B2B
08.06.2011

Microsoft-Chefin künftig ohne Büro

Zum 20-Jahre-Jubiläum lässt Microsoft-Österreich-Chefin Petra Jenner die Firmenzentrale am Wienerberg um vier Millionen Euro umbauen und in eine ausgefallene Arbeitswelt verwandeln. Unternehmern und Politikern soll hier die neue Welt des Arbeitens demonstriert und sollen zur Innovation "angestiftet" werden, sagt Jenner im futurezone-Interview.

futurezone: Ist die neue Firmenzentrale so etwas wie ein Geburtstagsgeschenk an Microsoft? Warum braucht MS eine neue Zentrale?
Petra Jenner: Das hat verschiedene Gründe. Als wir vor elf Jahren in das Büro gezogen sind, war es überdimensioniert und für die Bedürfnisse von damals ausgelegt. Inzwischen hat sich aber ein anderes Kommunikationsverhalten zwischen den Mitarbeitern etabliert. Heute haben wir sehr einheitliche Meeting-Räume mit sechs bis zehn Plätzen. Wir haben festgestellt, dass wir für interne Besprechungen nur Platz für zwei bis drei Mitarbeiter bräuchten, aber einen großen Besprechungsraum blockieren. Daher kommt es zu Engpässen.

Das rechtfertigt gleich einen Komplettumbau?
Über viele Jahre hat Microsoft Research in Zusammenarbeit mit Universitäten Studien zum Thema „Neue Welt des Arbeitens“ durchgeführt. Durch den Einsatz neuer Technologien, die wir ja selbst entwickeln, hat sich auch unsere Technologie-Nutzung verändert. Vor einigen Jahren haben wir Lync (Kommunikationsplattform für Audio, Video, Webkonferenzen, Instant Messaging etc., Anm.) noch nicht genutzt. Die Produkte haben sich weiterentwickelt, aber die können wir in den bestehenden Räumlichkeiten nicht nutzen. Wir können heute – dank Lync - über den Laptop kommunizieren. Wenn man am Festnetz anruft, läutet – egal wo man ist – das Notebook. Wenn wir jetzt ein telefonisches Interview haben, habe ich heute zwar ein offenes Büro, aber wenig Rückzugsfläche für längere Telefonkonferenzen, Videokonferenzen etc. Und wir schaffen mehr Möglichkeiten der Interaktion. Jeder weiß immer, wer wann anwesend und für ein Meeting verfügbar ist.

Es gibt in der schönen neuen Arbeitswelt einen offenen Kalender, der für jeden einsehbar ist. Selbst Ihre Termine stehen da drinnen?
Genau.

Wie viele Ihrer Mitarbeiter werden künftig keinen eigenen Schreibtisch mehr haben?
Wir haben unterschieden zwischen Mitarbeitern, die in der Regel acht, neun Stunden lang einen festen Arbeitsplatz brauchen und solchen, die viele Kundenkontakte haben und oft außer Haus sind.

So wie die Chefin. Wie sieht das künftige Chef-Büro aus?
Ich habe kein eigenes Büro mehr. Ich habe heute ein kleines, künftig werde ich nirgendwo mehr einen fixen Schreibtisch haben. Aber da 80 Prozent meiner Interaktion mit der Außenwelt ohnehin über meine Assistentin läuft, werden Sie mich über meine Assistentin erreichen, und die hat einen fest zugeordneten Arbeitsplatz und sie sorgt dafür, dass es in ihrer  unmittelbaren Nähe einen Schreibtisch gibt. Wir wollten es aber nicht ganz so radikal machen. Es gibt daher fünf solcher Arbeitsinseln, die um die Assistentinnen gruppiert werden.

Von den Arbeitsinseln zu den Arbeitswelten. Wie viele neu designte Arbeitswelten – es ist von einem zweistöckigen Garten die Rede - wird es bei MS Österreich geben?
Wir haben im Prinzip mindestens fünf Kernthemen, die auf der asiatischen Lebenskultur, auf Feng-Shui basieren. Wir haben das aber nicht diktiert. Wir haben auf Basis der Ideen der New World of Work Initiative eine Architektenausschreibung gemacht und ein Team von Mitarbeitern aus allen Bereichen zusammen gestellt, die die jeweiligen Interessen vertreten.

Microsofts neue Arbeitswelt

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Microsoft Österreich Zentrale Wienerberg

Microsoft Österreich Zentrale Wienerberg

Microsoft Österreich Zentrale Wienerberg

Microsoft Österreich Zentrale Wienerberg

Was kostet der Umbau?
Vier Millionen Euro. Start ist am 1. Juli, die Wiedereröffnung ist für Anfang Oktober geplant. Wir hätten parallel umbauen können, Etage für Etage oder umziehen. Wir ziehen auf die andere Straßenseite um. Es ist eine Investition in diesen Standort. Wir achten darauf, österreichische Zulieferer und Kooperationspartner zu finden, etwa Möbellieferanten. Es geht so weit, dass wir den Kaffee-Produzenten neu ausschreiben.

Diese Arbeitskultur erinnert ein wenig an Google, dort gibt es – etwa bei Google in Zürich – ebenfalls kleine Meetingräume, im Iglu-Look, umgebaute Seilbahnkabinen etc.
Es ist immer die Frage, wer zuerst war. Wir haben über viele Jahre Studien betrieben, wir müssen es nicht von Google kopieren. Wir haben bei Microsoft in Amsterdam über 100.000 Besucher pro Jahr, die sich dort die „neuen Arbeitswelten“ anschauen, die es schon viele Jahre gibt. Da sieht man Dinge, die vermutlich schon älter sind als jenes, was man von Google her kennt.

Google hat aber seine Arbeitswelt gut vermarktet.
Das tun wir auch, aber wir vermarkten die neue Arbeitswelt anders als Google.

Sie wollen eine dadurch eine neue Mitarbeiterkultur etablieren, heißt es. Soll Microsoft dadurch auch ein wenig cooler werden?
Ich weiß nicht, ob wir uncool waren. Es geht auch nicht darum, einen Coolness-Faktor aufzubauen, sondern es geht um unseren Anspruch, innovativ zu sein. Wir leben das, was wir sagen. Ich habe in den vergangenen Jahren viel über die neue Welt des Arbeitens referiert. Und als ich gefragt wurde, wie diese neue Welt des Arbeitens bei uns aussieht, bin ich ein wenig ins Stottern geraten. Viele Kunden wollen das unbedingt sehen. Ganz wichtig ist, dass wir das auch wissenschaftlich begleiten. Der Arbeitsplatz wird nicht mehr diktiert, wir als Mitarbeiter müssen den Arbeitsplatz als Treffpunkt, als Kommunikationszentrum wahrnehmen.

Es werden künftig Unternehmer aus ganz Österreich zu Microsoft pilgern, um sich die neue Welt des Arbeitens anzusehen?
Das wäre mein Ziel. Ich möchte den Geschäftsführer- und Vorstands-Kollegen gerne zeigen, wie wir das lösen. Wir werden das  Büro öffnen und sehen uns als Ideengeber. So kann man neue Technologien einsetzen. Geschäftspartner können ihre Kunden zu uns einladen.

Ein neuer Geschäftszweig für Microsoft?
Ja genau, einzelne Mitarbeiter aus unserem Haus sind zertifiziert und können als Arbeitsberater engagiert werden. Wir sehen darin sogar eine neue Geschäftschance, wie vernetztes Arbeiten funktionieren kann. Ich sehe es auch als Riesenchance, mit den Kunden in einen Dialog zu gelangen. Heute müssen wir Demoszenarien aufbauen, künftig schaut man einfach bei uns vorbei. Ich gehe davon aus, dass uns einige hundert Kunden besuchen. Und, so hoffe ich, auch politische Vertreter.

Wie innovativ finden Sie eigentlich Österreich?
Ich denke, dass Industrie und Wirtschaft bereit sind zur Innovation, es in Österreich auch viele mittelständische Unternehmen gibt, die global agieren, ohne viel Wirbel darum zu machen. Die politischen Rahmenbedingungen müssten intensiviert werden. Die Unternehmer brauchen, um noch innovativer zu sein, sich stärker vernetzen zu können, mehr Unterstützung von der Politik. Ich hab das selbst erlebt, als wir die SIME-Konferenz, ein innovatives und bedeutendes New-Media-Event, nach Wien geholt haben. Wenn wir nicht Microsoft gewesen wären, wäre das sehr schwierig geworden. Die Wahrnehmung von Österreich als Innovationsstandort ist nicht da.

Was fehlt?
IKT steht nicht genügend im Focus. Es fehlt die Phantasie. Man hat noch nicht verstanden, was IKT bedeutet, für ein Land, für die Wertschöpfungskette. In Skandinavien gibt’s eigene Minister, dort ist IKT im Focus.

Nehmen Sie den heute Verantwortlichen in der Regierung ab, dass sie etwas von IKT verstehen?
Da gibt’s zwei Seiten der Medaille. Die IKT-Branche muss lernen, bessere Beispiele zu liefern. Das ist für mich unter anderem ein Aspekt, warum wir unseren Standort umbauen; ich will demonstrieren, was möglich ist. Die IKT-Branche muss ihre Botschaft besser transportieren. In der Politik ist IKT ein nicht so offensichtliches Thema, weil Tourismus und andere Branchen in der Bevölkerung besser wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass viele IKT-Unternehmen nicht österreichisch sind, und das schreckt die Politiker ab, sie wollen heimische Unternehmen unterstützen und nicht US-Konzerne. Aber mein Appell an die Politik: Es gibt durchaus auch US-Firmen, die in den Standort Österreich investieren. Bei Microsoft befinden sich 65.000 Arbeitsplätze im Wertesystem. 84 Prozent der Gesamtwertschöpfung bleiben im Land.

Wenn Sie nun drei Politiker einladen könnten, wem würden Sie unbedingt die neue Firmen-Dependance zeigen und ihm die Augen öffnen wollen?
Gute Frage. Frau Fekter, Frau Bures und dann der Frau Schmied. Aus unterschiedlichen Aspekten.

Die da wären?
Ministerin Fekter in ihrer neuen Funktion als Finanzministerin. IT hat Einsparpotentiale, man betrachte die Verwaltungsreform. Da gibt’s verschiedene Initiativen. Die Frau Ministerin Bures per definitionem, IT und Innovation liegen in ihrem Verantwortungsbereich. Und Frau Ministerin Schmied deshalb, weil ich glaube, dass wir sehr viel Geld ausgeben für Bildung, aber man könnte durch den Einsatz neuer Lernmethoden und bestimmter Korrekturen hier und dort etwas bewegen und Kosten einsparen ohne dass es politische Wellen auslöst. Ich finde es schade, wie manche Schulen ausgestattet sind. Österreich gibt viel für Bildung aus, aber über 90 Prozent für Personalaufwand. Damit ist kein Spielraum mehr möglich.