Meinung 06.02.2018

Wie sich die Evolutionsgegner zum Affen machen

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Wer gedacht hat, der Kampf gegen antiwissenschaftlichen Kreationismus sei längst gewonnen, hat sich getäuscht. Wir werden uns noch wundern, was alles möglich ist.

Lange Zeit war es irgendwie lustig. Man las über religiöse Fundamentalisten in den USA, die wutschnaubend dagegen protestierten, dass ihre Kinder in der Schule mit der unheiligen Evolutionstheorie befleckt würden – wo doch in der Bibel eindeutig steht, dass Adam und Eva am sechsten Tag erschaffen wurden, voll funktionstüchtig und schön frisiert, ohne dass vorher irgendein haariger Australopithecus mit fragwürdigen Tischmanieren über die Savanne spazieren musste.

Diese Radikalreligiösen, die antike Mythen nicht von naturwissenschaftlichen Fakten unterscheiden können, erschienen uns kurios, weit weg und wenig bedrohlich. Man konnte sich lustig machen über diese ungebildeten Bible-Belt-Amerikaner. Wir sind schließlich aufgeklärte Europäer, hier ist Wissenschaft doch Grundkonsens. Ach, wie lagen wir falsch! Wir sollten uns darauf einstellen, immer häufiger wissenschaftliche Tatsachen gegen fundamentalistische Attacken verteidigen zu müssen. Das wird kein Spaß.

Fundamentalismus für Wählerstimmen

In Polen wollen konservative Politiker ihre christlichen Überzeugungen unter Beweis stellen, indem sie gegen die Evolutionstheorie wettern. Der stellvertretende Unterrichtsminister Miroslaw Orzechowski bezeichnete sie als „Lüge“, der EU-Parlamentarier Maciej Giertych versuchte, Charles Darwin mit einem historischen Argument zu widerlegen: Es gebe schließlich in vielen Kulturen Erzählungen über Drachen, erklärte Giertych. Das können natürlich nur Erinnerungen an Dinosaurier sein. Daher müssen die Menschen vor der großen Sintflut mit Dinosauriern zusammengelebt haben, und die Evolutionstheorie ist falsch. Schach und matt!

Allerdings gibt es auch in unterschiedlichen Kulturen Erzählungen über blutsaugende Vampire. Es bleibt zu hoffen, dass Herr Giertych immer Holzpfähle und Knoblauch mit sich herumträgt.

In Serbien versuchte die Bildungsministerin Ljiljana Čolić, die Evolutionstheorie aus dem Unterricht zu entfernen. Nur in Gegenüberstellung mit der biblischen Schöpfungslehre sollte es erlaubt sein, Evolution zu unterrichten. Nach einem Proteststurm wurde der Plan allerdings zurückgezogen.

Großen Einfluss in islamischen Bevölkerungskreisen hat der Autor Adnan Oktar (auch bekannt unter dem Pseudonym Harun Yahya). In seinem aufwändig gestalteten „Atlas der Schöpfung“ versucht er nachzuweisen, dass sich das Leben auf der Erde im Lauf der Zeit nicht verändert hat, sondern dass die Lebewesen immer schon so ausgesehen haben wie heute. Glauben kann man das wohl nur, wenn man es schafft, einen Tyrannosaurus Rex mit einem Suppenhuhn zu verwechseln. Viele ganz banale Fehler sind Adnan Oktar von Experten nachgewiesen worden, seine Anhänger stört das freilich nicht. In der Türkei spielt er eine zentrale Rolle in der Anti-Evolutions-Bewegung. Auch an Schulen und Lehrer in Frankreich und Deutschland ist sein Werk versandt worden – gratis und ungefragt. Wer diese Propagandaaktionen finanziert, ist unbekannt.

Als ganz scharfer Beobachter erwies sich kürzlich auch der indische Minister Satyapal Singh: Die Evolutionstheorie muss falsch sein, erkannte er, schließlich gibt es keine Berichte unserer Vorfahren, dass sie jemals einen Affen dabei beobachtet hätten, sich in einen Menschen zu verwandeln. Es ist schon erstaunlich, wie jemand selbstbewusst genug sein kann, um eine wissenschaftliche Theorie zu attackieren, die er offenbar nicht mal in Ansätzen verstanden hat. Es ist, als würde jemand erklären: „Die Relativitätstheorie ist falsch, denn wenn die Batterie leer ist, bleibt jede Uhr stehen. Und außerdem mag ich keine Rosinen im Apfelstrudel, daher … glaube ich nicht an Elektronen!“

Freikirchen: Den Vatikan modern aussehen lassen

In Österreich könnte eine ähnliche Entwicklung bevorstehen: 2013 wurde der „Bund Evangelikaler Gemeinden“ offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt – ein buntes Gemisch kleiner christlicher Freikirchen. Während wissenschaftlich denkende Theologen heute ernsthafte historische Quellenforschung betreiben, alte Texte aus ihrem geschichtlichen Kontext heraus erklären und kaum auf die Idee kommen würden, sich mit naturwissenschaftlichen Fakten anzulegen, sind die Freikirchler überzeugt, dass die Bibel ein Wort für Wort gültiges Regelwerk für alle Lebenslagen ist. Meist sind sie sehr konservativ und ausgesprochen dogmatisch – die katholische Kirche, die sich mit der Evolutionslehre längst arrangiert hat, wirkt daneben wie eine japanische High-Tech-Toilette neben einem mittelalterlichen Plumpsklo.

Dass solche freikirchlichen Gruppierungen ihre Probleme mit der Evolutionslehre haben, liegt auf der Hand. Nach dem österreichischen Gesetz dürfen sie aber als staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft nun an staatlichen Schulen unterrichten.

Religiöser Glaube wird dort gefährlich, wo er sich in Bereiche einmischt, für die eigentlich die Wissenschaft zuständig ist: Wie alt ist die Erde? Wie entstand die Spezies Mensch? Was sagen uns Fossilienfunde über vergangene Epochen? Solche Fragen haben klare, wissenschaftlich ergründbare Antworten. Wenn jemand glaubt, diesen Antworten ein uraltes heiliges Buch entgegensetzen zu können, dann hat er nicht verstanden, was eine wissenschaftliche Diskussion ist. Er benimmt sich wie jemand, der beim Schachspielen plötzlich den gegnerischen König aufisst, das Schachbrett in die Luft wirft und dann erklärt, er habe gewonnen. So funktioniert das nicht.

Und deshalb müssen wir wachsam sein. Es ist gut, allen Meinungen und Ideologien zunächst mal mit Respekt zu begegnen. Doch wer mit dogmatischen Glaubenssätzen etablierte Fakten angreift, hat keinen Respekt verdient. Er rüttelt an den Grundbausteinen von Wissenschaft, Aufklärung und Demokratie, auf denen unsere Gesellschaft beruht.

Florian Aigner

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Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

( futurezone ) Erstellt am 06.02.2018