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Visualisierung
12/29/2011

„Man kann nicht Astronaut und Präsident sein“

Amanda Cox, Grafikredakteurin bei der New York Times, über die Bildsprache des Datenjournalismus und Grafiken von und für Erwachsene.

Auf die Frage, wie viel der New York Times das Thema innovative Grafiken wert sei, sagt Amanda Cox: „Es gibt 25 von uns, das ist schon ein Indiz“. Die Grafikdesignerin und ihre 24 Kollegen, darunter Kartografen und Reporter, entwickeln für die Website und die Printausgabe der New York Times Visualierungen und Infografiken, die zu den innovativsten der Branche zählen. Die Zeiten als simple Säulendiagramme am Textrand ein Zahlenschnipsel veranschaulichten, sind bei der Times weitgehend vorbei. Die neuen Grafiken, die oft interaktiv sind, sollen eine Geschichte erzählen, die der Leser, mithilfe von Anmerkungen, selbst entdeckt.

Zwischen Pomp und Abstraktion
Auf der Visualierungskonferenz VisWeek spricht Cox über die Kniffe hinter den Mitmach-Grafiken. Einiges davon wirkt zunächst wie eine „No na“-Lektion. Etwa, dass bei der interaktiven Infografik über die Geschehnisse am Tahrir-Platz, die sich entlang einer Zeitachse erkunden lassen, die Gebäude bewusst fensterlos sind. Ein gewisser Grad an Abstraktion soll dafür sorgen, dass das Bild nicht überladen wirkt und von der eigentlichen Story ablenkt. „Bei Design geht es um Hierarchie“, erläutert Cox. Tatsächlich verlangt die Entscheidung darüber, was in den Vordergrund soll und was besser im Hintergrund bleibt, Fingerspitzengefühl.

Bei der Tahrir-Infografik sind die Gebäude lediglich dazu da, um dem Betrachter ein Gefühl für die Dimensionen der Umgebung zu vermitteln. Cox nennt sie „Background-Sänger“: „Sie stehen nur an der Seite, sorgen aber dafür, dass alles richtig klingt.“ Am anderen Ende der Skala liegt, was Cox als „Jurassic Park-Mentalität“ bezeichnet: zu sehr damit beschäftigt zu sein, alles in eine Grafik hineinzupferchen, was sich mit Flash herstellen lässt und dabei die eigentliche Story zu übersehen.

One-Hit-Wonder
Doch mitunter sind es genau jene Details, die bei einer Grafik stören, die eine andere erfolgreich machen. Ein Beispiel ist die Visualisierung von Spielfilmabspännen über einen Zeitraum von 70 Jahren hinweg. Die Darstellung lebt von der Originalität, die sich durch die verkleinerte, aber maßstabsgetreue Wiedergabe der Abspänne ergibt. „Würde man einfach ein Säulendiagramm aufstellen, wäre der Reiz verloren“, ist Cox überzeugt. Ob sich daraus eine Regel ableiten lässt, ist fraglich. Vieles, was richtig erfolgreich sei, funktioniere laut Cox oft nur einmal.

Dass weniger nicht immer mehr ist, wird auch deutlich, wenn das Grafikteam der Times zum Stilmittel Video greift. So wurde etwa ein Kurzfilm erstellt, um dem Leser detailgenau zu erklären, warum der Yankees-Baseballspieler, Mariano Rivera, einer der erfolgreichsten Pitcher ist. In knapp drei Minuten wird ausführlich erläutert, warum es für den Schlagmann besonders schwierig ist, Riveras Würfe zu treffen. Eine Heatmap würde seine Technik, so Cox, zwar auch erklären, wäre aber weit weniger anschaulich.

Für den Großteil der Fälle liegt die Umsetzung irgendwo dazwischen: „Zeigen Sie ein Muster und behalten Sie ein paar der Details bei“, rät Cox. Die Idee dahinter sei weder im Journalismus noch in der Datenvisualisierung neu: eine Geschichte zu erzählen, zu der die Leute eine Beziehung herstellen können.

Grafik für Erwachsene
Die Storys hinter den Daten war auch Anlass für eine Grafik über die Vorwahlen von 2008. Anstatt die Ergebnisse auf einer Landkarte anzuordnen, wurden Bauklötze gewählt, die sich nach unterschiedlichen Kriterien anordnen lassen. Der Leser kann beispielsweise herausfinden, dass Männer aller Altersstufen Obama favorisierten, während Frauen, wenngleich nicht so deutlich, Clinton bevorzugten. Nach Alter sortiert werden die Trends deutlicher: Personen unter 30 Jahren waren mit großer Mehrheit für Obama, Leute über 60 für Clinton. Die Stärke der Darstellung liegt darin, Ausreißer deutlich sichtbar zu machen. Für Cox ist dies ein entscheidender Punkt im Datenjournalismus: „Hinter jedem Ausreißer steckt wahrscheinlich eine Story.“

Gegen eine Landkarte entschied sich das Team auch bei einer Auflistung der letzten Kongresswahlergebnisse. Der Beschluss, die geografische Darstellung wegzulassen, hat für Cox mit dem erwachseneren Lesen von Grafiken zu tun: gewisse Grundkenntnisse dürfen auf Seite des Betrachters vorausgesetzt werden. „Es gehört zum Erwachsensein, ein paar Möglichkeiten wegzuwerfen. Man kann nicht Astronaut und Präsident sein.“ Die Vorteile der landkartenlosen Grafik: Machtverschiebungen sind besonders leicht erkennbar und der Betrachter wird mit der Nase auf die Story gestoßen.

Wegweiser zur Story
Trotz aller Erwachsenheit, spielen Anmerkungen weiterhin eine wichtige Rolle. Laut Cox sollen dem Betrachter aber nicht erst Infohäppchen zugeworfen werden, wenn dieser gar nichts mehr versteht. Vielmehr geht es darum die Aufmerksamkeit des Lesers innerhalb der interaktiven Grafik zu leiten, mit dem Versprechen: „schau dir das an, das ist ziemlich cool“, so die Grafikerin. Als Beispiel nennt sie eine Darstellung, die das Seherverhalten von Netflix-Kunden geografisch untersucht. Das Thema ist eingängig, und der Betrachter könnte mit der Grafik alleine gelassen werden. Dennoch sei der journalistische Aspekt nur dann erfüllt, wenn der Leser auf die Story hingewiesen würde - im konkreten Fall anhand von zwei unterschiedlichen Spielfilmen und einer TV-Serie (Liebe auf den zweiten Blick, Obsessed und Mad Men), die die regional verschiedenen Geschmäcker herausstreichen.

Wie die New York Times den Erfolg ihrer Grafiken misst, ist laut Cox nicht genau definiert und bisweilen überhaupt „sehr willkürlich“. Um Pageviews alleine ginge es nicht. Auch sei es nicht entscheidend, den Leser emotional anzusprechen, wie es zum Beispiel bei Audioaufzeichnungen vom 11. September 2001 geschieht. Wichtig ist nach Ansicht der Amerikanerin eine neue Sichtweise: „Über Grafiken lassen sich Storys auf eine andere Weise zu erzählen.“

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