Digital Life

Wenn Kinder den Mittelfinger zeigen

„Es gibt viele Möglichkeiten, Nachrichten zu übertragen“, erzählt Moormann, Leiter des Digitalgeschäfts bei der Telekom Austria Group, vor rund 250 wissbegierigen Kindern, die seine Vorlesung im Hörsaal 2 des Alten AKH besuchen. Es ist der vierte Tag der Kinderuni, die noch bis Freitag an der Universität Wien läuft.

Einer davon ist das Binärsystem. Der Telekom Austria-Experte bringt den den Kindern bei, wie man im Binärsystem an Händen zählt. Der nach rechts weg gestreckte Daumen bedeutet etwa 1, der gehobene Zeigefinger 2. Bei der 4 wird der Mittelfinger gehoben. Alle Kinder lachen, weil sie genau wissen, was dieses Zeichen in der Alltagspraxis bedeutet. An vielen Schulen ist das Hebens des Mittelfingers sogar verboten. Jetzt lernen sie, dass der gehobene Mittelfinger die Zahl vier im Binärsystem bedeutet.

Peace-Zeichen

Moormann spricht auch über Brieftauben, die immer nach Hause finden. Davon haben die meisten Kinder schön gehört. Auch das Flaggenalphabet ist vielen bereits ein Begriff. Vom Winkeralphabet haben dann von den sieben- bis zwölfjährigen Kindern jedoch doch die wenigsten gehört.

Ein junger Student der Kinderuni probiert das alte Wählscheibentelefon und einen Morseapparat aus.
Dieses diente zur optischen Nachrichtenübermittlung zwischen Schiffen oder an Land. Bei der United States Navy oder den Meeresselbstverteidigungskräften Japans wird es noch immer eingesetzt, doch insgesamt verlor es mit der Entwicklung des Sprechfunks stark an Bedeutung. „Das Peace-Zeichen setzt sich aus einer Kombination zweier Zeichen aus dem Winkeralphabet zusammen, nämlich dem N für nuclear und dem D für disarmanet“, sagt Moormann. „Zu deutsch: atomare Abrüstung“. Das ist manchen Kindern zwar zu viel, aber noch hat Moormann die jungen Studenten fest im Griff.

Optische Telegrafie

Als nächstes erklärt der Telekom Austria-Manager, wie man früher codierte Meldungen mit optischer Telegrafie über weite Strecken übertragen hat. „Man hat Türme in Sichtweite zueinander gebaut, die man mit dem Fernrohr sehen konnte. So konnte man sehen, was der Turm vor einem einstellt. Dann hat man immer die Nachricht eingestellt, die der Turm davor hatte“, erzählt Moormann. „Man konnte damit ganz Frankreich überbrücken. Die erste Fernlinie wurde 1784 von Paris bis Lille (225 km) gebaut“, so der Experte.

„Die Strecke Paris bis Brest war 600 Kilometer lang und man konnte Nachrichten mit 1200 km/h übermitteln. Es gab 80 Stationen und die Übermittlung hat 33 Minuten gedauert. Und das völlig ohne elektrischen Strom“. Nicht alle Kinder waren gleichermaßen von diesen Informationen begeistert.

Morsezeichen decodieren

Doch spätestens bei den Morsezeichen spitzten die meisten wieder aufmerksam ihre Ohren. Von den Morsezeichen hatten nämlich nicht nur die Pfadfinder unter den Kindern schon mal gehört. Moormann erklärt, wie man einen Morseappart für rund 15 Euro und einer Stunde Zeit selbst bauen kann. Auch eine schriftliche Anleitung bekommen die Kinder auf den Weg. Anhand einer Decodiertabelle entschlüsseln die Kinder zudem selbst ein Rätsel in Morsezeichen, das Moormann vorbereitet hat. Mit der Botschaft „A1 Bestes Netz“ wurde hier ein wenig Werbung versteckt. Die meisten Kinder entschlüsselten die Nachricht binnen weniger Minuten.

Dann springt Moormann von den Morsezeichen zum Telefonie-Zeitalter. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“, wird groß an die Tafel projiziert. Einige Kinder maunzen: „äh doch!“, bis Moormann erzählt: „Das war der erste Satz, der je über ein Telefon gesprochen wurde!“ Der Physiker und Lehrer Johann Philipp Reis sagte diesen Satz am 26. Oktober 1861 vor versammelter Mitgliedschaft des „Physikalischen Vereins“. Damit war das Telefon erfunden.

Erfindung des Telefons

Draussen im Garten sprach ein Verwandter von Reis in das Trichtermikrophon, während der Erfinder selbst im Hörsaal die Worte murmelt, die er aus der Empfangsapparatur zu hören glaubt. Der Lehrer hatte 1860 ein Holzohr geschnitzt, einen Darm von einem Schwein reingeklebt und was drauf geklebt, das zu schwingen begann, wenn man drauf spricht. Auch eine Stricknadel, Spule und Seide waren involviert in die Erfindung.

Die jungen Studenten hören aufmerksam zu, als Moormann von den ersten Telefonaten erzählt. „Früher gab es das Fräulein vom Amt, das Telefongespräche durchgestellt hat. Das konnten damals nur Frauen machen, weil man geglaubt hat, dass nur hohe Stimmen dafür geeignet sind. Heute ist das glücklicherweise anders und Frauen und Männer kriegen ähnliche Jobs“, meint Moormann. Das Wählscheibentelefon sowie das erste Handy, das noch sieben Kilogramm wog und noch einen abnehmbaren Hörer hatte, werden von den Kindern begeistert ausprobiert.

Tipps für schlaue Passwörter

Am Schluss bringt der Experte noch Tipps für die sichere Internet- und Handy-Nutzung an die Reihe. So erklärt Moormann etwa, wie man Passwörter generiert, die man sich leicht merken kann. Denn starke Passwörter schützen einen am besten vor unerwünschten Zugriffen von außen. „Wenn man sein Passwort nach seinem Goldfisch Hansi benennt, finden das Mitschüler leicht raus“, so der Experte, der auch auf den "A1 Internet für alle"-Campus verweist. Stattdessen solle man sich bei Passwörtern Brücken bauen: „Ih1kB&2S - Ich habe einen kleinen Bruder und zwei Schwestern. Das ist nicht leicht zu erraten, aber leicht zu merken."

Nach der Vorlesung ist klar: Die jungen Studenten haben viel darüber gelernt, wie in der Vergangenheit Nachrichten ohne Strom und verschlüsselt weiter transportiert wurden und was sie bei der Nutzung des Internets beachten müssen. Den Mittelfinger-Binärsystem-Code werden die jungen Studenten am Abend wohl alle ihren Eltern vorführen, wenn sie gefragt werden: „Was hast du heute gelernt?“

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Vortragende. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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