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Verkehr

Katars oberleitungslose Straßenbahn kommt aus Wien

Aus ökonomischen oder designtechnischen Gründen erfreuen sich oberleitungslose Straßenbahnen immer größerer Beliebtheit bei Stadtverwaltungen in aller Welt. In mehreren chinesischen Städten wird etwa seit Neuestem eine Straßenbahn eingesetzt, die Kondensatoren als Energiespeicher verwendet. Diese werden an den Stationen in nur 30 Sekunden aufgeladen. Siemens geht mit einer neuen Straßenbahn noch einen Schritt weiter.

Die Mobility-Sparte von Siemens errichtet in Katars Hauptstadt Doha eine Straßenbahnlinie, welche die so genannte Education City, einen großen Bildungscampus, durchziehen soll. Dabei kommen neue Hybrid-Straßenbahnen des Typs Avenio zum Einsatz. Diese verwenden ein Hybrid-Energie-Speichersystem (HES), eine Kombination aus Kondensatoren und Batterien, um eine Strecke von 11,5 Kilometern ohne Oberleitung zurückzulegen.

Hohe und konstante Leistung

Statt einer durchgehenden Stromleitung werden in Doha alle 24 Stationen der Straßenbahnlinie mit Stromschienen ausgestattet, unter denen die Fahrzeuge zum Stehen kommen. Mittels Pantograf wird der Kontakt zwischen Stromschiene und Straßenbahn hergestellt. In wenigen Sekunden werden die Kondensatoren an Bord aufgeladen. Batterien liefern zusätzliche Energie. Sie werden jeweils an den Endstationen der Linie wieder aufgeladen, wo die Standzeit drei Minuten beträgt.

Der hauptsächliche Vorteil des HES sind unterschiedliche Energiespeicher für unterschiedliche Fahrsituationen. Beschleunigt die Straßenbahn etwa aus einer Station, wird viel Energie in kurzer Zeit verbraucht. Dafür eignen sich Kondensatoren besonders. Während der Fahrt mit konstanter Geschwindigkeit kommen die Batterien zum Einsatz. Beim Abbremsen wird Energie rückgewonnen, die vor allem in die Kondensatoren fließt. Die restliche Kondensatorladung holt sich die Straßenbahn beim Halt in den Stationen. Sollte es zu einem außerplanmäßigen Halt auf der Strecke kommen, bleibt die Straßenbahn nicht liegen. Es gibt ja noch die Batterien an Bord.

Superkondensator-Modul der Hybrid-Straßenbahn Avenio von Siemens

Keine Komforteinbußen

Die Hybrid-Straßenbahn hat mehrere weitere Vorteile. Zunächst einmal wird das Landschaftsbild nicht durch eine Oberleitung beeinträchtigt. Im Falle des Auftrags aus Doha war dies eine wichtige Anforderung, erklären die Siemens-Techniker bei einem futurezone-Besuch im Prüf- und Validationcenter Wegberg-Wildenrath in Deutschland. Dort wird die Avenio-Hybrid-Straßenbahn im Fahrbetrieb getestet.

Auf einer 2,5 Kilometer langen Teststrecke wurde Journalisten gezeigt, was man als Passagier vom neuen Antriebssystem in der Praxis merkt: absolut nichts. Die Straßenbahn beschleunigt und fährt wie die gewohnte Wiener "Bim". Beim Halten in der Station kündigt der Fahrer an mitzuteilen wie lange es dauert, bis die Kondensatoren aufgeladen sind. Nach nur fünf Sekunden heißt es über die Bordlautsprecher: "Voll." Die Fahrt geht weiter.

Stromsparen und Skalierbarkeit

Durch HES kann der Straßebahnbetreiber bis zu 25 Prozent Strom gegenüber einem Oberleitungsbetrieb einsparen. Abgesehen von Schienen und den Ladepunkten an den Haltestellen sind keine Veränderungen der Straßeninfrastruktur notwendig. Außerdem sinkt die Beeinträchtigung durch Sand - ein wichtiger Faktor im Wüstenstaat Katar - und die Gefahr von Berührungsspannungen. Sollte die Straßenbahnlinie erweitert werden, ist dies möglich, solange die Stationen nicht mehr als 2,5 Kilometer voneinander entfernt sind.

Laut Angaben von Siemens hat Avenio Katar alle Tests mit Bravour bestanden.

Tests im Klima-Wind-Kanal

Um den harten klimatischen Bedingungen in Doha standzuhalten, wurden an die Hybrid-Straßenbahn besondere Anforderungen gestellt. Bei 40 Grad Außentemperatur müssen etwa maximal 25 Grad Innenraumtemperatur eingehalten werden. Die Avenio-Straßenbahn wurde deshalb im Klima-Wind-Kanal von Rail Tec Arsenal in Wien getestet. Gefertigt werden die insgesamt 19 Straßenbahnen ebenfalls in Wien. Bis Ende 2015 soll die Produktion abgeschlossen sein. Die Straßenbahnlinie in Doha soll 2016 in Betrieb gehen.

Für Siemens handelt es sich bei dem Auftrag um ein Turnkey-Projekt. Das heißt, das Unternehmen liefert Fahrzeuge, die Kommunikations- und Sicherheitstechnik, errichtet ein ganzes Depot samt Werkstatt, stimmt die Anknüpfungspunkte zur örtlichen Straßenverkehrssteuerung ab und übernimmt den Betrieb und die Wartung für die ersten drei Jahre. Erfahrungen mit dem Schienenverkehr hat Katar bisher nicht. Die Hybrid-Straßenbahn ist das erste Eisenbahnprojekt in Katar.

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David Kotrba

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