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Fiction Vitrine 6, Reihe 2, 21. Jahrhundert.

 
  - Foto: Getty Images/Vetta/CSA Images/ B&W Engrave Ink Collection/istockphoto
Die Personalmanagement-Fähigkeiten des Retro-Direktors. Die vierte und somit letzte Kurzgeschichte von Barbara Kaufmann, die wir zu den Feiertagen veröffentlichen.

„Junge Dame“, sagte der Generaldirektor, beugte sich etwas vor und räusperte sich, was jedoch misslang. Aus dem Räuspern wurde schlagartig ein lautes Bellen, das die angespannte Stille zerriss. Dreißig Jahre lang hatte er die Bläschen in seiner Lunge mit sechzig Zigaretten pro Tag zum Platzen gebracht. Zumindest stellte er sich das so vor. Wie kleine hautfarbene Kaugummiblasen, an die man die Glutspitze einer Zigarette hielt und die dann mit einem leisen Zischen in sich zusammenfielen. Kein lauter Knall. Der Tod kam schleichend und nicht mit einem spektakulären Auftritt, dessen war er sich fast sicher. Ein leiser Seufzer, bevor alles vorbei war. Wie der schwarze Schwan in der letzten Szene. Schlussmusik, Vorhang, Ende.

Der Generaldirektor wusste nicht, warum er jetzt an den schwarzen Schwan denken musste. Er mochte Ballett eigentlich nicht. Einmal im Jahr zwängte er sich in die Loge der Staatsoper, die seitlich ganz vorne beim Orchestergraben lag, weil er die Musiker während der Vorstellung gerne beobachtete. Er glaubte erkennen zu können, wer mit wem verfeindet war, wer für wen schwärmte und welche Geiger sich hassten, obwohl sie Sitznachbarn waren. Oder vielleicht gerade deswegen.

Störendes Klappern

Der Tanz auf der Bühne interessierte ihn nicht. Ihn störte das Klappern der Spitzenschuhe am Bühnenboden. Wenn man so weit vorne saß, konnte man es hören. So gut, dass sich der Generaldirektor kaum auf etwas anderes konzentrieren konnte. Jedes Mal ärgerte er sich darüber und dieser Ärger zerstörte den ganzen Abend für ihn. Tänzer sollten doch graziös sein, über dem Boden schweben, zart, sphärisch, elegant. Aber Eleganz war vom Aussterben bedroht, ein im Untergang befindliches Ideal.

Der Generaldirektor seufzte. Die Frau vor ihm, die ihn argwöhnisch betrachtete und nicht älter sein konnte als höchstens dreißig, hatte sich aufgegeben. Ihr Haar war unordentlich frisiert und hatte eine unnatürlich orange Farbe, die gegen den Ansatz hin von aschbraunen Flecken unterbrochen wurde. Eigentlich hatte sie schöne Augen, dachte sich der Generaldirektor, dunkelbraun, fast schwarz mit dichten dunklen Wimpern drum herum. Aber die Frisur, die Kleidung und ihre Körperhaltung! Wie sie da  saß und ihn ansah, störrisch, reizlos, unwillig. Wie ein mürrisches Kind, das sich nicht benehmen wollte, obwohl Gäste zu Besuch waren.

„Junge Dame“, fing der Generaldirektor noch einmal an und schüttelte den Kopf über so viel Sturheit. Dabei war doch im Unternehmen gut bekannt, wie sehr er gute Manieren, höfliche Umgangsformen und den sanften Augenaufschlag schätzte. Im Laufe der Jahre hatte er oft genug dafür gesorgt, dass sich seine Vorlieben herumsprachen. Er mochte keine übel gelaunten Frauen, er mochte nicht belehrt werden, er mochte keine lauten Antworten, wenn er das Wort an eine Mitarbeiterin richtete.

Keine Tierlaute

Er wollte sanfte Frauen mit gewinnendem Wesen und einem Lächeln auf den möglichst zart geschwungenen Lippen. Er hatte nichts dagegen, wenn im Überschwang der Gefühle das Lachen einmal etwas lauter wurde. Nur nicht schrill und nur nicht wiehernd oder grunzend. Sobald ihn ein Geräusch eines Menschen an ein Tier erinnerte, dachte er an Ställe, an dampfende Exkremente, er konnte den Mist regelrecht riechen und musste den Auslöser dieser Erinnerungen sofort aus seinem Umfeld verbannen.

Einer sehr fähigen und langjährigen Mitarbeiterin hatte er deshalb gekündigt. Betriebsbedingt, hatte er behauptet und der Betriebsrat hatte es ihm durchgehen lassen. Wahrscheinlich weil er ihr Lachen auch nicht ertragen hatte. Ein Wiehern, das den Raum regelrecht erschütterte. Sie war Ende vierzig und es würde wohl schwer werden für sie auf einem Markt, auf dem Jugend und Schönheit jedes Zeugnis stachen. Aber das war es ihm wert. Die Stille, die auf sie im Stockwerk folgte.

Eine Elfe

Die Ruhe, die ihre Nachfolgerin ausstrahlte, die halb so alt war, aber dafür umso unkomplizierter. Eine Elfe, die über den Gang schwebte. Selbst wenn sie anklopfte, war es ein sanftes Geräusch, als würde sie das Holz streicheln. Der Generaldirektor seufzte wohlig, als er an sie dachte. Schade, dass sie überstürzt geheiratet hatte, viel zu jung, und nun ein Kind bekam. Er hatte nur einen Abend mit ihr gehabt in der Bar des Kongresshotels, als ihr raulederner Rock auf dem Barhocker etwas nach oben gerutscht war und sie viel zu früh zu Bett gegangen war. Leider ins gemeinsame Zimmer mit der Personalchefin. Was hätte sonst alles geschehen können.

Die Kollegin mit dem wiehernden Lachen hatte er schnell vergessen. Sie war wohl als Teilzeitkraft irgendwo untergekommen, hatte er gehört.  Und dann an Brustkrebs erkrankt. Er wusste nicht, ob sie noch lebte. Es sei schlecht um sie gestanden, war das letzte, was er von ihr gehört hatte. Er hatte auch nicht nachgefragt. Er mochte keine schwerkranken Menschen und er mochte sich erst recht nicht mit ihnen beschäftigen. Sie erinnerten ihn an sein Alter und den Tod. Und daran wollte er nicht denken.

Tief und bestimmt

Die Frau vor ihm unterbrach seine Gedanken rüde, indem sie das Wort an ihn richtete. Ihre Stimme war tiefer als er es vermutet hatte. Tief und bestimmt. Er schauderte unwillkürlich. Diese Haare und dann dieser Bass als Stimme, das passte nicht zusammen. Sie sagte etwas über eine Gehaltserhöhung, mehr Geld also, und dabei ballte sie die rechte Hand ein wenig zu einer Faust. Der Generaldirektor stellte sich vor, wie sie damit auf den Tisch schlug. Mit feisten Oberarmen und einem Keifen in der Stimme, während sie immer mehr forderte, immer lauter, unerträglich mehr. Ihm wurde übel. Er sah seine Mutter vor sich und schnell rief er sich das Heim in Erinnerung, das weit weg stand in der teuren Idylle am Stadtrand, dafür mit hohen schmiedeisernen Toren, die abends geschlossen wurden.

Er ließ den Blick über die Frau vor ihm gleiten und er beschloss, dass er sie nicht mochte. Sie war ihm zu direkt, zu roh, zu ungehobelt in ihrem Auftreten, in all ihren Gesten. Er liebte Frauen, die ein Geheimnis aus sich machten. Deren Miene unergründlich war, deren Gesichtszüge bewegungslos waren wie die stummen Statuen im Park, in denen man je nach Stimmung lesen konnte, was man wollte. Er hatte sich früher gerne in der Mittagspause vor sie gesetzt und in ihre steinernen Mienen geblickt. Und er hatte Mitgefühl für sie empfunden. So wie für jede Frau, die alterte. Deren Äußeres angegriffen wurde vom Zahn der Zeit, gnadenlos, auch wenn sie noch so sehr dagegen ankämpfte.

Alte Frauen

Der Generaldirektor mochte keine alten Frauen um sich herum. Er achtete darauf, dass seine Assistentinnen alle drei bis höchstens vier Jahre ausgetauscht wurden. Durch jüngere, schnellere, anpassungsfähigere.  Die älteren versetzte er in andere Stockwerke oder überhaupt in Außenstellen, von denen der Zug nur einmal am Tag in die Stadt fuhr. Er hatte einen feinen Geruchssinn entwickelt für das Alter und bei der Frau, die ihm gegenüber saß mit ihrem fordernden Blick, da konnte er es jetzt schon riechen. Er würde ihr Gesuch ablehnen. Und danach dem Abteilungsleiter den Auftrag geben, sich ihrer zu entledigen.
 
Er atmete erleichtert durch. „Junge Dame“, sagte er und das Husten wurde plötzlich zu einem Quietschen. Immer höher und schriller, bis Rauch aus den Augen des Generaldirektors drang, Blut aus seiner Nase tropfte und sein Gesicht nach vorn fiel und auf den Glastisch knallte. „Verdammt!“, rief Helena und lief an ihren Schülerinnen vorbei nach vorn. Sie nahm eine Wasserflasche und schüttete den Inhalt über den Kopf des Generaldirektors. Ein Zischen ertönte. Helena hob ihn leicht an. Die Stirn war geschmolzen.

Sie seufzte. „Bringt ihn zurück“, sagte sie enttäuscht. „Das wird heut’ nichts mehr!“ Sie wandte sich an die Frau, die seine Mitarbeiterin gespielt hatte. „Es tut mir leid, aber bei diesen alten Exemplaren weiß man nie, ob sie die ganze Stunde durchhalten.“ Die Schauspielerin nickte verständnisvoll. Vier ihrer Schülerinnen liefen nach vorn und luden den Generaldirektor gemeinsam in einen breiten Einkaufswagen. Sie schoben ihn zusammen ans Ende des Unterrichtsraums, durch eine Tür, die in einen Saal voller Schaukästen und Vitrinen führte. An der Decke hingen die Nummern der Reihen und daneben das Jahrhundert.

Welche Hälfte

Die Mädchen sahen sich kurz ratlos an. „Erste oder zwei Hälfte 21. Jahrhundert?“, fragte eine. Eine andere antwortete: „Sicher erste Hälfte. In der zweiten Hälfte hat es die nicht mehr gegeben.“ Sie bogen in eine der Reihen ein und zwischen einer eingeschweißten Waschmaschine und einem Mobiltelefon stand eine leere Vitrine mit der Aufschrift: Vitrine 6, Reihe 2. Gemeinsam hievten sie den Generaldirektor hinein und verschlossen den Schaukasten. Lachend gingen sie zurück, vorbei an der Reihe mit der Aufschrift „22. Jahrhundert“, an Vitrinen mit beleuchteten Männerköpfen, die kurz ihre Augen aufrissen. Sie klopften verspielt an das Glas und verließen den Saal.

Barbara Kaufmann

Über die Autorin

Barbara Kaufmann hat an der Wiener Filmakademie Drehbuch studiert und lebt als freie Filmemacherin und Autorin in Wien. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Carl Mayer Drehbuchpreis.

Sie war langjährige freie Mitarbeiterin bei Ö1, hat für ORF und ATV gedreht, Texte für das Magazin Datum verfasst und war leitende Redakteurin bei NZZ.at.  Aktuell schreibt sie eine Kolumne in der Tageszeitung KURIER und arbeitet am Drehbuch für ihren ersten Spielfilm.

 

Die erste Kurzgeschichte: Workout bis ans Ende der Welt

Die zweite Kurzgeschichte: Nur nicht den Kopf verlieren

Die dritte Kurzgeschichte: Die Küche, die niemals verzeiht

(futurezone) Erstellt am 01.01.2018, 06:00

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