© Jakob Steinschaden

Digital Life
05/04/2012

re:publica: Netz-Zukunft zwischen Gut und Böse

Auf der Berliner Konferenz re:publica kann man leicht ins Träumen geraten: Ideen, wie Hightech und Social Media unser aller Leben verbessern können, gab es dort zuhauf zu sehen und zu hören. Jedoch: Wissenschaftler, Blogger und Aktivisten holten die Netzschwärmer schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

"Wir müssen bald handeln, sonst ist es zu spät." Wenn ein honoriger Professor wie Eben Moglen, Rechtsexperte an der Columbia Law School in New York, so etwas sagt, dann ist klar: Dem Internet brennt der Hut. Im Rahmen der Berliner Konferenz re:publica (unter dem Motto "ACT!ON") warnte Moglen eindringlich davor, dass wir uns mit Firmen wie Facebook, Amazon, Google und Apple freiwillig in eine Zeit der totalen Überwachung, der Bücherverbrennungen und der Inquisition zurückbegeben würden. "Früher musste man Menschen foltern, damit sie ihre Freunde verraten", sagte Moglen, heute würde Facebook-Chef Mark Zuckerberg den Job der Stasi erledigen.

Gutgemeinte Utopien
Mit dieser Warnung leitete Moglen eine Veranstaltung ein, die eigentlich für jene gedacht ist, die an das Gute im Netz glauben - etwa die New Yorkerin Britta Riley. Mit Hilfe einer Online-Community entwickelte sie ein intelligentes Bewässerungssystem für Mini-Plantagen auf der Fensterbank (www.windowfarms.org).

Oder die Britin Cindy Gallop, die nichts weniger als eine neue sexuelle Revolution dank der aufklärerischen Kraft des Internet im Sinn hat (ab dem Sommer auf MakeLoveNotPorn.tv). Oder jene, die von einer Zukunft träumen, in der wir unabhängig von Großkonzernen per 3-D-Drucker alles zu Hause fabrizieren können, was wir so zum Leben brauchen (und die Baupläne dazu gratis aus dem Web laden).


re:publica

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Nach der Revolution, vor der Revolution
Dass das mit der Internet-Revolution dann doch nicht so einfach ist, erfährt man von jenen, die sie bereits an der Realität abgetestet haben. “Sicher, Social Media hat uns geholfen”, sagt etwa der ägyptische Blogger Tarek Amr über die “Facebook-Revolutionen” Nordafrikas. “Doch um eine echte Demokratie zu schaffen, braucht es viel mehr.” Heute hätte sich in Ägypten bei vielen Enttäuschung eingestellt, weil es nicht so schnell weitergehe wie anfangs gedacht. Und ein Blick nach Syrien zeigt: Dort nutzen die Regimegegner zwar Plattformen wie YouTube, um zu Demonstrationen aufzurufen und Gewalttaten der Armee zu dokumentieren. Doch auch der Staat schaut mit - wer seine Anonymität nicht schützt, bekommt schnell Besuch von den Schergen Assads.

Auch Isaac Mao, Blogger-Urgestein aus China, riet zum Realismus. Trotz Anonymous-Attacken auf staatliche Webseiten und einem Social-Media-Boom in der größten Onliner-Nation der Welt würde die Revolution nicht von heute auf morgen kommen. Es werde Jahre brauchen, bis sich demokratische Prozesse einstellen würden.

Ethische Grenzen für Anonymous
Klar ist aber eines: Die Arabischen Revolutionen haben im Westen mächtig Eindruck gemacht - vor allem bei der Occupy-Bewegung, die auch 2012 gegen ökonomische Ungleichheiten und Großbanken auf die Straße will. Große Sympathien gibt es auf der re:publica auch für die Hacktivisten von Anonymous, die auch in Österreich regelmäßig Webseiten lahmlegen. "Eine DDoS-Attacke ist die elektronische Version des Sitzstreiks", sagte der bekannte US-Netzaktivist Jacob Applebaum, und sie würden meist die Richtigen - etwa das US-Sicherheitsunternehmen HB Gary - treffen. Dem hielt Frank Rieger vom Hacker-Verein Chaos Computer Club dagegen. Server lahmzulegen, würde der Hacker-Ethik widersprechen. “So etwas machen Regierungen”, so Rieger, was aber keine adäquate Methode für Aktivisten sei.

Auch der deutsche Vorzeige-Blogger Sascha Lobo übte Kritik an der Wahl der Technik - allerdings in ganz anderer Hinsicht. Online-Netzwerke wie Google+, Facebook oder Twitter würden vortäuschen, Öffentlichkeit zu sein - tatsächlich würde aber alles auf den Servern von Privatfirmen stattfinden, die so Diskussionen kontrollieren könnten. Er rief deswegen in einer viel beachteten Rede für 2012 die “Renaissance des Blogs” aus. „Nur ein Blog gehört dir. Das Social-Media-Zeugs ist nur geborgt.“

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Die re:publica hat sich im sechsten Jahr ihres Bestehens zu einer der wichtigsten Konferenzen zum Thema Internet in Europa gemausert. Etwa 4000 Besucher bekamen in drei Tagen 270 Redner aus mehr als 30 Ländern zu sehen und hören. Auch aus Österreich waren Vortragende angereist: Die Forscherinnen Jana Herwig und Susanne Zöhrer erörterten, wie Technologie zur Selbstdisziplinierung beiträgt und sich Twitter-Nutzer selbst zensieren. Thomas Lohninger und Michael Bauer vom “Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung” erzählten, wie sie mit Hilfe des Internet mehr als 100.000 Unterschriften gegen das umstrittene Gesetz sammelten.