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Medizin Etappensieg gegen Gehirntumore.

Pro Jahr treten in Österreich etwa 350-400 neue Glioblastome bei Erwachsenen und etwa 50 neue Erkrankungen bei Kindern auf.
Pro Jahr treten in Österreich etwa 350-400 neue Glioblastome bei Erwachsenen und etwa 50 neue Erkrankungen bei Kindern auf. - Foto: Thinkstock by Getty Images
Einer österreichischen Medizinerin könnte in den USA ein Durchbruch bei der Behandlung von Gehirntumoren gelungen sein. Für ihre Forschungsergebnisse wurde sie ausgezeichnet.

Anna starb in der Vorwoche. Die 15jährige aus Boston hatte ein Glioblastom, einen Gehirntumor, der als unheilbar gilt. Mit aktuellen Therapiemethoden überleben Patienten maximal eineinhalb Jahre. „Ich habe das Mädchen bis zu ihrem Tod betreut“, sagt die Kinderärztin und Onkologin Mariella Gruber-Filbin, „anders als in Österreich kommt der Onkologe in den USA ins Haus und betreut die Patienten daheim.“ Mariella Gruber-Filbin arbeitet und forscht am zur Universität Harvard gehörenden Dana-Farber/Children's Hospital Cancer Institute in Boston. Während Leukämie bei Kindern mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent geheilt werden kann, ist Glioblastom der Krebs, an dem die meisten Kinder sterben.

Und das will die Steirerin, die  2004 an der Medizinischen Universität Graz sub auspiciis praesidentis promovierte und anschließend an der Universität Wien zur Fachärztin der Kinderheilkunde ausgebildet wurde, ändern. Sie hat ihr Leben dem Kampf gegen den Kinderkrebs gestellt. „Es gibt da keine Vorgeschichte in der eigenen Familie, sondern als ich auf der kinderonkologischen Abteilung von Prof. Christian Urban in Graz war, habe ich vom ersten Tag an gewusst, dass ich mich auf dieses Gebiet spezialisieren will.“ Für sie sei die Onkologie einer der innovativsten medizinischen Bereiche. In der Kategorie „Young Scientist“ wurden Mariella Gruber-Filbin am Wochenende mit dem ASCINA-Award ausgezeichnet, das ist ein Preis, der jährlich an die erfolgreichsten österreichischen Wissenschaftler im Ausland vergeben wird.

Mariella Gruber-Filbin
Mariella Gruber-Filbin bei der Verleihung des ASCINA-Awards - Foto: ASCINA

Kleiner Durchbruch

„Es gibt bei Glioblastom keine Überlebenschance, obwohl wir operieren, bestrahlen, Chemotherapien machen.“ Pro Jahr treten in Österreich etwa 350-400 neue Glioblastome bei Erwachsenen und etwa 50 neue Erkrankungen bei Kindern auf. Aber der 35-jährigen Medizinerin dürfte ein kleiner Durchbruch in der Behandlung dieser bösartigen Tumore bei Kindern und Erwachsenen gelungen sein, ihre Forschungsarbeit wurde im Magazin „Nature Medicine“ veröffentlicht. Vor einigen Jahren wurden Glioblastome genetisch analysiert, „und da zeigte sich, dass es genetische Mutationen gibt“, schildert Gruber Filbin. „Wir waren überzeugt, dass man die mit einem Designermedikament (chemisch produziert, damit ein bestimmtes Protein blockiert wird, Anm.) angreifen kann“, so die Medizinerin. „Man attackiert praktisch die Achillesverse in der Tumorzelle.“ Das hat die Mediziner anfangs sehr optimistisch gestimmt, doch das Medikament hat nicht funktioniert. „Aufgrund von Wissen aus der Stammzellenmedizin sind wir draufgekommen, dass sich die Krebszellen, wenn man einen (Ausbruchs)Weg blockiert, praktisch eine Umleitung suchen.“ Sobald man nun aber sowohl den Ausbruchsweg und die Umleitung blockierte, konnte  die Tumorzelle gestoppt werden.

Erste Versuche im Labor – Tumorzellen wurden Mäusegehirnen implantiert  - verliefen erfolgsversprechend. Vor einem Jahr wurde ein Phase-1-Trial (erste offizielle Versuche) bei Erwachsenen gestartet, bei Kindern startet die Phase-1-Trial im Sommer. Bis es ein Medikament gibt, mit dem man Glioblastome heilen kann, könnte es zwar noch viele Jahre bzw. Jahrzehnte dauern, aber ein Medikament, mit dem man das Tumorwachstum verlangsamt, könnte es schon bald geben. Gruber Filbin: „In den 50er Jahren sind alle an Leukämie gestorben. Heute haben wir 95 Prozent Überlebende.  Ich hoffe, dass wir auch bei Glioblastome einmal solche Erfolge feiern.“ 

Andere Voraussetzungen in den USA

Österreich den Rücken gekehrt zu haben, bereut die Steirerin nicht, „weil es in Österreich nicht diese Möglichkeiten gegeben hätte, auf diesem Feld zu forschen“. Auch die Entwicklung des Medikaments wäre gar nicht möglich, weil es nur in den USA den Zugang zu den Substanzen gäbe. Die Rechte auf das Medikament hat sich im Übrigen  bereits Novartis gesichert. „Ich wollte schon immer wissen, wie Forschung auf diesen großen und berühmten Universitäten wir Harvard oder MIT gemacht wird“, sagt Gruber-Filbin. Ihre Mentoren in Wien hätten sie ermutigt, ins Ausland zu gehen, da man nur dann auch eine „gute“ Stelle in Österreich bekäme. Bei einem Kongress in Harvard hat sie sich schließlich US-Medizinern vorgestellt, und habe eine Forschungsstelle erhalten. Aber der ursprüngliche Plan, nach drei Jahren wieder Richtung Österreich aufzubrechen, ist aber nichts geworden. „Ich habe verlängert und verlängert und bin nun sieben Jahre da.“ Die Vereinigten Staaten seien ein ideales Pflaster für Menschen mit Ideen. „Man geht hier durch eine Tür, schlägt etwas vor und bekommt ein „ja, gute Idee, mach es“ als Antwort“, sagt Gruber Filbin. „Egal ob man eine Frau ist, ein Mann, weiß, grün oder schwarz, ob man einen Akzent hat oder nicht. Und das Alter ist auch egal.“

Klinische Ausbildung

Nun steht Gruber-Filbin in der klinischen Ausbildung, weil sie viele Prüfungen nochmals machen musste, da das Medizinstudium zur Kinderärztin nicht anerkannt wurde. Also musste sie die Ausbildung zur Kinderonkologin nochmals machen. „In einem, eineinhalb Jahren bin ich fertig.“  Mein Traum ist zu kombinieren, deshalb bin ich auch in die USA gekommen. Das Konzept, dass man 20 bis 30 Prozent als Arzt arbeitet und den Rest wissenschaftliche tätig ist und forscht, sei in Europa noch nicht sehr verbreitet. In Harvard wird dieses Modell gelebt und gewollt. Hier wird man gefördert, wenn man so etwas machen will. Das sollte man auch in Österreich forcieren.

Tatsache ist, dass sie wieder zurück nach Österreich und hier forschen will. Voraussetzung ist, dass es eine entsprechende Forschungsstelle gibt. Und dass auch ihr Mann, ein Emergency-Room-Mediziner, einen Job bekommt: „Eine solche Funktion gibt es ja in Österreich leider auch noch nicht.“

Definition

Das Glioblastom ist der häufigste bösartige Gehirntumor bei Erwachsenen und Kindern. Das Glioblastom wird aufgrund der sehr schlechten Prognose gemäß der bei Tumoren üblichen WHO-Klassifikation als Grad IV-Tumor eingestuft. Behandelt wird der Tumor operativ (Reduktion der Tumormasse), durch Bestrahlung und Chemotherapie. Ein Glioblastom kann derzeit nicht geheilt werden, Patienten, bei denen ein Glioblastom diagnostiziert wird, leben zwischen wenigen Monaten und maximal eineinhalb Jahren.

(futurezone) Erstellt am 15.10.2014, 06:00

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