension holen? Und wissen wir genug über interdimensionale Schutzengel, um sie bedenkenlos in unser Wohnzimmer lassen zu können? Was machen wir mit straffällig gewordenen Schutzengeln? Können wir sie in eine sichere Dritt- bzw. Viertdimension abschieben?

Solange wir diese Fragen nicht beantworten können, bin ich lieber vorsichtig. Versuchen wir zunächst besser mal, Kontakt mit den feinstofflichen Einhörnern vom Planeten Aldebaran aufzunehmen. Vielleicht haben die schon mehr Erfahrung mit Schutzengeln und können uns ein paar Tipps geben.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.