© Jakob Steinschaden

Interview
04/27/2011

"Groupon funktioniert in jeder Volkswirtschaft"

Der Wiener Daniel Glasner (34) leitet das internationale Geschäft des populären Schnäppchen-Portals Groupon. Die futurezone besuchte Glasner im aus allen Nähten platzenden Berliner Büro und sprach mit ihm über die neuen Rivalen Google und Facebook, die vielen Groupon-Klone und den Zukunftsmarkt China.

von Jakob Steinschaden

Warum geht die Internetbranche davon aus, dass Online-Schnäppchen das nächste große Ding sind?
Wir sprechen einen bisher riesigen ungedeckten Markt an. Auf der einen Seite sind 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung im Internet, und 90 Prozent der Konsumausgaben werden in einem Umkreis von drei Kilometern des Wohnsitzes ausgegeben. Auf der anderen Seite gibt es unglaublich viele Klein- und Mittelbetriebe, die sehr gut sind, in dem, was sie machen, aber keine Ahnung von Marketing im Internet haben. Wir sind der Brückenkopf zwischen diesen beiden Gruppen.

Kleine Geschäfte kaufen sich bei Groupon also Werbezeit und Werbefläche. Das könnte aber ein kurzlebiger Hype sein.
Nein. Das sind beides Dinge, die es immer schon gab und immer geben wird. Klar wird immer mehr online bestellt, aber der lokale Konsum wird auf absehbare Zeit am wichtigsten bleiben, und es wird immer lokale Anbieter geben. Deswegen glaube ich, dass das Geschäftsmodell unglaublich viel Potenzial hat und erst am Anfang steht.

Ein Angebot pro Tag - das ist das Gegenteil von der Warenvielfalt bei Amazon und eBay. Wird das so bleiben?
Wir werden uns von unserem Kern - also ein Angebot pro Tag - weiterentwickeln. Wir pushen schon länger den Reisebereich und gehen jetzt verstärkt in den Einzelhandel. Wir wollen einmal das Leben unserer Nutzer auf Groupon abbilden und jedem relevante Angebote zeigen. Aber die Nutzer gewöhnen sich an das Modell, und man darf es nicht zu stark variieren. Was in den USA gut funktioniert, sind die “Smart Deals”, bei denen kleine Nutzergruppen spezielle Angebote zugeschickt bekommen.

Seit kurzem gibt es Groupon als iPhone-App in einigen europäischen Ländern. Geht es bei der mobilen Nutzung stärker darum, Leute in ein Geschäft zu locken als ihnen Gutscheine zu verkaufen?

Die App ermöglicht es, die Angebote unterwegs zu kaufen und den Gutschein immer bei sich zu haben. Das Ausdrucken des Coupons ist dann Vergangenheit. Der nächste Schritt ist dann, Angebote unmittelbar basierend auf dem Aufenthaltsort des Nutzers anzuzeigen. Das testen wir gerade und haben uns noch nicht entschieden, ob das wirklich sinnvoll ist.

Der Zukunftsmarkt China ist eine spezielle Herausforderung, der nach eigenen Regeln tickt. Muss man dort umdenken?
Nein. Die Logik und den Grundgedanken des Modells werden wir auch in China nicht ändern. Groupon funktioniert überall. Die Idee ist so simpel, dass sie in jeder Volkswirtschaft anwendbar ist - eben, weil dahinter keine komplexe Systematik steckt und sie keine riesigen Infrastrukturen erfordert. Erfolgreiche Angebote funktionieren dort genauso wie in Brasilien oder Deutschland. Wir sind in 45 Ländern aufgestellt, und was wir jeden Tag in einem Markt lernen, können wir auf die 44 anderen umsetzen. Unser Anspruch ist, in jedem Land Marktführer zu sein.

In den USA etablieren Amazon, Google und Facebook potente Rivalen zu Groupon. Wie wollen Sie diese Marktführerschaft überhaupt behalten?
Wir konzentrieren uns auf unsere Stärken. Wenn wir in jedem Land die spannendsten Deals haben, bin ich davon überzeugt, dass wir überall Marktführer sein können.

Gerade Facebook ist wichtig, denn die Deals sollen sich ja über Freundschaftsempfehlungen verbreiten. Hat man nicht Angst, dass dieser wichtige Partner in Zukunft wegfällt?
Wir nehmen jeden Mitbewerber ernst, egal wie groß er ist und in welchem Land er startet. Aber Angst haben wir vor niemanden. Wir sind ja auch Kunde von Google, die Verzahnung im Internet ist sehr weit gediehen. Wenn sie in Wettbewerb mit ihren Kunden treten, ist weniger unser Problem als das ihre. Die werden eine Entscheidung treffen müssen.

Bei der Verbreitung der Angebote ist die digitale Mundpropaganda über Facebook und Twitter zentral. Ist Social Media schon wichtiger als E-Mail?
E-Mail ist nach wie vor der wichtigste Kanal, aber wir sehen schon, dass unsere Nutzer Facebook und Twitter tendenziell immer stärker nutzen, um sich über die Deals auszutauschen. Diese Komponente ist sehr wichtig für den Social Commerce, vor allem, weil wir Dinge anbieten, die man mit Freunden und Familie macht, etwa Essen gehen.

Was ist mit Twitter? Zumindest in Österreich sind dort vorrangig Journalisten, Blogger und Agenturen aktiv, weniger aber die breite Masse.
Aus meiner Sicht ist Twitter ein Kanal, den viele nur passiv nutzen, während Facebook von allen sowohl aktiv als auch passiv genutzt wird. Bei Groupon ist Facebook definitiv bedeutender als Twitter.

Das Groupon-Modell wird laufend kopiert, weltweit soll es mehr als 500 solcher Klone geben. Warum ist nicht schon eine Welle an Klagen gegen diese losgebrochen?
Allein in China gibt es Hunderte Klone. Aber Klagen sind gar nicht notwendig, weil wir uns darauf konzentrieren die besten Angebote und das beste Service zu haben. Mit diesem Ansatz haben wir uns noch gegen jeden Klon durchgesetzt. So wie in Deutschland werden sich die Märkte in anderen Ländern konsolidieren, weil nicht unbegrenzt Platz für Groupon-Klone ist. Es werden regionale und thematische Nischen bleiben, aber diese vielen Kopien werden nicht auf Dauer Bestand haben.

Sie müssen das wissen, Sie sind ja auch mit einem Klon gestartet: Ihr CityDeal wurde 2010 von Groupon aufgekauft.
Ja, wenn Sie so wollen, war das auch ein Klon, aber ein erfolgreicher.

Groupon teilt sich mit dem chinesischen Konkurrenten 360buy.com den gleichen Investor, die russische Firma Digital Sky Technologies. Wie verträgt sich das?
Da müssen Sie den Investor fragen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Sie sind der Chef der Berliner International-Zentrale von Groupon. Warum sitzen Sie eigentlich nicht in Europas Internet-Hauptstadt London?
Berlin hat fast nur Vorteile. Es hat eine sehr günstige Kostenstruktur, Mieten und Löhne sind hier noch sehr niedrig. In London ist genau das Gegenteil der Fall. Außerdem hat sich hier eine lebendige Start-up-Szene, weswegen es viele Fachkräfte gibt. Das Talent zieht Investoren an, und diese positive Spirale ist nicht aufhaltbar. Diesen Trend sehe ich in anderen Städten nicht.

Sollte ein österreichisches Start-up, das vor der Entscheidung steht, also Berlin der britischen Hauptstadt bevorzugen?
Meine Empfehlung ist ganz klar Berlin, eben wegen der Kostenstruktur, den Ressourcen, und weil Berlin eine sehr lebenswerte Stadt ist. Die Internet-Industrie hat hier sehr große Bedeutung, während es in London sehr viele Branchen gibt.

Nach Österreich kehren Sie also nicht zurück?
Nein, vorerst nicht. So sehr ich die Heimat vermisse, so wenig gibt es derzeit einen Grund, Berlin zu verlassen.

Couponing: Unter www.groupon.at gibt es jeden Tag ein  Angebot, das mindestens 50 Prozent
unter dem Originalpreis liegt - etwa ein Abendessen zu zweit, ein Friseurbesuch oder ein Hotelaufenthalt. Diese Gutscheine sind aber nur gültig, wenn genügend Leute sie kaufen. Via eMail, Facebook und Twitter werden Interessierte aufgefordert, ihre Bekannten auf die Deals aufmerksam zu machen. Im deutschsprachigen Raum hat Groupon fünf Millionen Nutzer. Groupon-Gründer Andrew Mason war bereits

im futurezone-Interview
zu lesen.

Daniel Glasner Der gebürtige Wiener (34) studierte Rechtswissenschaften. 2009 gründete er den Groupon-Klon CityDeal.at, der 2010 vom Original aufgekauft wurde. Seither leitet Glasner alle Groupon-Märkte – derzeit 44 Länder – außerhalb der USA.

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