Science
06/17/2013

Diebold: "Karriere war nur über USA möglich"

Ulrike Diebold, Professorin für Oberflächenphysik an der Technischen Universität Wien, ist erst die vierte Frau in 18 Jahren, die den Wittgenstein-Preis bekommt. Im Interview mit Susanne Mauthner-Weber erklärt die 1961 in Kapfenberg geborene Forscherin, warum ihr Karriereweg in Österreich nicht möglich gewesen wäre.

Als Diebold vor zwanzig Jahren begann, sich mit Metalloxiden auseinanderzusetzen, war das ein eher exotisches Forschungsfeld. Heute interessiert man sich auf der ganzen Welt dafür, denn Metalloxide sind wichtig für die Industrie, so auch Titanoxid, das zur Beschichtung von Implantaten wie Hüftgelenken verwendet wird. Ihre Arbeitsgruppe arbeitet unter anderem auch an einer Beschichtung für Baumwollfasern, die unter Sonnenlicht Verschmutzungen von selbst zersetzen sollen.

Nach ihrem Studium der technischen Physik an der TU Wien, folgte eine Post-doc-Stelle an der Rutgers University in New Jersey, die Tulane University in New Orleans, wo sie zur Professorin aufstieg und schließlich 2009 die Rückkehr an ihre Alma Mater TU Wien. Am Montag wurde bekannt, dass sie die

ist.

Frau Diebold, wo hat Sie die Nachricht vom Wittgenstein-Preis ereilt?
Ulrike Diebold: Ich habe mit meinem jüngeren Sohn zu Hause Uno gespielt. Plötzlich krieg ich diesen Anruf, bin aus allen Wolken gefallen und war ganz glücklich, nervös, aufgeregt.

Wussten Sie, dass Sie nominiert waren?
Ja. Ich wurde vom Vize-Rektor der TU vorgeschlagen, der mich auch um Unterlagen gebeten hat. Nur: Ich hab das dann wieder vergessen.

Wofür wurden Sie im Speziellen ausgezeichnet?
Wir machen Oberflächen-Physik, schauen uns mittels Rastertunnel-Mikroskopie die Oberflächen von Werkstoffen oder Materialien an. Mit diesem Gerät kann man Atome sehen. Besonders interessieren mich Oxide – also Verbindungen von Metallen mit Sauerstoff. Deren Oberflächen haben oft Defekte, fehlende Atome, und diese kleinen Störungen auf atomarer Ebene können große Auswirkungen haben. Mit dem Rastertunnel-Mikroskop können wir die Defekte studieren. Sogar Manipulieren ist möglich. Derzeit untersuchen wir, wie wir Defekte gezielt mit einem starken elektrischen Feld herausziehen können.

Wie weit es von Ihrer Forschung bis zur Anwendung?
Wir machen Grundlagenforschung, die aber mit der Anwendung verbunden ist. Dieses Defekte-Herausziehen wird derzeit für ganz neuartige Speichermedien verwendet, Restore genannt.

Der mit 1,5 Millionen Euro dotierte Wittgenstein-Preis eröffnet Ihnen ungeahnte Möglichkeiten. Haben Sie schon eine Idee, was Sie damit tun möchten?
Natürlich! Es gibt einige ganz neue Geräte , die ich unbedingt haben möchte, ein Rasterkraft-Mikroskop etwa. Damit kann man einzelne Moleküle anschauen. Weiters möchte ich meine Untersuchungen auch in Flüssigkeiten machen. Momentan finden alle Experimente im Vakuum statt. Dadurch bleiben die Oberflächen sehr sauber und sind wohldefiniert. Mein Ziel ist es, dass wir in zehn Jahren die Untersuchungen in einer Atmosphäre machen können, die dem wirklichen Leben näher kommt.

Und dann möchte ich natürlich die besten Arbeitsbedingungen schaffen. Ich habe eine tolle Gruppe – etwas über 20 Leute. Ich möchte nicht, dass die größer wird, denn dann könnte ich nicht mehr mittendrin sein. Mit dem Rückenwind  des Preises kann man Leute anstellen, sehen, wie sie wachsen – das finde ich am allerschönsten.

Leider muss man in Österreich diese Frage noch immer stellen: Frau, Forscherin und Mutter – wie geht das zusammen?
Ich war 20 Jahre in den USA und habe meine Kinder dort bekommen. Ich glaube, dass es in Österreich nicht gegangen wäre. Dort ist es gang und gäbe, dass Frauen arbeiten und Kinder von klein auf in Kinderkrippen gehen.  Es ist sogar so, dass Freundinnen, die zu Hause geblieben sind,  ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie die Kinder nicht frühzeitig in eine professionelle Vorschul-Erziehung geschickt haben. Es gibt einfach die Infrastruktur, und ohne die wäre meine Karriere kaum möglich gewesen.

Ohne meinen Mann wäre alles allerdings auch nicht (er ist Umweltwissenschaftler an der BOKU, Anm.) möglich gewesen. Wir haben Kinder und Hausarbeit immer ganz partnerschaftlich aufgeteilt. Ich sage meinen Studentinnen immer: Das Wichtigste für eine Frau, die  erfolgreich sein will, ist es, einen Mann zu finden, der den Erfolg aushält.

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