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11.10.2010

Windows Phone 7 im Test

Windows Mobile 6 war für Business-Phones. Windows Mobile 6.5 war ein Flop. Windows Phone 7 ist ein Neuanfang. Microsoft will mit dem neuen Handy-Betriebssystem wieder im Smartphone-Markt mitmischen. Futurezone.at konnte Windows Phone 7 auf einem Samsung Omnia 7 bereits mehrere Tage testen.

Schon das Startmenü zeigt, dass sich Microsoft von den Mitbewerben Apple und Google abheben will - zumindest optisch. Hier sieht man Schaltflächen, genannt "Live Kacheln". Dabei handelt es sich um Links zu den Programmen. Die Kacheln, die tatsächlich "live" sind, sind das Gegenstück zu den Widgets von Android. Die Kachel für das eMail-Programm zeigt etwa die Zahl der neuen Nachrichten an, die Kachel für die Schnellwahl zum Kontakt der besten Freundin blendet automatisch das neueste Bild ihres Facebook-Profils ein. Welche Links zu Webseiten, Kontakten und Programmen in Kachelform an welcher Position stehen, ist frei konfigurierbar.

Das Kachelmenü schaut optisch schick aus, jedoch sind aufgrund der Größe der Kästchen nur einige gleichzeitig sichtbar. Für den kompletten Überblick an neuen eMails, anstehenden Terminen und Nachrichten muss häufig gescrollt werden - bei Android gibts durch die konfigurierbaren Homescreens deutlich mehr Übersicht.

Gewöhnungsbedürftig sind auch die Animationen. Die Kacheln fliegen zwar hübsch weg, wenn in ein Untermenü gewechselt wird, jedoch dauert es dadurch gut 2 Sekunden, bis man etwa eine erhaltene Nachricht betrachten kann. So wirkt das Navigieren durch Windows Phone 7 langsam, obwohl das Betriebssystem eigentlich flott und flüssig läuft.

Hub-Raum
Große Untermenüs werden bei Windows Phone 7 "Hubs" genannt. Die Hubs werden nicht nur von oben nach unten durchgescrollt, sondern auch von links nach rechts. Im Kontakte-Hub sieht man zuerst etwa alle Kontakte in einer Liste. Streicht man mit den Finger nach links, werden Neuigkeiten, wie etwa Updates von Facebook-Freunden, angezeigt. Ein weiterer horizontaler Fingerstreich zeigt die zuletzt verwendeten Kontakte an. Auch hier gilt wieder: Optisch sieht das toll aus, aber befinden sich viele Inhalte in den Hubs wird es unübersichtlich.

Lästig ist das Fehlen von Menüs in einigen Hubs. Will man Einstellungen für den Bilder-Hub vornehmen, muss man vom Hauptmenü aus nach links streichen, auf Einstellungen drücken, dort zu Anwendungen navigieren und dann "Bilder + Kamera" anwählen. In manchen Programmen wird eine graue Menüleiste eingeblendet, über die Einstellungen und zusätzliche Aktionen getätigt werden können.

Einheitstasten
Vereinheitlicht sind dafür die Tasten: Jedes Windows-Phone-7-Gerät muss auf Anordnung von Microsoft vier Tasten am Gehäuse haben: eine Rück-, Windows-, Such- und Kamera-Taste. Der Windows-Knopf öffnet das Kachel-Startmenü, die Such-Taste ermöglicht es, je nachdem in welchem Hub man sich befindet, nach Kontakten oder im Web suchen. Der Kamera-Knopf dient zum Öffnen der entsprechenden Applikation und als Auslöser. Wobei sich hier ein Manko offenbart: Durch Gedrückthalten der Kamera-Taste wird die Cam aktiviert, auch wenn das Handy gesperrt ist. Laut Microsoft ein Feature, im Alltag ein potenzielles Risiko, plötzlich mehrere, ungewollte Fotos, die das Innere der Hosentasche zeigen, am Smartphone zu haben. Peinlich wird es, wenn auch noch das automatische Hochladen der Bilder zu Facebook aktiviert ist.

Surfen und Tippen
Die virtuelle Tastatur ist gelungen - SMS und Nachrichten können damit sowohl im Hoch- als auch im Querformat schnell getippt werden. Touchscreen-Anfänger tun sich damit sogar leichter als mit iPhones oder Android-Handys.

Für das Surfen im Web wird eine abgewandelte Version des Internet Explorer verwendet. Er beherrscht das Surfen mit mehreren Tabs, aber nicht den Web-Standard "Flash". Dafür wird Multitouch, also das Rein- und Rauszoomen mit Fingergesten, unterstützt. Im Gegensatz zum Browser von Android passt der Internet Explorer die Spaltenbreite nicht automatisch an, wenn hineingezoomt wird. Ärgerlich: "Kopieren und Einfügen" wird in Windows Phone 7 nicht unterstützt. Weder mit Browser-Texten, noch in den Office-Anwendungen. Es bleibt zu hoffen, dass Microsoft diese Funktion nachreichen wird - auch Apple hat zwei Jahre gebraucht, bis dem iPhone "Copy and Paste" beigebracht wurde.

Die Karten-Funktion basiert auf "Bing Maps", Microsofts Konkurrent zu "Google Maps". Rein- und Rauszoomen per Multitouch ist hübsch animiert, allerdings bietet Google Maps deutlich mehr Infos. Auf eine GPS-Navigation wird bei Windows Phone 7 verzichtet.

Verknüpft
Will man Windows Phone 7 als Spaß-Handy optimal nutzen, braucht man zumindest drei Konten: Eine "Windows Live"-Anmeldung, um Apps herunterladen und den Kalender und Kontakte synchronisieren zu können, ein Facebook-Konto und eine "Xbox Live-ID". Letztere ist für den "Xbox Live"-Hub gedacht. Hier werden heruntergeladene Spiele und der Avatar, der derselbe wie auf der Xbox360 ist, angezeigt. Erfolge, die man mit Handy-Games erzielt, werden in die Xbox-Live-Gaming-Score übernommen. Zukünftig soll es über den Xbox Hub auch möglich sein, online gegen andere Spieler anzutreten.

Vorbildlich ist die Integration von Google: Per Schnelleinrichtung kann nicht nur die Google-eMail-Adresse abgerufen, sondern auch der Google-Online-Kalender und die auf Google gespeicherten Kontakte aufs Handy geholt werden (mit Push-Funktion). Das macht den Umstieg von Android- auf Windows-Phone-7-Smartphones besonders einfach. Neben Facebook und Google werden allerdings viele Web-2.0-Services nicht von Haus aus unterstützt, wie Twitter, Flickr und YouTube.

Elegant ist dafür die Integration von Business-Anwendungen geglückt. Word- und Excel-Dokumente können einfach erstellt und bearbeitet werden, genauso wie OneNote-Notizen. Powerpoint-Folien lassen sich abspielen und editieren. Eine Anbindung an einen "Office SharePoint Server 2010" ist ebenso möglich, wie an "Outlook Exchange" und "Outlook Web App".

eMail
Der Ansicht von eMails kommt das Windows-Phone-7-Design zu Gute. Die Schrift ist groß und leserlich, per Fingerwisch können nur ungelesene und wichtige Nachrichten angezeigt werden. Auch das Markieren mehrerer eMails, um sie zu löschen oder zu verschieben, ist bequem und einfacher als bei vielen anderen Smartphones.

Hat man aber mehrere eMail-Adressen und bündelt diese nicht zuhause über Outlook, wird es unübersichtlich. Für jedes eMail-Konto wird ein eigener Programmpunkt angelegt - eine Verwaltung mehrerer Konten in einer Mailbox am Handy wird nicht unterstützt.

Zudem scheint bei ein paar Programmen eine durchgehende Linie zu fehlen. Bei selbst eingerichteten POP3- und Yahoo-eMail-Konten können etwa minimal Nachrichten der letzten sieben Tage heruntergeladen werden, bei Google Mail sind auch drei Tage einstellbar. Ein weiteres Beispiel: Fotos können auf "SkyDrive", der kostenlosen, virtuellen Festplatte von "Windows Live" hochgeladen werden. Mit Office-Dokumenten, die am Smartphone erstellt wurden, geht das nicht, obwohl man auf dem "Windows Live"-Webportal sogar Office-Dokumente direkt im Browser bearbeiten kann.

Musik und Videos
Um Musik und Videos auf ein Windows-Phone-7-Gerät zu bringen, gibt es zwei Wege. Entweder sie werden über den Marketplace (Microsofts Gegenstück zum App Store) gekauft, der zum Zeitpunkt des Tests noch keine solche Inhalte bot, oder über die PC-Software "Zune". Diese funktioniert ähnlich wie iTunes und soll zukünftig nicht nur die aktuelle Musik- und Filmsammlung am Computer bündeln, sondern auch Online-Shop für neue Inhalte sein. Da zum Zeitpunkt des Tests noch keine PC-Treiber für Windows-Phone-7-Geräte verfügbar waren, konnte auch keine Musik auf das Handy gespielt werden. Denn eine "Drag and Drop"-Funktion, wie bei Android, gibt es nicht. Auch als Massenspeichergerät, also quasi als USB-Stick, kann ein Windows-Phone-7-Gerät nicht fungieren. Zumindest Radio hören funktionierte - wie bei Handys üblich nur mit angesteckten Kopfhörern - auch ohne PC-Sync.

Fazit
Optisch gibt Windows Phone 7 einiges her, jedoch fühlt man sich in der Handlungsfreiheit aufgrund fehlender Optionen und Web-2.0-Diensten eingeschränkt. Viele der Probleme sind behebbar und Mängel könnten durch Applikationen ausgemerzt werden. Wer sich Frust ersparen will, sollte deshalb nicht gleich zum Verkaufsstart auf Windows Phone 7 setzen, sondern ein oder zwei Monate abwarten bis mehr Apps und eventuell auch schon Updates für das Betriebssystem erhältlich sind.

( Gregor Gruber)