Sony 1000X mit Tragecase
Sony 1000X The Collexion im Test: Verliebt in eine Kopfhörertasche
Lässig an der Lederausstattung des Motorboots gelehnt oder beim Arbeiten im 100-Quadratmeter-Eckbüro eines Wolkenkratzers: So stellt sich Sony anscheinend die Kundschaft der 1000X The Collexion vor.
Und ich frage mich: Darf ich ohne ein einziges Stück beige Designermode, die ein bewusster Mix aus Retro und Understatement ist, überhaupt mit diesen Over-Ear-Kopfhörern das Haus verlassen? Und dann auch noch öffentlich (!) in die Arbeit fahren, statt mit Chauffeur? Und ist man eigentlich nur möchtegernreich, wenn man zwar einen Chauffeur hat, aber es derselbe ist, der auch das Motorboot für einen fährt?
Offizielles Sony-Bild für die 1000X
© Sony
Die Fotos, mit denen Sony die 1000X bewirbt, wirken ähnlich bizarr wie der Preis: 629 Euro will der japanische Hersteller dafür. Das sind 280 mehr als die WH-1000XM6, auf denen die 1000X basieren. Was können also die Kopfhörer mehr oder besser, womit dieser Aufpreis gerechtfertigt wird?
Nicht ohne meine Kopfhörerhandtasche
Die beste Antwort auf diese Frage, ist die Tragetasche. Nein, ich habe nicht zu viel vom Plénitude 3 1990 geschlürft, während ich mit den 1000X Neobop gelauscht habe: Die Tragetasche ist einfach ein wirklich cleveres Design. Und clevere Designs machen Spaß.
Das Case ist so elegant und schlank geformt, dass man auf den ersten Blick kaum glaubt, dass da die 1000X reinpassen. Das Ganze ist so minimalistisch angelegt, dass auch noch eine Aussparung platziert wurde, die einen Tragegriff bildet. Und trotzdem gibt es innen noch Stauraum, damit ein 3,5-mm-Klinkenkabel (im Lieferumfang enthalten) und ein USB-C-Kabel Platz haben.
Hinzu kommt, dass der Textilstoff des Case sich richtig gut anfühlt und der magnetische Verschluss sich harmonisch ins Gesamtbild einfügt: Es wirkt wie aus einem Guss, mit dem Bonus des Tragegriffs. Das Fashion-Äquivalent wäre ein perfekt sitzendes Designerkleid (bitte nicht in beige), das auch noch Taschen hat. Etwas weniger malerisch beschreibt es meine Kollegin, die ebenfalls von dem Case mit Griff angetan ist: „Wie bei Polly Pocket“ – eine Anspielung auf Größe und Form der Tragetasche.
Keine Polly Pocket in der Tragetasche.
© Gregor Gruber
Schwerer und rutschiger
Nachdem die Huldigung für die Tragetasche jetzt fast aus dem System ist: Die Kopfhörer sind auch ok. Die grundlegende Form erinnert stark an die WH-1000XM6, es gibt aber doch markante Unterschiede. Dazu gehört die Verwendung von Metallelementen, sowohl an der Bügel-Außenseite als auch an den Muscheln. Diese kleinen Extrabügel fahren außen am Metall des Bügels entlang, wenn man die Größe der Kopfhörer anpasst. Optisch spricht mich dieses Konstrukt nicht an, weil es das „aus einem Guss“-Gefühl reduziert. Zumindest ist es einigermaßen dezent, weil die Metallbügel an den Muscheln dieselbe Farbe haben wie der äußere Metallbügel.
Mehr Metall = mehr Gewicht. Die 1000X wiegen 320 Gramm, die WH-1000XM6 nur 254 Gramm. Außerdem wurde der Faltmechanismus der WH-1000XM6 gestrichen. Für mich kein großer Verlust, da ich Over-Ears prinzipiell einfach so in die Kelly schmeiße (aka mein 15 Jahre alter Samsonite-Rucksack, der langsam, aber sicher auseinanderfällt).
Trotz des höheren Gewichts gibt es keine Einschränkungen beim Komfort. Auch längeres Tragen bleibt komfortabel, mit und ohne Brille. Das wurde wohl mit einem Trick erreicht: Der Anpressdruck der Kopfhörer an den Kopf scheint geringer zu sein als bei den WH-1000XM6. Der Nachteil: Selbst, wenn ich die 1000X enger stelle, als ich es sonst tun würde, rutscht der Bügel am Kopf etwas nach vorne und nach hinten, wenn ich nach unten und oben schaue. Das Rutschen ist zwar gering genug, dass ich nicht den Eindruck habe, dass sie beim Austernöffnen gleich runterfallen: Beim Sport hätte ich aber kein gutes Gefühl damit.
Sony 1000X
© Sony
ANC und Klang
Der geringere Anpressdruck, bzw. die etwas andere Bauform, macht sich bei der aktiven Geräuschunterdrückung (ANC) bemerkbar. Die ist, Sony-typisch, bei den 1000X sehr gut, aber nicht so hervorragend wie bei den WH-1000XM6. Dieses magische Gefühl, wenn man die Kopfhörer aufsetzt und das ANC in der U-Bahn auf einmal das Dröhnen und Brummen nahezu vollständig verstummen lässt, ist bei den 1000X nicht so ausgeprägt.
Beim Klang ist es andersrum: Da sind die 1000X einen Tick besser als die WH-1000XM6, was aber selbst im direkten Vergleich erst rauskommt, wenn man sie eine Weile benutzt. Der etwas wärmere Klang macht sich nämlich erst bei ein paar Songs und verschiedenen Genres so richtig bemerkbar. Dann hört man auch, dass die 1000X ein bisschen mehr Details herausholen als die WH-1000XM6.
Das generelle Soundprofil ist gediegen, aber nicht spaßbefreit – also kein durchgängig beiges Ensemble. Über die Genres hinweg gibt es angenehmen Sound, mit kräftigen, aber nicht übertrieben wummernden Bässen und detaillierten Höhen, ohne kreischende Spitzen. Man könnte es auch als „erwachsen, aber jung geblieben“ bezeichnen: Man kann im Klang versinken, sich auf Detailsuche in den Lieblingssongs begeben und trotzdem den Kopf im Takt mitwippen lassen, ohne sich von einem Referenzklang akustisch gelangweilt zu fühlen.
Offizielles Sony-Bild: So viel Spaß hat die angestrebte 1000X-Kundschaft, wenn sie ihre Lieblingslieder mit dem Luxuskopfhörer hört.
© Sony
Bedienung & App
Durch die großen, ebenen Flächen an den Muscheln ist die Touch-Steuerung bequem und präzise. Zusätzlich gibt es an der linken Seite 2 Tasten, eine für das Durchschalten der Hörmodi und eine für das Wechseln von ANC zu Passthrough, um die Umgebung zu hören.
Die 1000X bieten in der Sony-App alle Features, die auch die WH-1000XM6 haben: Equalizer, verschiedene Sound-Profile, Einstellungen für das adaptive ANC, etc. Mit dabei sind Hörmodi mit „360 Upmix“. Diese ziehen den Sound auseinander, damit es wirkt, als wäre man mittendrin – also etwa im Konzert stehend oder beim Schauen von einem Film im Kinosaal sitzend. Technisch funktioniert das zwar, aber das Resultat hängt stark vom Inhalt ab. Manche Songs klingen mit 360 Upmix ganz gut, andere unnatürlich verfälscht.
Ein Feature, das ich vermisse, ist die Audioübertragung per USB-C. Das hätte bei diesem Preis ruhig möglich sein können. Immerhin gibt es einen 3,5-mm-Klinkenstecker. Rein analog kann man damit aber nicht hören: Ist der Akku leer, gibt’s keinen Sound über die 3,5-mm-Klinke.
Offizielles Sony-Bild für die 1000X.
© Sony
Akku und Anrufe
Stichwort Akku: Der ist bei den 1000X geschrumpft – obwohl der Preis gestiegen ist. Bei den WH-1000XM6 beträgt die Laufzeit mit ANC 30 Stunden, bei den 1000X sind es nur noch 24 Stunden.
Bei Anrufen, Videotelefonie und Co. machen sich die 1000X gut. Mit einem echten Headset mit Boom-Mikrofon klingt es zwar besser, aber für Alltagssituationen reichen die 1000X. Ob man allerdings während der Motorboot-Fahrt zum Abendessen im Rouge Noir gut vom Gesprächspartner verstanden wird, ist anzuzweifeln.
Offizielles Sony-Bild für die 1000X: So sieht der Büroalltag der typischen Kundschaft aus.
© Sony
Fazit
Würde ich die 1000X statt den WH-1000XM6 kaufen? Wenn ich sie sehe, und damit meine ich die Tragetasche: ja. Wenn ich sie höre: nein.
Das bisschen besserer Klang und gleichzeitig weniger effiziente ANC rechtfertigt den Aufpreis von 280 Euro nicht, ganz egal wie viel beige man im begehbaren Kleiderschrank hat. Ist man designverliebt, z. B. in eine Kopfhörertragetasche mit Henkel und hat das nötige Kleingeld: gönn dir. Schließlich haben andere Leute schon für viel präpotentere Dinge viel mehr Kohle ausgegeben.
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