© Foto: Alexandra Riegler

POLITRECHERCHE
12/12/2010

PolitiFact geht Politikerlügen auf den Grund

Die US-Site PolitiFact stellt Politiker an den Pranger, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Damit verdiente sich das Journalistenteam 2009 den Pulitzer-Preis. Die öffentliche Diskussion wollen sie nicht verändern. Aber echten Web-Journalismus machen.

"Ich wollte etwas auf die Beine stellen, das wirklich neu ist." Bill Adair zeigt rechts neben seinen Schreibtisch, wo der Plakatkarton steht, den er seinen Chefs bei der St. Petersburg Times, einer Tageszeitung aus Florida, vorlegte. "Das war mein quasi eindimensionales Design, wie die Website strukturiert sein sollte", erzählt er. PolitiFact, so der Name der Site, sollte das Web nutzen, und zwar richtig.


"Ich glaube, es gibt zu viel Journalismus im Web, der bloß eine in Pixel umgewandelte Zeitungs"story" ist", sagt Adair. Die Zeitungen würden es sich damit vergeben, die Macht des Web zu erschließen. PolitiFact sollte musste also anders sein: die Seite sollte eine neue Art von Journalismus liefern und gleichzeitig ein "very webby thing" sein.

Halbwahrheiten und Lügen bloßgestellt

Im US-Präsidentschaftswahlkampf von 2008 beginnt das PolitiFact-Team die Aussagen der beiden Lager unter die Lupe zu nehmen. Nach der Amtsübernahme Barack Obamas im Jänner 2009 wird der Radius unter anderem auf Kongressabgeordnete und Lobbyisten erweitert. Wenn US-Politiker heute etwa behaupten, dass ExxonMobil 19 Mrd. Dollar Gewinn macht, aber keinen Cent Steuern dafür zahlt, geht das Team von PolitiFact der Sache auf den Grund.

Der sogenannte "Truth-O-Meter" neben den Analysen zeigt dem Leser auf einen Blick den Wahrheitsgehalt an: vom simplen "wahr", über "großteils wahr" bis hin zur Lüge ("pants on fire"). Jeder dieser Artikel ist mit einem Politiker verlinkt, bei dem sich im Laufe der Zeit eine Art Akte seiner Genauigkeit ansammelt. Zudem sind die Themen verlinkt: Wurde beim Thema Steuern gelogen, dass sich die Balken biegen? Ein Klick genügt.

2009 erster Pulitzer-Preis für Online-Medium

Im Jahr 2009 gibt es für das Fact Checking während des Präsidentschaftswahlkampfes den Pulitzer-Preis, zum ersten Mal für eines reines Web-Medium. Das gibt PolitiFact Bedeutung und verleiht zusätzliche Glaubwürdigkeit.

50.000 Besucher schauen auf der Website an einem typischen Tag vorbei, 100.000 an einem guten. Der Rekord liegt bei 350.000. Zahlen, die durchaus noch verbesserungswürdig sind, wie Adair findet. Erstellt wurde die Site mit dem Web Framework Django und im eigenen Team, gehostet wird ebenfalls selbst. Kein einziger Consulter, das ist Adair wichtig, mischte bei der Entstehung mit.

Fact Checking

Die Bedeutung von Fact Checking erschließt sich Adair Mitte der 80er-Jahre. Er schreibt gerade seine Bachelorarbeit an der Arizona State University. Das Thema ist die Wahlkampftaktik der örtlichen Krankenhauslobby, die zuvor ein Gesetz verhindert hatte, das dem Bundesstaat die Verwaltung des Gesundheitssystems an die Hand gegeben hätte. Das Erfolgsgeheimnis der Spin-Doktoren: ein bunter Strauß an Unwahrheiten. Das Fazit von Adairs Abschlussarbeit: Journalisten müssen Wahlkampfslogans genauer auf den Zahn fühlen.

Knapp zwanzig Jahre später, 2004, sitzt Journalist Adair bei der republikanischen Jahresversammlung, mitten im Wahlkampf zwischen George W. Bush und dem Demokraten John Kerry. Dort schwingt Zell Miller, ein demokratischer Südstaaten-Senator, der Bush unterstützt, eine Rede über Kerry, die nach Adairs Ansicht vor Übertreibungen und Unwahrheiten nur so strotzt. Das Ganze beunruhigt ihn zwar, er unternimmt aber nichts, und ist damit scheinbar in bester Gesellschaft: auch die meisten anderen Zeitungen kümmert der Vorfall nicht.

Versprochen ist versprochen

Sechs Jahre später ist alles anders. Im Rahmen des sogenannten "Obameter" wird auf PolitiFact jedes einzelne Wahlkampfversprechen des Präsidenten unter die Lupe genommen. Das Team bewertet Fortschritt und etwaige Richtungsänderungen. Es entsteht eine Datenbank, die nicht zuletzt auch Auskunft über den politischen Erfolg Obamas gibt: 24 Versprechen wurden bisher gebrochen, 123 umgesetzt, 232 in Arbeit.

Derzeit läuft auch ein Wettbewerb, bei dem Leser und Redaktion über die größte Lüge des letzten Jahres abstimmen. "Mein Ziel ist, dass sich jeder Politiker in den USA dem Truth-O-Meter stellen muss", sagt Adair. Daher gibt es PolitiFact nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch in acht Bundesstaaten. Weitere sollen heuer noch folgen. Auch Anfragen für die Zusammenarbeit mit Zeitungen in anderen Ländern gibt es, allerdings noch keine Zusagen.

Aufgebaut wird das Netzwerk über lokale Zeitungen, deren Redakteure regionalpolitische Aussagen nach Standards, die Adair vorgibt, bewerten. Ab Jänner 2011 wird das Konzept des Obameter auf Bundesstaatenebene umgelegt, um den neu gewählten Gouverneuren bei Erfüllung ihrer Wahlversprechen auf den Zahn zu fühlen. Wem PolitiFact recht gibt, der verschickt schon einmal Presseaussendungen oder verwendet den Hinweis in einem Fernsehwerbespot. Werden Unwahrheiten aufgedeckt, ist die Reaktion zumeist Ignoranz. "Sie lieben uns, außer sie hassen uns gerade", sagt Adair.

Dreifach geprüft

Hinter PolitiFact steckt, wie Adair sagt, richtig guter Journalismus. Zuerst kontaktieren die Redakteure die Person, deren Aussage gecheckt wird, oder deren Mitarbeiter und erfragen die Quellen. Darauf folgt die Suche nach Studien und möglichst politisch neutralen Meinungen. Letzteres ist in der polarisierten Tagespolitik eine Herausforderung. "Wir wissen inzwischen aber recht genau, wem wir zu welchen Themen trauen können", meint Adair. Im Rahmen der anschließenden Bearbeitung nehmen sich zwecks Genauigkeit zwei weitere Redakteure die Bewertung des Texts vor. Gemeinsam wird dann auch über die Truth-O-Meter-Note entschieden.

Riesige Mannschaften seien dazu nicht notwendig. Im Büro in der Innenstadt Washingtons arbeiten drei Reporter und zwei Redakteure. Auf Bundesstaatenebene besteht das Team typischerweise aus drei Leuten. "Mit drei Leuten lässt sich einiges auf die Beine stellen und großartige Arbeit machen", ist Adair überzeugt.
Produziert werden pro Tag zwei bis drei nationale Truth-O-Meter-Texte, die Bundesstaaten liefern je einen.

Dass viele Amerikaner nur jene Medien konsultieren, die ihren eigenen politischen Überzeugungen entsprechen, verhärtet die Lager im Land. "Wir hoffen, dass wir der Kontrapunkt dazu sind", sagt Adair. PolitiFact soll der Demokratie dienen. Ob sich dadurch Meinungen ändern oder die Leute trotz penibler Truth-O-Meter-Analysen weiterhin die Unwahrheit verbreiten, sei aber nicht wesentlich: "Mein Ziel ist es nicht die öffentliche Meinung zu ändern, sondern den Leuten Informationen an die Hand zu geben, damit sie bessere Entscheidungen über ihre Volksvertreter treffen."

(Alexandra Riegler aus Washington)

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