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Flat-TVs: Die Fernbedienung ist tot

"Leiser!", "ORF 2" oder einfach nur "Hallo": Geht es nach den TV-Herstellern, soll es im Wohnzimmer bald wieder kommunikativer zugehen. Dabei geht es jedoch nicht um Interaktion zwischen Familienmitgliedern, sondern um die Steuerung des Fernsehapparats. Statt mit einer überfrachteten Fernbedienung will die Elektronik der Zukunft mit natürlichen Interaktionsmodi gesteuert werden. Auf der CES in Las Vegas demonstrieren aktuell Samsung, LG, Lenovo und Sony neue FlatTVs, die mit Sprache und Gesten bedient werden können.

Gestik und Sprache als neue Konzepte
Marktführer Samsung etwa baut zwei Mikrofone und eine Kamera in die Geräte ein. Letztere erkennt die Handbewegung des Zusehers und erkennt diesen wiederum anhand seines Gesichts. Handelt es sich beispielsweise um den Sohn des Hauses, wird automatisch die Kindersicherung aktiviert. LG ("Magic Remote") und Sony wiederum setzen bei der Gestensteuerung auf Fernbedienungen mit Sensoren, wie man es von Nintendos Spielkonsole Wii kennt. Zusätzlich werden auch Sprachbefehle unterstützt, wobei bei Sony hierfür ein Android-Handy verpflichtend ist. Zumindest die Gesten-Konzepte funktionieren überraschend gut, wie ein Versuch auf der Messe zeigt. Für Sprachbefehle war es leider zu laut.

Das Internet als TV-Station

Obwohl sich in den USA jeder zweite Talkshow-Master über die neuen Bedienkonzepte amüsiert ("Die beschwerliche Tätigkeit des Knopfdrückens hat ein Ende!"), haben sie doch ihre Berechtigung. Aus dem TV-Gerät ist mittlerweile ein Multimedia-Terminal geworden, der bei den Funktionen dem Smartphone und Notebook nacheifert. Dies deckt sich mit der aktuellen Accenture-Studie "Always On, Always Connected" laut der die Bedeutung des herkömmlichen Fernsehapparates in Sachen Videokonsum zu Gunsten von Computer- und Handyschirms sinkt.

Apps auf der Mattscheibe
Nahezu alle neuen TV-Modelle haben deshalb eine Netzwerk-Schnittstelle, um sie ans Internet anzuschließen sowie ein Menü, das auf Online ausgelegt ist. Die Fernseher kann so um Funktionen erweitert werden. LG bietet etwa 1200 Apps an, Marktführer Samsung offeriert sogar 25.000 Mini-Programme. Sie sollen dafür sorgen, dass Facebook, E-Mail oder andere Services bequem bedienbar werden und sich mit dem Lümmeln auf der Couch vertragen. Durch die Steuerung via Handbewegung und Sprache soll dies nochmals vereinfacht werden.  

Intelligent Werbung schalten
Die Hersteller vermarkten diese Funktionalität als "intelligenten" TV-Apparat, als "SmartTV". Im Prinzip geht es aber nur darum, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Über die Leitung ins Netz hat der Zuseher beispielsweise Zugang zu Online-Videotheken wie Netflix oder YouTube, um das alltägliche TV-Programm zu ergänzen. YouTube wird dieses Jahr diesbezüglich eine Offensive starten und in Zusammenarbeit mit Studios spezialisierte TV-Kanäle anbieten. Die Apps wiederum können verkauft werden oder werbefinanziert kostenlos angeboten werden. Samsung hat für diesen Zweck das Service AdHub gestartet, das Werbung in Fernseh-Apps integriert.

Google als heimlicher Gewinner
Den gleichen Hintergedanken hat auch Google. Auf der CES stellte der Konzern seine deutlich überarbeitete TV-Plattform GoogleTV 2.0 vor. War der Erstversuch vor mehr als einem Jahr noch ein gigantischer Flop, sind im zweiten Anlauf deutlich mehr TV-Hersteller an Bord. LG, Samsung und auch Sony zeigen Geräte mit der Software. Diese ist im Grunde eine grafisch angepasste Version des Betriebssystem Android, das man von Handys und Tablets kennt. Apps, bislang sind 150 verfügbar, sollen klassisches Fernsehen mit Internet-Videos nahtlos verknüpfen und ein so ein neues Fernseh-Erlebnis – mit auf den Zuseher maßgeschneiderter Werbung – schaffen.

Standardisierung längst überfällig

"SmartTV steckt noch in den Kinderschuhen. Wir verbessern konstant den Funktionsumfang, um ein bequemes Erlebnis zu ermöglichen.", sagte Havis Kwon, Chef von LG Home Entertainment auf der Messe. Diese Situation könnte jedoch Google und dessen Lösung in die Hände spielen. So wie bei Smartphones und Tablets bietet die Android-Software eine einheitliche Plattform. Bis dato betreibt jeder TV-Hersteller seine eigene "SmartTV"-Lösung. Zudem drängen Drittanbieter auf den Markt, wie etwa OperaTV oder UbuntuTV. Eine Standardisierung hätte den Vorteil, dass mehr Apps und – viel wichtiger – mehr Video-Inhalte zur Verfügung stehen. Urheberrechte müssten nicht mit Dutzenden Herstellern verhandelt werden. Letzterer Aspekt ist wiederum für die Filmstudios, die nun die Online-Distribution gegenüber traditionellen Videotheken forcieren, attraktiv. Durch simplere Rechteverhandlungen – die EU setzt sich etwa für europaweite Verwertungsrechte ein – könnte auch in Österreich das Angebot an Filmen und Serien wachsen.

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Benjamin Sterbenz

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