B2B
17.08.2018

Studie: 81 Prozent der ICOs sind Betrug

Die Absage einer österreichischen Blockchain-Finanzierung bestätigt, dass die Branche immer noch auf klare Regeln wartet.

Der ICO (Initial Coin Offering) des Grazer Blockchain-Projekts Artis ist abgesagt. Das haben die Initiatoren Anfang August verkündet. ICOs sind eine Crowdfunding-Methode auf Basis von Kryptowährungen, bei denen die Investoren virtuelle Münzen – die Tokens – kaufen und für diese später eine Gegenleistung bekommen, also zum Beispiel die Dienste des Start-ups in einer frühen Phase nutzen können oder finanziell am Unternehmen beteiligt sind.

Im Jahr 2017 hatte es einen regelrechten Boom an ICOs gegeben. Start-ups haben 2017 auf diesem Weg 5,6 Milliarden Dollar eingenommen. Doch die Goldgräberstimmung zog auch schwarze Schafe an – und genau das führen die Artis-Betreiber in einem Blogbeitrag als Grund für ihre Entscheidung an. Der Wert von Coins sei in vielen Fällen durch Spekulation getrieben, auch habe es nun viele Betrugsfälle gegeben – gefolgt von großem Misstrauen in die neue Finanzierungsform, sowie Unsicherheiten auf steuerlicher und rechtlicher Ebene.

Dies sei nicht das richtige Umfeld für Artis, heißt es weiter im Blog: Man habe sich entscheiden müssen, ob man viel Marketing-Power investiert, um potenzielle Investoren von der Seriosität des eigenen Projekts zu überzeugen – oder ob man die Ressourcen lieber in die Weiterentwicklung der Blockchain per se steckt. Die Grazer entschieden sich für letzteres und betonen, dass das Projekt dennoch finanziell ausreichend abgesichert sei, um einen erfolgreichen Launch Anfang 2019 garantieren zu können. Die bestehenden Investoren wollen jedoch namentlich nicht genannt werden. Wer bereits im Pre-Sale des ICO vorab in die Tokens investiert hatte, kann sich das Geld einfach zurück überweisen lassen

Verspätete Crowd

Artis ist nicht das einzige Projekt, bei dem die Initiatoren vorsichtiger geworden sind. Auch von der österreichischen Crowdinvesting-Plattform Conda heißt es, dass der Markt von US-amerikanischen Start-ups beherrscht wird und dass die Marketingkosten enorm sein müssten, um Investoren zu überzeugen.

Conda habe es hier vergleichsweise einfach, weil sich das Geschäftsmodell etabliert hat und das Unternehmen als seriös gilt. Trotzdem hat man auch hier den Pre-Sale des eigenen ICOs verlängert: Eigentlich hätte dieser im Juni stattfinden sollen, nun läuft er noch immer. Auch der eigentliche ICO für die Masse verschiebt sich nach hinten – auf der Website ist nun von Dezember 2018 die Rede. Von Conda heißt es dazu als Begründung, dass man sich anders positionieren und die Kern-Benefits des eigenen Modells besser kommunizieren wolle.

81 Prozent sind Betrug

Nicht sonderlich zum Vertrauen in ICOs beigetragen hat auch eine Studie der Satis Group, ein auf ICOs spezialisiertes Beratungsunternehmen. Satis analysierte die Erfolgsquote jener Projekte im Jahr 2017, deren Marktkapitalisierung über 50 Millionen Dollar lag – und stellte dabei fest, dass es sich bei 81 Prozent um Betrug handelte, also um Projekte, bei denen die Betreiber die Erfüllung der angekündigten Projektziele in Wahrheit niemals beabsichtigt hatten.

Weitere sechs Prozent erfüllten zwar das Finanzierungsziel, scheiterten aber an der praktischen Umsetzung des ICO. Fünf Prozent der untersuchten Fälle schlossen den ICO-Prozess zwar ab, verliefen sich danach aber im Sand. Als wirklich erfolgreich gelten nur 1,9 Prozent der untersuchten Projekte.

Hierzulande hat auch die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) immer wieder vor ICOs gewarnt: 30 bis 40 Prozent der Whistleblower-Anzeigen betreffen Kryptowährungen, hieß es dazu etwa Ende Jänner 2018 von FMA-Vorstand Helmut Ettl.

Verbesserungen geplant

Förderlich wäre es für die Start-ups und ihren Ruf also, wenn Betrug eingedämmt wird und die Finanzierungsform ICO auf solidem rechtlichen Rahmen steht. Allerdings gibt es weder in der EU noch auf nationaler Ebene eine abgeschlossene Regelung für ICOs, heißt es von der FMA. Man habe aber analysiert, wie sich ICOs in Relation zu bestehendem Recht verhalten und die Erkenntnisse online auf dem FMA-eigenen FinTech-Navigator veröffentlicht.

Dass der rechtliche Graubereich aber für Unsicherheit sorgt, bestätigt man auch bei der FMA. Daher wurden vor ein paar Wochen Vorschläge präsentiert, laut denen ICOs ähnlich wie Crowdfunding oder auch wie herkömmliche Börsengänge (IPOs) behandelt werden sollten. Ob diese Vorschläge in Folge auch umgesetzt werden, sei Sache der Gesetzgebung, heißt es von der FMA.