Digital Life
11.02.2011

Musikwirtschaft im Rechtewirrwarr

Die Situation mit Musikrechten ist verfahren. Wer über welche Rechte an welchem Repertoir verfügt, wissen oft nicht einmal Rechtinhaber. Start-ups haben es in einem solchen Umfeld besonders schwer. Am Dienstagabend wurden im Wiener mica Fragen zum Rechtemanagement und Chancen für junge Unternehmen erörtert.

800.000 Euro will die Wiener Kreativwirtschaftsförderstelle departure im Juni für innovative Musikdienste ausloben. Zur Vorbereitung des Fördercalls "Focus Musik" wird im Rahmen der Diskussionreihe "Neue Töne in der Musikwirtschaft" gemeinsam mit der Zeitschrift The Gap das Feld ausgelotet. So auch am Dienstagabend im Wiener mica, wo das Thema Rechtemanagement zur Diskussion stand.

"Die Problematik ist komplex", fasste "Musikwoche"-Chefredakteur Manfred Gilllig-Degrave in seinem Einleitungsstatement zusammen. Die Branche habe mit einem historisch gewachsenem "Ballast an Rechteverflechtungen und Lizenzierungen" zu kämpfen, die zum Teil den Verwertungsgesellschaften selbst nicht mehr klar seien.

"Rechtemarkt fragmentiert"

"Der Rechtemarkt ist fragmentiert", sagte Steffen Wicker vom deutschen Streaming-Anbieter simfy. Für die Klärungen und Abrechnung von Musikrechten müsse der in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbare Dienst mit zahlreichen Verwertungsgesellschaften und Verlagen Verträge abschließen. Auch die Abrechnung der gespielten Titel sei schwierig, da Daten zu Urhebern und Rechteinhabern in vielen Fällen nicht vorhanden seien.

Die EU habe zum Chaos beigetragen, kritisierte Mark Chung, Vorsitzender des deutschen Verbandes unabhängiger Tonträgerunternehmen . Seit einzelne Verwerter ihr Repertoire europaweit lizenzieren könnten, habe sich der Markt weiter fragmentiert.

"Viele wissen nicht, welche Rechte sie besitzen"

Die Rechtesituation an ihren Stücken sei auch vielen Künstlern nicht klar, meinte Hannes Tschürtz, Geschäftsführer des Musikunternehmens Ink Music und der Sync- und Licencing-Agentur Swimming Pool: "Viele wissen nicht, welche Rechte sie besitzen."

In Zeiten des wegbrechenden Tonträgergeschäfts, in der sich die Einnahmen von Musikern aus vielen verschiedenen Quellen - vom Live-Geschäft über Sync-Rechte bis hin zu Einnahmen aus dem Online-Streaming - speisen, sei ein solches Wissen aber unabdingbar: "Um den Überblick zu behalten, muss ich wissen, wem was gehört."

Globale Datenbank

Initiativen für gemeinsame Rechtedatenbanken, wie sie zuletzt auf der Musikmesse Midem in Cannes präsentiert wurden, begrüßten die Diskutanten. Allerdings seien solche Vorstöße nicht neu und auch schon in der Vergangenheit gescheitert, gab Gillig-Degrave zu bedenken. "Wir haben heute die Mittel um Musikdaten zu analysieren, wenn das mit Rechten gekoppelt ist, wird es aber schwierig."

Simfy bekomme von den Urhebern häufig nur unvollständige Daten, sagte Wicker. "Es gibt niemanden, der sich dafür verantwortlich fühlt." Für abgespielte Titel, die nicht abgerechnet werden können, würden pauschale Rückstellungen gebildet, so der simfy-Manager.

Die Verwertungsgesellschaften seien mit der Datenflut überfordert, meinte Tschürtz. VUT-Vorsitzender Chung machte sich für eine Modernisierung der Verwertungsgesellschaften stark: "Wenn wir von Musik leben wollen, müssen wir alte Strukturen aufbrechen." Ein gemeinsames Format und Schnittstellen seien Voraussetzung für eine funktionierende Abrechnung. Um die Eingabe der Daten müssten sich aber die Rechteinhaber selbst kümmern, sagte Chung.

Streaming-Dienste Hoffnungsträger

Das größte Problem sei aber, dass nur 20 Prozent der Musiknutzung im Netz vergütet werde, so der VUT-Vorsitzende. Deshalb sei man auch über Streaming-Dienste wie Spotify und simfy froh: "Sie operieren in einem Umfeld, indem es über 80 Prozent unvergütete Nutzung gibt."

Noch seien die Einnahmen der Musiker aus solchen Diensten gering, meinte Tschürtz. Lada Gaga habe etwa auf Spotify im vergangenen Jahr gerade einmal 800 Euro lukriert, die österreichische Band Francis International Airport könne sich von den Streaming-Einnahmen "nicht einmal ein Bier kaufen". Streaming werde aber in Zukunft eine tragende Rolle spielen, so Tschürtz. Deshalb sei es besonders wichtig, vernünftige Abrechnungsmodelle zu finden.

Dienstleister gesucht

Auch für Start-ups ergeben sich in dem Bereich noch viele Möglichkeiten, meinte simfy-Manager Wicke. Zwar sei der Streaming-Markt durch bestehende Angebote bereits gut besetzt, Bedarf bestehe jedoch an Unternehmen, die Dienstleistungen im Bereich des Rechtemanagements anbieten. "Wir brauchen Dienstleister, die die Arbeit übernehmen an fünf Rechteinhaber und 17 Labels zu berichten", meinte auch Chung.

Aber auch abseits davon, gibt es für junge Unternehmen Möglichkeiten. "Wir müssen Augen und Ohren offenhalten", sagte der Musikmanager Tschürtz. An Tools, die dabei helfen, Musik möglichst einfach möglichst vielen Leuten verfügbar zu machen, bestehe genügend Bedarf: "Das mit dem Geld wird schon irgendwie."

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