Neuauflage von Digg im Test: Kann das Urgestein Reddit schlagen?
Seit 2004 existiert der Name Digg in den Weiten des Internet. Damals gegründet als eine Plattform, die eine soziale Version von Slashdot bieten sollte, lockte Digg innerhalb kürzester Zeit Millionen von Nutzerinnen und Nutzern an. Das Konzept war damals nicht nur neu, sondern auch einfach verständlich. Wenn ein Post gefiel, konnte er positiv bewertet werden („digg“). Gefiel er nicht, wurde er negativ bewertet („bury“).
Bis 2010 wuchs die Plattform stetig, bis ihr ein Redesign mit vielen verschwundenen Funktionen das Genick brach. Nutzerinnen und Nutzer flüchteten zu einer damals noch recht unbekannten Plattform namens Reddit, die durch die Fehler von Digg zu dem wurde, was sie heute ist.
Digg verschwand in der Versenkung. Die Domain wurde verkauft, Patente gingen an LinkedIn. Die anhaltende Kritik an Reddit betreffend Bots, API, App und Hatespeech hat nun aber dazu geführt, dass Digg wiederbelebt wird. Vergangene Woche startete die Plattform ihre offene Beta.
Der Grundstein für den Neustart von Digg wurde im März 2025 gelegt. Digg-Gründer Kevin Rose sowie einer der Mitbegründer von Reddit, Alexis Ohanian, kauften die Plattform zurück. Seitdem wurde mit dem Ziel, eine schlagfertige Alternative zu Reddit aufzubauen, an der Plattform und App gearbeitet.
Aufgerufen werden kann die neue Plattform sowohl über den Browser als auch über die Apps für iOS und Android, die zum Start der offenen Beta bereits verfügbar sind. Starten wir die App, kommt es zu einem kurzen Onboarding. Viel mehr als das Anlegen des Nutzernamens passiert hier nicht. Hinterlegt wird eine Mail-Adresse, die auch direkt verifiziert werden muss. Dann kann es losgehen.
Vertraute Oberfläche
Zu Beginn gleich mal die vermeintliche Enttäuschung. „No posts to show, enjoy the free real estate“ bekomme ich als Meldung zu sehen, der Feed ist also komplett leer. Tatsächlich ist es aber nur unser persönlicher Feed der leer ist, ungeschickterweise aber beim ersten Start von Digg angezeigt wird.
Hier muss das Onboarding also noch verbessert werden. Wechseln wir auf All Digg, sehen wir, was auf der gesamten Plattform gepostet wird. Wie wir es von Reddit kennen, reihen sich die Posts aus verschiedenen Foren, hier Communities genannt, untereinander. Bilder können in Großansicht oder in einer kompakten Form neben Titel und Text dargestellt werden.
Jeden Post können wir gleich positiv oder negativ bewerten. Tippen wir auf einen Post, sehen wir die dazugehörigen Kommentare. Auch hier kann wieder bewertet und darauf geantwortet werden. Kommentare können zusätzlich mit GIFs und Bildern ausgestattet werden.
Selbiges gilt auch für Posts, deren Composer wir über das Plus-Symbol am unteren Bildschirmrand aufrufen können. Titel, Text, Links und Bilder können hier nach Belieben hinzugefügt werden. Über ein eigenes Menü wählen wir noch aus, in welchen Communities unser Post landen soll.
Lebhafte Communities
Was bei Scrollen durch die Feeds direkt auffällt: Es tut sich schon einiges. Viele Communities haben eine große Gefolgschaft, die Digg mit Posts füttern. Die populärsten Kategorien bewegen sich bei um die 60.000 Nutzerinnen und Nutzer. Klassiker wie Arts, News, Food oder Technology sind bereits vertreten und werden fleißig genutzt.
Der Feed selbst lässt sich unter anderem nach Trending, Most Dugg, Newest und Heating Up sortieren. Trotzdem ist es momentan vor allem ein Abtasten. Zwar wird auch schon ordentlich kommentiert, etwas mehr sollte es aber doch noch werden. Für eine solche Frühphase einer offenen Beta ist das Treiben aber schon beachtlich.
© Screenshot
Offene Fragen
Um zu alter Stärke zu finden, muss Digg dafür sorgen, nicht die aktuellen Probleme von Reddit zu bekommen. So stammt viel Frustration unter den Reddit-Nutzerinnen und -Nutzern von der überbordenden Bot-Problematik. Auch die ausufernde Manipulation von Posts, um Meinungen zu lenken, scheint man dort nicht in Griff zu bekommen.
Digg möchte für Reports und Moderation unter anderem Künstliche Intelligenz vom Start weg nutzen. Wie gut das gegen Bots und Toxizität hilft, steht in den Sternen. Ein heißes Thema wird auch der potenzielle Einsatz von Zero-Knowledge-Proof, um in Communities etwa zu beweisen, dass man ein Produkt besitzt, bevor man darüber posten kann. Viele der Ideen sind momentan aber eben nur Ideen, deren Umsetzung noch passieren muss.
Derzeit versucht man vor allem Nutzerfeedback einzuholen. So werden von vielen Nutzerinnen und Nutzern Mod-Funktionen vermisst, auch die Darstellung der Trend-Posts zeigt momentan einfach nur neue Beiträge an. Immerhin fühlen sich die beiden Apps bereits gut an und sind optisch ansprechend. Kleine Bugs und fehlende Anpassungsmöglichkeiten, etwa Wischgesten, zeigen aber auch hier, dass wir noch früh in der Beta sind.
Fazit
Der Start von Digg ist vielversprechend. Für die offene Beta hat man bereits eine solide Basis geschaffen, die zum Nutzen einlädt. Sowohl die Plattform selbst als auch die Apps lassen sich bereits ohne größere Komplikationen nutzen. Ob Reddit einen ernsthaften Konkurrenten bekommt, hängt aber von der weiteren Entwicklung ab.
Funktional werden die nächsten Wochen und Monate wohl die wichtigsten Features bringen. Ob man Bots, Meinungslenkung und Hatespeech mit KI in den Griff bekommt, wird sich erst zeigen. Viel wird auch hier vom Abwanderungswillen bereits gefestigter Communities auf Reddit abhängen. An diesem Faktor beißt sich etwa auch gerade die Fediverse-Alternative Lemmy die Zähne aus.