Digital Life
05.12.2013

Die Bankomatkarte wird zum Öffi-Fahrschein

Kontaktloses Ticketing per "Smart Card" ist in Lissabon schon seit Jahren verbreitet. Ab Jahresende können Öffi-Fahrer auch per Bankomatkarte zahlen.

Mehrere verschnörkelte Torbögen schmücken den Eingang des Bahnhofs Lissabon Rossio. Von dort hat man direkt aus der Innenstadt heraus Metro- und Bahnverbindungen mit den Verkehrsbetrieben Comboios de Portugal (CP). Rolltreppen führen zum Bahnsteig sowie zu den Ticket-Automaten. Die zwischen 2006 und 2008 sanierte Bahnhofshalle wirkt modern. Die Bahnsteige sind jedoch nicht mehr wie in der Vergangenheit frei zugänglich, sondern es befinden sich Schranken davor. Diese kann man unter anderem mit einer sogenannte kontaktlosen „Smart Card“ passieren – und bald auch mit seiner Bankomatkarte.

E-Geldbörse

„Mit Ende des Jahres starten wir in Lissabon das E-Ticketing per Bankomatkarte“, erklärt Pedro de Melo Pereira, Business Manager von Siemens, zuständig für den Bereich Mobility-IT. „Wir starten die Zahlungsmöglichkeit zusammen mit der der größten portugiesischen Bank Caixa. Weitere Banken sollen jedoch folgen, denn Offenheit ist uns sehr wichtig.“ Damit wird die Bankomatkarte zum Ticket und ersetzt die „Smart Card“. Das wird freilich nicht für alle Kunden gleichermaßen interessant werden. „Es gibt ganz unterschiedliche Passagiere, die müssen alle bedient werden“, erklärt eine Vertreterin von CP.

Siemens wurde von CP bereits im Jahr 2007 für die Bahn beauftragt, eine kontaktlose E-Ticketing-Lösung zu entwickeln. Bald folgte auch das Metro-System, das vom regionalen Verkehrsanbieter OTLIS betrieben wird. Seit über drei Jahren gibt es nun bei rund 20 Stationen Schranken, bevor man die U-Bahn oder die CP-Züge betreten kann. „Es war eine große Herausforderung, ein bisher offenes System in ein geschlossenes umzuwandeln“, so Pereira.

Das E-Ticketing-System in Lissabon

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Spezielle Gates

Die Station Rossio hat bis zur Umstellung auf die Schranken ganz anders ausgehen. Doch die Passagiere scheinen sich an das System mittlerweile gewöhnt zu haben. Sie zücken ihre „Smart Card“, mit der sie sowohl die Metro, den Bus sowie die Straßenbahn benutzen dürfen, halten sie kurz an den Terminal, und gehen zu ihrem Bahngleis. Über einen integrierten RFID-Chip kann die Karte mittels Funkwellen identifiziert werden und der Schranken öffnet sich. Man spricht bei diesem Zugangsprinzip vom sogenannten „Check-in und Check-out“.

Siemens lieferte dafür vor allem die Zugangskontrollsysteme und die Hintergrundsoftware, die eine interoperable Vernetzung zwischen den Verkehrsanbietern inklusive Abrechnung ermöglicht – das ist etwas, worüber in Österreich schon seit langem diskutiert wird, von den Wiener Linien als „sehr komplex“ beschrieben wird und vom Forschungsprojekt SMILE als „nicht einfach umsetzbar“.

Interoperables System

Das Besondere in Lissabon ist nämlich: die „Smart Card“ lässt sich intermodal, also für verschiedene Verkehrsmittel, und interoperabel, also für verschiedene Verkehrsunternehmen und Tarifverbünde sowie angeschlossene Dienstleister einsetzen. Lissabons Passagiere können auf diesem Weg alle Verkehrsmittel mit einem E-Ticket nutzen. Ab Jahresende geht das auch mit der kontaktlosen Caixa-Bankomatkarte, die dadurch zur „E-Geldbörse“ wird.

Was zuerst nach Vorteil klingt, muss nicht für alle Passagiere zwingend einer sein: Die Bankomatkarte ist schließlich einer Person zugeordnet, die „Smart Card“ hingegen kann auch anonym als Prepaid-Karte betrieben und regelmäßig aufgeladen werden. Selbst wenn man beim Aussteigen eine der restlichen 40 Stationen benutzt, bei der das System in Lissabon nach wie vor „offen“, also ohne Schranken ist, muss man die „Smart Card“ zum Auschecken hinhalten.

Keine Zahlen über Schwarzfahrer

Das System mit den Schranken, das es z.B. anderen europäischen Großstädten wie London gibt, wurde laut einer Vertreterin von CP aus Sicherheitsgründen eingeführt sowie um genauer feststellen zu können, wie viele Passagiere täglich bestimmte Stationen benutzen. Laut CP-Vertreterin gab es bei der Einführung keine Intention, Schwarzfahrern das Leben schwerer zu machen. „Es gibt keine verlässlichen Daten, die belegen, dass die Zahl der Schwarzfahrer zurückgegangen ist“, so die CP-Vertreterin. Täglich benutzen rund 350.000 Passagiere der insgesamt 2,7 Millionen Einwohner die Öffis von CP.