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Österreich E-Ink-Technik erobert Supermarkt-Preisschilder.

Foto: Gregor Gruber
Das Grazer Unternehmen Imagotag hat gerade mal 20 Mitarbeiter, aber Produkte, die es zum weltweiten Markführer machen könnten. Deren drahtlose E-Ink-Labels zur elektronischen Preisausschreibung findet man bereits in über 1.000 Billa-Filialen in Österreich, weitere Expansionen stehen an. Die futurezone sprach mit dem Gründer Michael Moosburger.

Elektronische Tinte statt Papier, neue Preise auf Mausklick statt gehetzte Mitarbeiter und frustrierte Kunden, wenn der Preis an der Kassa nicht dem am Regel entspricht: Die österreichische Firma Imagotag bietet dafür eine simple und kostengünstige Lösung für Unternehmen zur Preisbeschilderung an.

Die elektronischen Preisschilder nutzen die E-Ink-Technologie, die etwa auch bei E-Readern zum Einsatz kommt. Diese sind nicht nur strom-, sondern auch platzsparend. So kann ein elektronisches Preisschild, mit einer Display-Diagonale von 1,44 bis 10,1 Zoll, gebaut werden, das kaum größer oder dicker als ein Papierschild in einer entsprechenden Regal-Aufhängung ist.

Sender integriert
Ebenfalls eingebaut sind ein Sender- und Empfangsmodul, sodass die elektronischen Etiketten drahtlos aktualisiert werden können. Sollen die Preise bzw. Display-Inhalte aktualisiert werden, geschieht dies über den Computer des Geschäfts oder der Zentrale. Die Daten werden dann über Access Points, die wie WLAN-Router aussehen, an die E-Labels verteilt.

Auch die Stromversorgung erfolgt ohne Stromkabel. Die E-Ink-Displays haben eine Batterie eingebaut, die bis zu 5 Jahre hält. "Wir arbeiten derzeit an einer Lösung, bei der Photovoltaik-Zellen im Rahmen des E-Labels verbaut sind. Kunstlicht reicht dabei aus, um das E-Label mit Energie zu versorgen", so der Gründer und Co-Geschäftsführer, Michael Moosburger, von Imagotag zur futurezone.

Alle Billa ausgestattet
Obwohl es das Grazer Unternehmen, das derzeit 20 Mitarbeiter hat, erst seit 2010 gibt, hat man bereits einen Großauftrag erfolgreich ausgeführt. Im November 2011 wurden erste Testfilialen der Supermarkt-Kette Billa mit den E-Labels ausgestattet – im August 2012 begann der Rollout für alle Billa-Geschäfte. "Es gab richtige politische Diskussionen über die Vorgehensweise beim Rollout, jede Billa-Filiale wollte möglichst rasch das neue System haben", so Moosburger.

Im November 2012, "genau nach Zeitplan", wie Moosburger hinzufügt, waren alle 1.020 Billa-Filialen in Österreich mit den E-Labels ausgestattet. "Wir haben für Billa ein eigenes Gehäuse, nach deren Wunschvorstellungen entworfen", sagt Moosburger. Billa hat sich für ein etwas kleineres Display mit roter Umrandung entschieden, bei dem die Batterie und der Sender neben, und nicht hinter dem Display, angebracht sind.

In den Billa-Filialen ersetzen die Preischilder mit elektronischer Tinte nicht alle herkömmlichen Etiketten, sondern nur die der "Bestpreis"-Aktionsartikel. Bei den Bestpreis-Artikeln verspricht Billa, die Artikel Österreichweit innerhalb von 24 Stunden anzupassen, wenn dieser beim Mitbewerber günstiger ist. Das heißt, dass täglich neue Preisschilder in allen 1.020 Filialen in Österreich gedruckt und angebracht werden müssten.

Noch Handarbeit nötig
Muss jetzt der Preis eines Produkts bei Billa verändert werden, hängt ein Mitarbeiter das Bestpreis-E-Label über das bestehende Papierettiket am Regal. Jetzt scannt er mit einem Handheld den Strichcode des E-Labels und dem des Produkts, um die beiden "zu verheiraten". Das E-Label bekommt daraufhin vom Server den Preis für das Produkt zugeschickt. Reagiert der Mitbewerber oder ein anderer auf die Preisanpassung von Billa und senkt den Preis des Produkts abermals, kann der aktualisierte Preis sofort von der Zentrale an die E-Labels in ganz Österreich geschickt werden. Ist die Aktion zu Ende, nimmt man das E-Label wieder ab oder bringt es zum nächsten Aktions-Artikel, und "verheiratet" es dort neu.

Der "grüne" Aspekt ist bei der Billa-Lösung nicht ganz ungetrübt. Neben dem E-Label ist noch ein Papierschild eingeschoben, dass den "Statt-Preis" des jeweiligen Artikels ausschildert. Immerhin könnte man dieses wieder verwenden, falls zu einem späteren Zeitpunkt das selbe Produkt wieder in Aktion ist.

Kostenfrage
Würde man alle Preisschilder durch E-Labels ersetzen, müsste das Personal gar keine Preisschilder mehr händisch anbringen – doch das ist eine Kosten-Nutzenfrage. "Bei Produkten, wie Brot und Milch, bei denen sich die Preise nur selten ändern, ist Papier nach wie vor günstiger", sagt Moosburger. Und selbst wenn es einmal so weit ist, dass alle Schilder nur noch elektronisch sind, sieht Moosburger keine Arbeitsplätze gefährdet: "Verkäufer sind in erster Linie angestellt, um zu verkaufen und die Kunden zu beraten, nicht Preisschilder auszudrucken und aufzuhängen. Sie hätten also mehr Zeit für das Wesentliche."

Billa hat für jede Filiale 300 E-Labels und 2 Access Points angeschafft. Ein E-Label kommt auf 15 Euro, ein Access Point auf 350 Euro. Ein Access Point kann bis zu 10.000 E-Labels und eine Fläche von 1000 Quadratmeter abdecken. Die hohe Reichweite ist durch die Nutzung der Frequenz von 2,4 GHz möglich. "Unser größter Mitbewerber nutzt Infrarot zur Datenübertragung. Hierfür braucht man für die selbe Fläche acht Access Points", so Moosburger.

Foto: Gregor Gruber

Installation
Neben Access Points und E-Labels wird noch ein Server benötigt. Die Software wird üblicherweise auf dem bereits vorhandenen Filial-PC installiert und ist als Windows- oder Linux-Version verfügbar. Diese ist dann direkt mit der Datenbank der Unternehmenszentrale verbunden, die die Preisänderungen und Daten per Mausklick an die E-Labels schickt. "Wenn das Unternehmen das wünscht, kann auch die Filiale selbst die Preise an ihre E-Labels schicken, das ist Firmenphilosophie", sagt Moosburger.

Als weiteren Vorteil seines Systems hebt er hervor, dass die Installation sehr einfach ist, da die E-Labels nicht verdrahtet oder umständlich eingestellt werden müssen. "Wir haben die Installation nur in den Testfilialen vorgenommen. Und da haben sie uns nach zwei Tagen der geplanten 3-tätigen Schulung heimgeschickt, weil sie meinten, dass die Installation ohnehin einfach ist und sie das selbst machen können", sagt Moosburger.

Lesbarkeit
Ein Vorteil der E-Ink-Technologie ist, dass die Displays sehr gut lesbar sind. "Auf den ersten Blick erkennen viele die Displays gar nicht. Ich habe oft Anfragen bekommen, wann denn nun der Rollout startet, weil die E-Labels im Billa nicht als Display wahrgenommen werden", sagt Moosburger.

Die Betrachtungswinkel sind sehr hoch, die Schriften scharf. "Wir haben die am besten lesbaren Displays, da die Mitbewerber auf bistabile LCDs setzen", so Moosburger. Probleme mit der Lesbarkeit kann es nur geben, wenn das Unternehmen die Grafiken nicht auf die Größe und Form der Displays anpasst. So werde beim Mediamarkt in der Lugner City noch Feintuning betrieben, die Schriftgröße und Fonts werden nachjustiert.

Physische Strapazen sollen die E-Labels im Supermarkt relativ gut überstehen, da die Displays von Plexiglas geschützt sind. "Wenn man frontal mit dem Einkaufswagen dagegen stößt, könnte es möglicherweise schon beschädigt werden", räumt Moosburger ein. E-Labels sind für Temperaturen von 0 bis 50 Grad Celcius geeignet, eine Lösung für das Tiefkühlregal wird von Imagotag derzeit getestet.

Foto: Gregor Gruber

Mit Farbe, NFC und Temperaturmessung
Die E-Labels haben weitere Vorteile. Da die E-Ink-Technologie aufgrund ihrer Funktionsweise Temperatur-abhängig ist, hat jedes E-Label einen Temperaturmesser eingebaut. "Die Daten werden alle mitübermittelt. Wenn die Filiale das wünscht, kann also Alarm geschlagen werden, wenn es etwa in der Fleisch- oder Obst- und Gemüseabteilung zu warm oder kalt ist", sagt Moosburger.

Die E-Labels könnten Filialprozesse erleichtern, da mehrere Bildschirme speicherbar sind. Bei der Neueinrichtung kann man etwa schon die E-Labels anbringen, die dann den Produktnamen und Strichcodes, sowie die Anzahl der Artikel anzeigen, die hier eingeschlichtet gehören. Vor Ladenöffnung oder nach Ladenende kann man Frischeinformationen für die Mitarbeiter anzeigen lassen, um abgelaufene Artikel rechtzeitig aus dem Regal zu geben. Per Handheld können Mitarbeiter die Displays auch während den Öffnungzeiten kurzfristig umschalten.

Experimente mit Farbe
Auch mit Farben wird experimentiert, um die schwarz-weißen E-Ink-Displays aufzupeppen. Noch dieses Jahr will das Grazer Unternehmen ein E-Label mit der zusätzlichen Farbe Rot vorstellen. Im Frühjahr 2014 soll Grün oder Gelb hinzukommen. Auch an flexiblen Displays ist Moosburger sehr interessiert: "Das wäre praktisch, da bei manchen Regalen die Ränder gewölbt sind. Bis jetzt sind wir aber noch weit von einer Lösung entfernt, die für die Massenproduktion tauglich ist."

Konkreter sind Pläne, die E-Labels mit NFC-Chips auszustatten. "Der Kunde könnte mit dem Smartphone das E-Label berühren, um etwa Inhaltsstoffe oder andere Produktinformationen angezeigt zu bekommen", so Moosburger: "Auch das Erstellen einer Einkaufsliste, um beim Self Check Out einfach nur noch das Handy zum Zahlen hinhalten zu müssen, wäre denkbar." Das setzt natürlich eine weite Verbreitung von NFC-Handys, Zahlungsterminals und die Ehrlichkeit der Kunden voraus.

Michael Moosburger, Gründer von Imagotag - Foto: Gregor Gruber

Made in Austria
Moosburger bezeichnet seine E-Labels stolz als österreichisches Produkt. Die Fertigung der E-Labels wird vollautomatisch von Flextronics in Althofen, Kärnten vorgenommen. "Natürlich kommen einzelne Komponenten aus dem Ausland, die E-Ink-Displays sind etwa aus Taiwan", sagt Moosburger.

Imagotag hat dem Gründer zufolge auch Fertigungsbetriebe in Asien oder Osteuropa in Betracht gezogen, sich aber für die heimische Produktionsstätte entschieden: "Die Qualität muss auch stimmen, es zahlt sich nicht aus in China zu produzieren, wenn man alle drei Wochen hinfliegen und die Qualität prüfen muss", sagt Moosburger. Das Vorbeugen von Industriespionage und von Kopien seines Produkts sei hingegen kein Grund für die bevorzugte Produktion in Österreich: "Unsere Preise sind sehr knapp kalkuliert, im der selben Qualität kann man es kaum günstiger anbieten", sagt Moosburger.

Einsatzmöglichkeiten
Nicht nur Lebensmittel-Konzerne sind an E-Labels interessiert. Die Mediamarkt-Filiale in der Wiener Lugner City testet die E-Labels derzeit, ebenso wie die Grazer Filiale des Computergeschäfts DiTech. "Mit E-Labels ist es einfacher Online- und klassischen Handel zu verschmelzen. Wenn man online den Preis ändert, um einen Mitbewerber auf Geizhals zu unterbieten, kann der Preis im selben Moment auch im Geschäft geändert werden", so Moosburger.

Mehr Aktionen möglich
Wäre eine Filiale eines Lebensmittel-Händlers voll mit E-Labels ausgestattet, könnte man an Aktionstagen, bei denen etwa bestimmte Produktgruppen um 15 Prozent günstiger sind, gleich die korrekten, herabgesetzten Preise anschreiben. Bei Frischwaren bieten sich ebenfalls Vorteile. So testet ein Lebensmittelhändler im Ausland derzeit die E-Labels in der Obst- und Gemüseabteilung. "Ist am Samstag noch zu viel Obst da, werden die Preise herabgesetzt, damit es verkauft und nicht bei Geschäftsschluss weggeschmissen werden muss. Ohne E-Labels müsste man neue Etiketten ausdrucken, anbringen und dann am Montag, wenn neue Ware ist, wieder austauschen", so Moosburger.

Krankenhaus-Einsatz
Derzeit befände sich Imagotag auch mit Krankenhäusern im Gespräch, um etwa die Schilder mit den Zimmerbelegungen durch E-Labels zu ersetzen. Konferenzräume lassen sich ebenfalls damit ausstatten, die Buchungsdaten können direkt aus Outlook übernommen werden. Geschäfte in den USA, England, Deutschland und Tschechien testen die E-Labels von Imagotag derzeit. Auch Industrieunternehmen sind an der Lösung interessiert, etwa zur automatischen Kennzeichnung von Kisten.

Sicherheit
Obwohl die E-Labels beim Billa nur angeklippt sind, ist bisher nur eines abhanden gekommen. Die E-Labels haben dieselbe Diebstahlsicherung wie andere Produkte, es piepst wenn man damit das Geschäft verlassen will. "Einmal hat ein Filialleiter eines unabsichtlich in der Tasche gehabt, es durch das Piepsen aber bemerkt. Ein E-Label ist komplett verschwunden. Es wird vermutet, dass es ein Mitbewerber von Billa war, um zu schauen, was die gerade machen", so Moosburger.

Durch das eigene Protokoll zur drahtlosen Datenübertragung sollen die E-Labels sehr sicher vor Hackerangriffen sein. "Auch wenn man snifft, den Funkverkehr aufzeichnet und das Protokoll hacken sollte, kommt man vom Access Point nicht weiter", so Moosburger. Billa hat die Systeme von einem großen IT-Unternehmen auf ihre Sicherheit testen lassen, bevor sie in Betrieb gingen. Überprüft wurde auch, ob sich die Datenübertragung auf der 2,4 GHz-Frequenz mit anderen Systemen, wie etwa Überwachungskameras, verträgt. Die Access Points sind per LAN-Kabel mit dem Filial-PC verbunden, eine direkte, drahtlose Verbindung zum Filial-PC gibt es nicht.

Die Bedenken dass die E-Labels genutzt werden, um die Preise zu erhöhen, während sich der Kunde vom Regal zur Kassa bewegt, hält er für unbegründet: "Diese Angst ist wohl auf den Tankstellenbetrieb zurückzuführen. Die Anfragen, die wir bekommen, gehen genau in die andere Richtung. Die Unternehmen wollen schneller oder zumindest gleich schnell auf die Preissenkungen ihrer Mitbewerber reagieren."

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(futurezone) Erstellt am 26.06.2013, 06:00

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