Meinung
16.11.2012

Die dubiose Welt der Reparaturanleitungen

Toshiba lässt Handbücher zu seinen Geräten aus dem Netz entfernen. Das Reparaturportal iFixit macht dagegen mobil. In seinem Kommentar für die futurezone schreibt iFixit-Gründer Kyle Wiens über Urheberrecht und geplante Obsoleszenz.

Tim Hicks ist 25 Jahre alt. Der Australier hat ein interessantes Hobby: Er durchforstet jeden Winkel des Internet auf der Suche nach Wartungshandbüchern diverser Hersteller und stellt sie dann kostenlos als PDF online. Hicks war frustriert darüber, dass es im Netz keine umfassende Anlaufstelle für Handbücher zur Notebook-Wartung gab. Er begann mit seiner Website - ohne Umschweife benannt als Tim’s Laptop Service Manuals - weil er selber Laptops repariert.

Seine Site streamt inzwischen täglich über 50 Gigabyte an Handbuchdaten. Oder vielmehr - so war es bis vor kurzem. In einer scharf formulierten Unterlassungsaufforderung wurde Tim von Toshibas Anwälten jetzt dazu gedrängt, mehr als 300 Handbücher zu den Laptops des Unternehmens zu entfernen.

Die vielen Fans des Projekts sind erstaunt über Toshibas Angriff - was sich leicht an den Kommentaren auf Reddit ablesen lässt - und ich teile ihre Entrüstung. Nicht nur wegen dieses Falls im Speziellen, sondern aufgrund seiner Bedeutung für die Lebensdauer unserer Geräte, für die Zukunft des Reparierens und die der Elektronikmüllproblematik, und wegen des Missbrauchs von Copyright-Gesetzen als Waffe zur Durchsetzung geplanter Obsoleszenz.

Indem Handbücher vom Internet ferngehalten werden, ist sichergestellt, dass Kunden, die ein Problem haben, einzig und allein der Weg bleibt, ihre defekten Geräte an teure, von den Herstellern authorisierte Service-Center zurückzusenden. Diese Politik läuft letztlich auf eine Strategie der geplanten Obsoleszenz hinaus, denn sie macht es dermaßen schwierig und teuer, defekte Elektrogeräte zu reparieren, dass viele Verbraucher sie einfach kurzerhand entsorgen. Toshiba hat nun einen neuen Weg gefunden, diese Strategie durchzusetzen, indem man dem Reparaturmarkt den Zugang zu kritischer Wartungsinformation abschneidet.

Die gesellschaftlichen Kosten sind beträchtlich: Das Problem Elektroschrott wird täglich größer während in der heimischen Wirtschaft Tausende Arbeitsplätze verloren gehen, weil unabhängige Reparaturbetriebe schließen müssen. Gleichzeitig zwingt man die Verbraucher dazu, ihre Hardware viel häufiger zu ersetzen.

Die Schattenwelt der Online-Handbücher
Viele Hersteller veröffentlichen Serviceunterlagen nicht selber im Netz, so dass man sie derzeit nur über Fremdanbieter mit suspekten Domainnamen wie „Givemefile.net“ und „download-service-manuals.com“ abrufen kann. Für jede angebotene Datei generieren diese Websites aber ein Netzwerk werbeverseuchter Seiten, um so beim Google-Ranking über ihre Wettbewerber hinauszuwachsen.

Wer in dieser Schattenwelt ein Handbuch downloaden will, muss also zunächst den einen, richtigen Link in einem Labyrinth irreführender Werbung finden… und dann hoffen, dass die heruntergeladene Datei auch frei von Malware ist.

Tim aber ist einer der Guten. Seine Site ist werbefrei und finanziert sich ausschließlich über Spenden. Tims Website kommt vielen zugute - die Spanne der Nutzer reicht von Service-Technikern bis hin zu gemeinnützigen Organisationen wie Computers for Schools. Viele kleine und lokal ansässige Unternehmen greifen auf sein Angebot zurück, denn die veröffentlichten Handbücher unterstützen Service-Shops bei der Wartung entsprechender Geräte - insbesondere nach Ablauf der Gewährleistung. (Man muss wissen, dass die meisten lokalen Reparaturanbieter vom jeweiligen Hersteller nicht dazu autorisiert sind, Computer innerhalb der Garantiezeit zu warten; sie arbeiten unabhängig von den großen Erstausrüstern, ähnlich wie freie Werkstätten im Automobilbereich).

Die Löschung von Handbüchern schaltet solche Dienstleister schlicht und einfach aus. Und sie zerstört die Reparaturkultur generell - denn Reparaturen ohne Handbücher sind einfach nicht rentabel. Werkstätten benötigen die darin enthaltene Information, um komplexe Produkte warten und reparieren zu können.

Das Spiel mit dem Urheberrecht
In der Welt des Automobilbaus wurden die Hersteller durch bundesstaatliche und internationale Gesetze inzwischen dazu verpflichtet, Reparatur- und Wartungsinformation auch freien Werkstätten zur Verfügung zu stellen. Hier in den USA gibt es Firmen wie Mitchell 1 oder Alldata (letztere ist inzwischen auch auf dem europäischen Markt vertreten), die Handbücher aller Autohersteller sammeln, bündeln und per Abonnement zur Verfügung stellen - und so allein in Amerika Jobs für 100.000 Mechaniker schaffen. Freie Werkstätten wären ohne diese Information einfach nicht in der Lage, aktuelle Autos zu reparieren.

Leider gibt es keine entsprechende Gesetzgebung für Elektrogeräte. Dieser Bereich ist durch die Existenz eines „grauen“ Informationsmarktes geprägt, über den Wartungs- und Reparaturinformationen an die Öffentlichkeit gelangen. Es herrscht dabei eine Art unbehaglicher Waffenruhe zwischen freien Reparaturwerkstätten und Herstellerfirmen. Autorisierte Service-Techniker leaken die Handbücher an Menschen wie Tim, die sie dann online stellen; die Service-Shops selbst brechen also kein Gesetz, wenn sie die Handbücher zur Reparatur unserer Computer verwenden.

„Givemefile.net“, „download-service-manuals.com“ und Websites wie die von Tim betriebene handeln jedoch gesetzeswidrig: Ohne die Zustimmung der Hersteller ist es schlicht illegal, die urheberrechtlich geschützten Wartungshandbücher weiter zu verteilen. Nichtsdestotrotz stellt eine Reihe von Sites diese wichtigen Dokumente Servicetechnikern zur Verfügung. Filesharing ist eine Grauzone.

Das Risiko, wegen Urheberrechtsverletzung verklagt zu werden, ist groß genug, um Organisationen (wie meine) davon abzuhalten, Handbücher von Erstausrüstern überhaupt weiterzugeben, einfach um Repressalien zu vermeiden; potenzielle Sanktionen können in den USA bis zu 150.000 Dollar pro Dokument betragen. Obwohl das Abschreckungspotenzial also sehr hoch ist, werden die Urheberrechtsansprüche nur hin und wieder auch tatsächlich durchgesetzt. Tim beispielsweise hostete Toshibas Handbücher drei Jahre lang, bevor das Unternehmen von sich hören ließ. Und er hatte noch Glück: Toshiba gab sich damit zufrieden, dass die Information zügig entfernt wurde.

Nun ist es natürlich so, dass urheberrechtlicher Schutz aus gutem Grund existiert. Er ist dazu bestimmt, die Urheber von Inhalten für begrenzte Zeit abzusichern und so ihre schöpferische Tätigkeit zu fördern. Entsprechend lassen sich zwar Gedichte per Copyright schützen, nicht aber Fakten wie eine Drehmomentspezifikation. Wenngleich sich also ein konkreter Demontageprozess nicht schützen lässt, gelten Kundendiensthandbücher als urheberrechtlich schützbare Werke.

Führende Hersteller von Elektronikgeräten wie Apple oder Toshiba beantragen generell ein Copyright für ihre Wartungsunterlagen; aus erster Hand weiß ich, wie fest die Hersteller den Daumen auf entscheidender Reparaturinformation halten. Apple droht seit Jahren mit Klagen, wenn es darum geht, entsprechende Anleitungen vom Internet fernzuhalten. In der Tat hat genau dieses Informationsvakuum mich dazu bewogen, mit iFixit anzufangen. Unsere Community nimmt die Geräte auseinander und findet selbst heraus, wie sie zu reparieren sind - anstatt Apples Wartungsinformation zu reproduzieren. Wir schreiben komplett eigene Wartungshandbücher, die nicht durch Urheberrechtsansprüche der Firma Apple belastet sind.

Das universelle Recht auf Reparatur
Wie hat Toshiba nun die Entscheidung begründet, seine eigene Reparaturdokumentation zu zensieren? Neben den offensichtlichen - und überzeugendsten - Ansprüchen im Bereich des Copyright gibt das Unternehmen weitere Beweggründe an, zum Beispiel „die Gefährdung [der körperlichen Unversehrtheit] der Nutzer“ und die Sorge um den Schutz „proprietärer Information“.

Insbesondere der erste Punkt ist ausgesprochen lächerlich, da es nur sehr wenige Möglichkeiten gibt, sich bei der Demontage eines Laptops zu verletzen (vor allem wenn der Akku entfernt wurde und man weiss, wie man einen Kondensator entlädt). Pikanterweise wird aber alles in dem Moment unsicherer, in dem die autorisierten Anleitungen einem vorenthalten werden. Die Leute hören eben nicht damit auf, ihre Elektrogeräte zu öffnen - es fehlt in vielen Fällen dann aber einfach die Orientierung, wie man es richtig macht.

Und was die proprietären Informationen angeht: Bis jemand die Laptops repariert, um die es geht, sind die entsprechenden Materialien bereits so veraltet, dass sie für Toshibas Wettbewerber keine Rolle mehr spielen. Die Elektronikbranche wandelt sich einfach zu schnell als dass dies eine ernsthafte Sorge sein könnte.

Im Wesentlichen würgt Toshiba also den Verkauf aus zweiter Hand ab, indem die Firma das Urheberrecht nutzt, um unabhängige Service-Dienstleister von der für die Arbeit benötigten Information abzuschneiden. Toshiba schadet so seinen Kunden, weil der Wiederverkaufswert der Produkte herabgesetzt wird. Scheinbar erwägen bereits einige IT-Abteilungen, ihre Budgets weg von Toshiba-Produkten in Richtung leichter reparierbarer Computer zu verlagern. (Beschaffungspolitik ist ein machtvolles Instrument, wenn es gilt, Veränderungsprozesse anzustoßen. EPEAT, der Green-IT-Zertifizierungsprozess der Umweltorganisation Green Electronics Council in den USA, spielte in diesem Sommer eine wichtige Rolle, als es darum ging, Druck auf Apple auszuüben. Ich setze große Hoffnungen in diesen Prozess… trotz der Tatsache, dass EPEAT Apple gegenüber zeitweilig nachgegeben hat.)

Falls die Marktkräfte nicht ausreichen sollten, Toshiba zu einem Kurswechsel zu bewegen, dann könnte es nötig werden, das Unternehmen zur Umkehr zu zwingen. Als Automobilhersteller in den USA sich weigerten, freien Werkstätten den Zugang zu Informationen zu gewähren, die sie für die Reparatur von Autos benötigten, schlossen sich die Verbraucher schließlich zusammen, um die „Right to Repair“-Gesetze durchzusetzen, die in der letzten Woche tatsächlich verabschiedet wurden. Es gibt also keinen Grund, warum wir dasselbe nicht auch in diesem Fall tun könnten.

Es wird höchste Zeit, dass große Hersteller sich nicht länger hinter Gesetzen des Urheberrechts verschanzen und so freie Reparaturanbieter im Regen stehen lassen.

Diese Art der Information muss frei verfügbar sein. Die Welt hat ein Recht darauf zu wissen, wie diese Produkte zu reparieren sind. Die Reparaturfähigkeit von Elektrogeräten ist ein entscheidender Beitrag zur Lösung der Elektroschrott-Krise. Sie trägt außerdem zur Überwindung der digitalen Spaltung bei, indem sie Märkte für Second-Hand-Elektronik und für Entwicklungsländer am Leben hält; und sie steht in direktem Zusammenhang mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen allein in den Vereinigten Staten.

Wenn Sie also derzeit überlegen, sich ein Toshiba Laptop zu kaufen, dann sehen Sie einfach davon ab. Und wenn sie gegenwärtig Besitzer einer entsprechenden Hardware sein sollten, dann schreiben Sie Toshiba und teilen dem Unternehmen mit, dass Sie seine Vorgehensweise tadelnswert finden.

Kaufen Sie Produkte von Herstellern, die ihre Wartungsunterlagen online zur Verfügung stellen, so wie Dell, HP oder Lenovo es tun. Und auch für andere Kaufentscheidungen sollte dies ein Kriterium sein. Denn das Problem betrifft nicht nur Toshiba: Zum Beispiel veröffentlicht kein einziger Hersteller von Mobiltelefonen seine Wartungshandbücher. Außer in der Schwermaschinenbranche (in der die Kunden diese Information einfach verlangen) und in der Automobilindustrie (in der entsprechende Gesetze eine Veröffentlichung sicherstellen) existieren nur wenige Hersteller, die nicht auf das Urheberrecht als Mittel zurückgreifen, um uns als Verbraucher besser im Griff zu haben.

Ich jedenfalls werde nicht auf Toshiba warten. Gerade sammeln wir über Indiegogo die Gelder und die benötigte Hardware ein, um zusammen Open Source Handbücher zu erstellen, mit denen wir dann jene ersetzen können, die Tim auf Druck von Toshiba hin entfernen musste.

Kyle Wiens ist CEO und Co-Gründer von iFixit, einer Online-Reparatur-Community, die für ihre Open-Source-Reparaturanleitungen bekannt ist.