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Stefan Niggemeier “Die Säulen des Journalismus sind bedroht”.

Journalist und Medienkritiker Stefan Niggemeier
Journalist und Medienkritiker Stefan Niggemeier - Foto: KURIER/ Jürg Christandl
Die futurezone sprach dem Journalisten und Medienkritiker Stefan Niggemeier über den Medienwandel, Crowdfunding und die Angst vor Google.

Der deutsche Medienjournalist Stefan Niggemeier, der unter anderem Bildblog.de gründete und sich nun am Projekt Krautreporter beteiligt, war vergangene Woche im Rahmen des A1 future.talk zu Gast in Wien. Die futurezone traf Niggemeier zum Interview und sprach mit ihm über den Umbruch in der Medienlandschaft, alternative Finanzierungsmodelle via Crowdfunding und den Umgang mit internationalen IT-Konzernen.

futurezone: Wie würden Sie den Zustand der deutschsprachigen Medienlandschaft aktuell beschreiben?
Stefan Niggemeier:
Schwer im Umbruch. In einer Phase, in der ganz viele klassische Marken und Säulen des Journalismus bedroht sind und kämpfen. Man sieht zwar auch, dass es Innovationen gibt, aber die sind in keiner Weise soweit, die alten Gegebenheiten ersetzen zu können. Im Moment sehe ich also wirkliche eine sehr bedrohliche Lage. Man sieht nur: Da kommt etwas zu einem Ende, weiß aber nicht, ob es dafür irgendetwas neues gibt.

Vor allem in Österreich hat man oft auch den Eindruck, dass viel gejammert, aber verhältnismäßig wenig Neues gewagt wird. Sind die Medienhäuser zu wenig radikal unterwegs?
Das Jammern können wir auch in Deutschland. Aber ich glaube, dass das Jammern erst mal auch berechtigt ist. Man muss sich nur ansehen, was gerade überall passiert, etwa der Stellenabbau bei der FAZ oder die Identitätskrise beim Spiegel.

Sind die Medien zu sehr mit sich selbst beschäftigt?
Ich glaube, das muss so sein. Die Kritik hört man natürlich häufiger und klar, man muss da auch wieder rauskommen. Aber die Beschäftigung der Medien mit sich selbst, ist wohl auch notwendig. Das Ganze ist natürlich auch immer schmutzig, ich weiß nicht ob es so sein müsste - aber es ist klar, dass das immer ein schmerzhafter Prozess ist und da kommt kein Medium dran vorbei.

Wird man Qualitätsjournalismus mittelfristig überhaupt noch finanzieren können?
Ich hoffe. Ich finde die Situation schon bedrohlich. Man sieht, dass an vielen Stellen gekürzt wird und das, was Online entsteht, nicht unbedingt immer die gleiche Qualität hat, eben weil die Finanzierung so viel schwerer ist. Aber zumindest habe ich das Gefühl, dass in Deutschland in diesem Jahr ein Punkt erreicht wurde, wo viele Leute sagen: Was können wir denn machen? Und dass wir aus dem Jammern rauskommen und viele sagen, sie probieren jetzt mal etwas aus. Nicht alles wird funktionieren, aber ich hoffe, dass es am Ende auch Formen gibt, guten Journalismus zu finanzieren. Ich bin nicht ganz so pessimistisch, um zu sagen, wir können uns jetzt davon verabschieden.

Stefan Niggemeier
Foto: KURIER/ Jürg Christandl

Gibt es gewisse Strategien und Versuche, die Sie persönlich als vielversprechend einschätzen?
Zum Beispiel fällt mir das Projekt “Correkt!v” ein, das vor wenigen Monaten gestartet ist, mit Geld das im Grunde aus dem Verlag mit einer Stiftung im Hintergrund kommt. Sie sagen explizit: Wir wollen investigative Recherche machen und die dann auch anderen Medien zur Verfügung stellen. Sie beginnen nicht mit einem Geschäftsmodell, sondern stützen sich eben erst einmal auf eine Stiftung. Aber sie wollen sich natürlich langfristig aufstellen und das jetzt einmal ausprobieren.

Glauben Sie an Paid-Content-Modelle? Kann man die Leserschaft im Netz nach Jahren von kostenlos zugänglichen Nachrichten jetzt noch einmal “umerziehen”?
Ich glaube, der eigentliche Test diesbezüglich wird in Deutschland erst noch gemacht. Die Süddeutsche etwa will vermutlich Ende des Jahres, den gesamten Onlineauftritt zu Paid Content machen und nur noch ein paar Artikel kostenlos anbieten. Auch bei der FAZ gibt es Überlegungen. Ich finde es ein schwieriges Thema. Denn das, was das Netz ausmacht, ist die Möglichkeit, Dinge teilen zu können. Menschen nehmen Nachrichten ja auch dadurch auf, dass es in ihre Facebook- und Twitterstreams gepostet wird. Sobald man an eine Barriere kommt, ist die Schwelle natürlich sehr hoch, sich zu registrieren. Das ist auch technologisch enttäuschend, weil allein der Prozess des Anmeldens immer noch viel zu mühsam ist. Ich bin aber gespannt, wie das wird.

Ich glaube, dass vieles an Zeitungsinhalten, das heute noch frei verfügbar ist, das im nächsten Jahr nicht mehr sein wird. Ich habe eine gewisse Skepsis, finde es aber auch gut, weil dann tatsächliche Inhalte angeboten werden müssen, die zu einer größeren Differenzierung führen. Dann können Leute sagen: Ok, ich zahle jetzt für die Süddeutsche, aber ich weiß auch, warum ich das tue.

Es gibt auch den Ansatz, eher über technologische Neuerungen und Funktionen kostenpflichtige Modelle aufzubauen - also etwa spezielle Kommentarfunktionen, Communtiy-Bereiche oder Werbefreiheit. Was halten Sie davon?
Wenn so etwas gelingt, würde es mich freuen. Denn ich finde es toll, je mehr Inhalte man frei anbieten kann - sodass jeder auf eine riesige Vielfalt zugreifen kann. Aber vielleicht gelingt es ja tatsächlich einmal mit gutem Journalismus, guten Inhalten, die Leute zu überzeugen.

Machen Qualitätsmedien im Netz aufgrund des steigenden Drucks den Fehler, ihre eigenen Standards für den schnellen und billigen Klick immer weiter runterzusetzen? Wie entkommt man diesem Teufelskreis wieder?
Diese Entwicklung kommt eben aus der Fixierung auf Werbeerlöse. Dadurch, dass sich alles nur über Werbung finanziert, Werbung im Netz aber nur sehr wenig bringt. Und so gibt es wirklich diesen Wettlauf um jeden Klick und Geschichten, die eigentlich Boulevard wären, werden dann auch noch mitgenommen. Daher hoffe ich auch, dass es andere Finanzierungsmodelle gibt. Nicht weil ich Werbung ablehne, aber diese Inflation, dass alle immer mehr machen, führt nicht unbedingt dazu, dass die Leser besser informiert sind, noch führt sie dazu, dass die Medien auf einen grünen Zweig kommen.

Welchen Stellenwert haben Zugriffszahlen für Sie persönlich in Ihrer Arbeit?
Klar möchte man, dass die eigenen Artikel möglichst viel gelesen werden. Und natürlich spielt immer die Versuchung hinein, wie gestalte ich den Text jetzt so, dass ihn vielleicht noch ein paar Leute mehr über Google finden. Aber letztlich ist das nicht das Entscheidende. Ich möchte das aufschreiben, was ich wichtig finde, und so, dass ich dazu stehen kann.

Bei den Medienhäusern gibt es sehr viel Wehklagen über internationale IT-Konzerne wie Google, woraus Dinge wie das Leistungsschutzrecht in Deutschland resultieren. Wie sollten die Verlage mit Google und Co aus Ihrer Sicht umgehen?
Das Lustige ist ja, dass die Verlage auch mit Google zusammenarbeiten und sich ihre Werbung vermarkten lassen. Es ist absolut richtig, sich kritisch mit Google auseinanderzusetzen und zu schauen, ob sie ihre Macht missbrauchen. Was aber nichts nützt, ist diese Verteufelung und Google als generelles Feindbild, nur aufgrund seiner Größe. Es ist schon so, dass Google seine Größe erreicht hat, weil sie eine Dienstleistung bieten, die die Leute schätzen und jeder Google-Suche-Nutzer täglich den Eindruck hat: Das ist für mich nützlich. Dagegen ist erstmal nichts zu sagen. Die Absurdität am Leistungsschutzrecht ist eben auch, dass die Verlage ja davon profitieren, dass Google ihnen die Nutzer bringt. Dann zu sagen, gebt mir auch noch Geld dafür, dem fehlt jede innere Logik. Google wird nicht die Frage für die Verlage beantworten, wie sie sich in Zukunft finanzieren sollen.

Stefan Niggemeier
Foto: KURIER/ Jürg Christandl
Sie machen auch beim Medienprojekt Krautreporter mit, das auf Crowdfunding setzt. Was ist der Status-quo bei Krautreporter, wann werden die Leser, die das Projekt unterstützen, etwas zu sehen bekommen?
Wir sind fast fertig. Es wird in den kommenden Wochen eine Betaphase geben, also auch eine kleine Testphase, und spätestens Mitte Oktober wird es dann offen sein für jeden. Es wird jetzt langsam greifbar und ich glaube, wir haben wirklich die Chance, dass da etwas entsteht, das auf Dauer funktioniert. Wenn wir es richtig machen, kann es auch ein Ort sein, wo andere Leute dann sagen: Ich hab da eine Geschichte, und die möchte ich bei euch machen. Es soll auch eine gewisse Ausgeruhtheit mit sich bringen, also schon aktuell, aber wir müssen nicht immer sofort jedem Trend hinterherlaufen.

Denken Sie, dass Crowdfunding-Modelle auch in sehr kleinen Märkten wie Österreich funktionieren können?
Ich glaube ja. Meine Wahrnehmung ist, dass der österreichische Medienmarkt sehr vom Boulevard geprägt ist und dass es womöglich schon Leute gibt, die sagen: Es wäre mir Geld wert, Journalismus zu finanzieren, der nicht auf diese Maximierung setzt, so viele Leute wie möglich zu erreichen, sondern etwas zu machen, das bereichert und klüger macht. Und was eben nur dadurch finanziert werden kann, wenn Menschen sagen, es ist ihnen etwas wert. Das Vorbild für Krautreporter waren die Niederlande und das ist ja auch ein kleiner Markt, dort wurde das auch geschafft.

Sie sind bekannt als Medienkritiker, haben vor Jahren das Medien-Watchblog Bildblog.de mitgegründet. Hatten Sie jemals den Eindruck, dass das stetige Aufzeigen von Fehlern und Fehltritten auch Wirkung zeigt, hat sich etwas in der deutschen Medienlandschaft dadurch verbessert?
Schwer zu sagen. Ich glaube, ein bisschen etwas hat es bewirkt. Ich weiß, dass es zumindest Punkte gab, an denen es etwa die Leute in der Bild-Redaktion dann auch geärgert hat und wo es dann auch Druck vom Chef gab. Ich glaube, was handwerkliche Fehler angeht, haben wir - auch weil wir einfach genervt haben - durchaus etwas angestoßen. Aber ich fürchte, was das große Ganze, die gewollten Gemeinheiten und Verdrehungen betrifft, können wir nur darauf zielen, die Wahrnehmung der Bildzeitung zu verändern, nicht die Zeitung selbst. Wir wollen ein Ort sein für Menschen, die sagen, sie lehnen die Bild ab, aber nicht aus einem Vorurteil, sondern weil man es eben belegen kann. Und letztlich ist es halt leider so, dass die Bild in Deutschland nach wie vor ein Leitmedium ist und die Themen der Politik und die Stoßrichtung von Debatten prägt.

Wenn Sie eine kühne Prognose wagen müssten, wie wird die Medienlandschaft in fünf bis zehn Jahren aussehen? Wer wird überleben und wer nicht?
Vermutlich werden es die Angebote an den beiden “Enden” am leichtesten haben: Also, die die wirklich mit der größten Konsequenz auf Boulevard, Masse und Reichweite setzen. Wer das am am geschicktesten macht, wird sich zeigen. Und ich hoffe, dass es die am anderen Ende geben wird. Etablierte Marken wie etwa die FAZ, die, wenn sie es richtig anstellen, mit großem Wissen und Erfahrung schaffen, Leute zu überzeugen, wie einzigartig es ist, was sie machen. Und letztlich, wer weiß, was aus all jenen Projekten wird, die jetzt etwas versuchen, vielleicht wird einer davon dann schon ein großer Player sein.

(futurezone) Erstellt am 29.09.2014, 06:00

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