© FOTO: Screenshot

1378(km)
12/11/2010

Ego-Shooter lässt auf Flüchtlinge schießen

Zeitzeugen kritisieren Mauerschützen-Spiel - Karlsruher Hochschule für Gestaltung pocht auf Freiheit der Kunst und verteidigt Studentenprojekt als "ethisch nicht angreifbar".

Die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe hat sich am Freitagabend demonstrativ hinter ihren Studenten Jens Stober und sein umstrittenes Computerspiel 1378 gestellt. Darin wird die Lage an der innerdeutschen Grenze im Jahr 1976 nachgestellt. Maximal 16 Spieler können sich für die Perspektive des Regime-Flüchtlings oder des Grenzsoldaten entscheiden. Als Grenzsoldat können sie dann wählen, ob sie den Flüchtling verhaften, mit ihm fliehen oder auf ihn schießen.

Ein paar Minuten aussetzen für Exekutionen

Nach drei Exekutionen wird ein Grenzsoldat allerdings per Zeitreise vor ein Gericht gestellt und muss mehrere Minuten aussetzen. "Wer zu viel schießt, gewinnt nicht", betont Stober, der auf diesem Weg seine Generation mit der deutsch-deutschen Geschichte konfrontieren will. Die Ernsthaftigkeit des Themas sei ihm bewusst, das Spiel solle zum Nachdenken anregen.


Rainer Wagner, Bundesvorsitzende der __Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) (http://www.uokg.de/cms/) __, übte in einer von der Hochschule angesetzten Diskussionsrunde dennoch heftige Kritik: "Laden Sie das Spiel nicht ins Internet, und bieten Sie nicht die Möglichkeit an, auf Flüchtlinge zu schießen." Wagner appellierte an die Verantwortlichen, mit den Opfern zu sprechen und das Spiel abzuändern. Er selber hatte selber Fluchtversuche unternommen, die zweimal im Gefängnis endeten.

"Spiel ist ein Kunstprojekt"

"Das Konzept ist ethisch nicht angreifbar", meint hingegen Heiner Mühlmann, Lehrbeauftragter für Philosophie und Kulturtheorie. "Man spricht hier von einer dramaturgischen Voreiligkeit: Der Spieler glaubt, beim Schießen auf Flüchtlinge Punkte zu machen, gehört dann aber nicht wie erwartet zu den Gewinnern." Michael Bielicky, Leiter des Fachbereichs Medienkunst, ergänzt: "Diese Arbeit ist ein Kunstprojekt, und die Kunst hat immer schon versucht, Grenzen zu überschreiten."

Von 1961 und 1989 versuchten mehr als 100 000 DDR-Bürger die Flucht. Nach Angaben des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung starben 136 Menschen allein an der Berliner Mauer. Die Zahl der Toten an der gesamten Grenze wird auf 270 bis 780 geschätzt.

(futurezone/dpa)