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Studie
06/04/2011

„Internet entlarvt wahre Sex-Fantasien“

Tschechen stehen auf Oma-Sex und Deutsche interessieren sich für Sodomie. Männer sind in sexuellen Belangen simpel gestrickt, während sich das Lustempfinden der Frauen komplexer gestaltet. Zu diesen Schlüssen kommen zwei US-Forscher, die Millionen Suchanfragen nach pornografischen Begriffen analysierten und ihre Erkenntnisse als Buch veröffentlichten. Die futurezone sprach mit einem der Autoren über Klischees, Forschungsmethoden und Facebook.

von Benjamin Sterbenz

„Das Internet und alles Digitale ist für Wissenschaftler ein Segen. Jeder hinterlässt Spuren, digitale Fossile. Wir graben danach und analysieren, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen“, sagt Sai Gaddam im Gespräch mit der futurezone. Dabei geht es dem 30-jährigen US-Amerikaner jedoch nicht um das Ausspionieren von einzelnen Personen, sondern um das große Ganze. Die Daten sollen objektive, mathematisch belegbare Rückschlüsse auf die Menschheit geben, generelle Trends und Themen aufzeigen. Für diese Methodik haben sich Sai Gaddam und sein Kollege Ogi Ogas ein besonders explosives Forschungsfeld ausgesucht: Die beiden Neuro-Wissenschaftler der Universität Boston haben Milliarden Datensätze zu Sex untersucht und basierend auf ihren Erkenntnissen das Buch „A Billion Wicked Thoughts“ veröffentlicht.

Teils überraschende Erkenntnisse
Große regionale Unterschiede bei sexuellen Interessen gäbe es demnach laut Gaddim nicht. Die Trends seien weltweit konstant. Männer suchen etwa generell nach pornografischem Material mit jüngeren Frauen. Begriffe wie „Brüste“, „Vagina“ oder „Amateure“ rangieren ebenfalls ganz oben. Was jedoch überrascht ist, dass rund um den Globus die Nachfrage nach Inhalten mit Frauen über 40 hoch ist – und zwar bei jungen und älteren Männern. Weitere Erkenntnisse: Gesucht wird oft auch nach Material, dass fremdgehende Frauen zum Thema hat. Weiters wird öfters nach übergewichtigen Frauen gesucht als nach dünnen. „Penis“ und „Transsexuelle“ finden sich ebenfalls unter den häufigsten Suchbegriffen.

Laut den Studienautoren zeigt dies vor allem, dass Männer an weit mehr interessiert sind als an jungen, blonden Cheerleadern. Was früher als Nische abgetan wurde, sei laut Gaddim tatsächlich Mainstream. Die Studie räume mit alten Klischees auf. Zudem hat die Untersuchung gezeigt, dass heterosexuelle Männer nach ähnlichen Begriffen wie homosexuelle Männer suchen und beide Gruppen ähnlich viel Zeit mit Pornografie verbringen.

Regionale Vorlieben und Fetische
Der Forscher räumt ein, dass es durch kulturelle Einflüsse regional immer wieder zu kleinen Unterschieden kommen könne. So interessieren sich Briten, Kenianer und Tschechen verstärkt für sexuelle Darstellungen mit Frauen über 60. „Auffällig ist etwa auch, dass die Suchanfragen nach Sodomie in Deutschland höher als in allen anderen Ländern sind“, sagt Gaddim. Punkto Deutschland hat er übrigens festgestellt, dass auf Porno-Plattformen im YouTube-Stil der Suchbegriff „German“ immer in den Top 10 rangiert.

Die größten Unterschiede im Umgang mit Sex gibt es zwischen den Geschlechtern. Laut den Autoren sind Männer durch visuelle Impulse sehr schnell erregt, körperliche und geistige Erregung gehen Hand in Hand. Frauen hingegen brauchen komplexere Stimuli und bevorzugen Geschichten. Die Forscher argumentieren, dass deshalb etwa erotische Fan-Fiction von weiblichen Hobby-Autoren so populär ist.

Analyse von riesigen Datenmengen
„Wir haben zwei Jahre lang eine Milliarde Suchanfragen von Google, Bing und Yahoo untersucht. Weiters wurden Klicks, Downloads und Einkäufe bei Porno-Portalen, eine Million erotische Bücher, pornografische Videos und Tausende Partner-Portale analysiert“, sagt Gaddam. Die Daten sollten ein möglichst umfangreiches Bild widerspiegeln, um zu einem fundierten Ergebnis zu kommen. „Der typische Studienteilnehmer ist männlich, jung, Single, studentisch und kinderlos. Das entspricht keinem Bevölkerungsdurchschnitt, “ sagt Gaddim. Dieses Problem der Verhaltensforschung will er gemeinsam mit seinem Kollegen Ogas durch Datenanalyse lösen.

„Je mehr und differenzierter Informationen zur Untersuchung vorliegen, desto besser kann man fundamentale Charakteristika herausarbeiten“, sagt Gaddim. In den USA wird die Forschung der beiden Wissenschaftler deshalb bereits als Kinsey-Report des 21. Jahrhunderts gehandelt. Was ihren Ergebnissen zu Gute gehalten wird: Im Gegensatz zu Umfragen und Einzelgesprächen werden ihre Ergebnisse als unverfälscht bewertet. Ein Umstand, den Gaddam unterstreicht. Was Leute in eine Suchmaske tippen, sei exakt das, wonach sie sich sehnen. Es werde nicht gelogen oder geschönt. Und eben diese Daten offenbaren Erkenntnisse, die in der bisherigen Forschung nicht berücksichtigt werden konnten. „Das Internet entlarvt unsere wahren Sex-Fantasien“, sagt Gaddam.

Datenanalyse ist Forschung der Zukunft
Schon jetzt ist sich Gaddim sicher, dass Daten in der Verhaltensforschung jedes theoretische Modell ausstechen bzw. bestehende maßgeblich verbessern werden. „Mehr Daten führen zu präziseren Modellen“, so der Wissenschaftler. Reine Computer-Power habe etwa in der Linguistik zu großen Fortschritten geführt. Die Sprachdaten, die Google analysiert, haben binnen kurzer Zeit zu Spracherkennungs- und Übersetzungsdiensten geführt, die bisherigen Systemen klar überlegen sind. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren weiter verstärken, da immer mehr Lebensbereiche digitalisiert werden.

Einzig der Datenschutz und die Anonymität im Netz stellten speziell für die Verhaltensforschung noch ein Problem dar. „Noch müssen wir etwa auf Geschlecht oder Alter aus dem Kontext heraus schließen“, so der Forscher. Er glaubt jedoch, dass Nutzer diese Daten preisgeben werden, sobald sie den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen verstehen. Der Zugriff auf die riesigen Datenbestände von Google und Facebook wäre für die beiden Forscher jedenfalls ein Traum. „Diese Daten sind eine unschätzbare Ressource. Aktuell arbeiten wir an einem Buch zu Aggression. Facebook wäre hierfür der ideale Studienplatz“, so Gaddim.