Digital Life
24.06.2015

"Ärzte werden in Zukunft Apps verschreiben"

Mediziner würden heutzutage noch nicht ausreichend die Möglichkeiten nutzen, die ihnen moderne Technik bietet, ist der Biotech-Unternehmer Koen Kas überzeugt. Die futurezone hat nachgefragt.

Dank Handys und Wearables wissen wir heute mehr über unseren Körper und unsere Aktivitäten als jemals zuvor. Was ein Albtraum vieler Datenschützer ist, ist für einige Experten gleichzeitig ein Tor zu einer völlig neuen Welt der Gesundheitsvorsorge. “Wir leben in einem Zeitalter der Selbstvermessung”, erklärt etwa der Biomediziner und Biotech-Unternehmer Koen Kas im Gespräch mit der futurezone. Kas ist Gastprofessor an der Universtiät von Ghent in Belgien und ehemaliger Dozent an der renommierten Harvard-Universität in Boston.

Die Selbstvermessung und das Sammeln von Daten über den eigenen Körper und die eigene Bewegung ermögliche laut Kas völlig neue Wege im Behandeln und vor allem im Vorbeugen von Krankheiten. “Wenn Menschen Zugang zu Wissen haben, ändern sie ihr Verhalten”, so Kas. Demnach solle sich die Rolle der Ärzte dahingehend ändern, dass sie Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben und nicht erst bei Krankheiten einzuschreiten, um jene zu behandeln. Apps, die Menschen etwa zu mehr Bewegung anreizen, sollten aktiver im Gesundheitssystem genutzt werden. “Ärzte werden in Zukunft Apps verschreiben”, so Kas. Bereits heute gebe es zahlreiche Anwendungen, die Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben, oder mit Krankheiten besser umzugehen. Kas nennt dabei etwa Migräne-Tracker, oder Apps, die in Stresssituationen Atemübungen vorgeben.

Andere Initativen

Kas ist nicht der Einzige, der sich mit der Thematik beschäftigt. In den USA hat sich eine Reihe von Ärzten zusammengetan und die Webseite iMedialApps ins Leben gerufen. Dort werden Informationen darüber gesammelt, wie mobile Apps im Gesundheitswesen eingesetzt werden können. Laut eigenen Angaben ist die Plattform bislang ein Erfolg. “Mit iMedicalApps war es uns möglich, Millionen von Menschen in Gesundheitsberufen zu zeigen, wie mobile Technologie im klinischen Alltag genutzt werden kann”, so Iltifat Husain, Gründer und Chefredakteur von iMedicalApps.

In Großbritannien gibt es bereits seit 2012 eine staatliche Initiative, die Ärzte dazu ermutigen soll, ihren Patienten Smartphone-Anwendungen zum Behandeln von Krankheiten zu empfehlen. Eine von experten kuratierte Liste soll dabei etwa Orientierung darüber geben, welche Apps überprüft und empfehlenswert sind.

“Es wäre unethisch diese Daten nicht zu nutzen”

Mit dem Internet der Dinge eröffnen sich laut Kas heutzutage völlig neue Möglichkeiten, die es früher so nicht gab. “Wir reden von Schrittzählern, Herzfrequenzmessern, Blutdruck, Blutsauerstoff, Körpertemperatur oder Schlaf.” All das könne heutzutage bereits mit existierenden Mitteln von jedem zu Hause gemessen und dem eigenen Arzt zur Verfügung gestellt werden. “Es wäre unethisch, diese Daten nicht zu nutzen”, so Kas. Der eigene Hausarzt könne mithilfe dieser Inhalte zu einer Art Gesundheitscoach werden. In der Vergangenheit haben Mediziner laut Kas hier viele Chancen verpasst, um die Daten bereits früher produktiv zu nutzen.

“Ärzte sollten bereits in der Ausbildung mit den Möglichkeiten konfrontiert werden, die ihnen Technik in der Interaktion mit Patienten bietet.” Ärzte heutzutage würden dazu ausgebildet werden, Kranke zu heilen und nicht dazu, gesunde Menschen gesund zu halten. “Man muss digitale Werkzeuge nutzen, um zu verhindern, dass Menschen krank werden.” In Zukunft werde es für Ärzte nicht darum gehen Pillen zu verschreiben, sondern die Patienten vor und nach Einnahme ihres Medikaments zu begleiten.

Als eines der Schlüsselemente sieht Kas Sprachsteuerung und Spracherkennung. “Das ist der erste Schritt, um Digitales natürlich zu machen”, so Kas. Über Gesichts- und Spracherkennung könne es etwa in Zukunft digital möglich sein, Depressionen zu erkennen. “Ich bin davon überzeugt, dass das Menschen gut annehmen werden”, so Kas.

Datenschutz

Die im Rahmen dieser Thematik immer wieder aufkommende Datenschutzdiskussion ist für Kas kein Hemmnis am Vorankommen derartiger Technologien. Auf die Frage, ob Versicherungsunternehmen nicht ebenfalls großes Interesse an den selbst aufgezeichneten Daten hätten, um dann Menschen zu kündigen oder ihre Beiträge zu erhöhen, entgegnet Kas, dass diese Unternehmen noch gar nicht genug über die Kunden wissen würden. “Diese Unternehmen haben ebenfalls ein Interesse daran, Krankheiten früh zu erkennen, weil man so gegensteuern kann und ich als Patient später wenig Kosten verursache”, so Kas.