Digital-Life 17.02.2012

Telekom: E-Mail-Informanten droht Enttarnung

Jener Unbekannte, der 200.000 E-Mails aus der Telekom-Zentrale per Datenträger weitergegeben hat, könnte bald ausgeforscht werden - und zwar dann, wenn Datenforensiker zum Einsatz kommen. Der Experte Uwe Sailer erklärte der futurezone, was Datenträger alles über Quellen verraten können.

Computer haben ein Langzeit-Gedächtnis. Das beweist einmal mehr die Telekom-Affäre. Mitten in der „heißen Phase“ des Untersuchungsausschusses sind 200.000 E-Mails aus der Telekom Austria aufgetaucht, die bisher weder der Staatsanwaltschaft noch dem parlamentarischen U-Ausschuss bekannt waren. Dem NEWS-Journalisten Kurt Kuch wurden die E-Mails auf einem Datenträger zugespielt, wie er gegenüber der futurezone bestätigte.

„Ich habe eine gigantisch große Datei mit PST-Maildaten bekommen“, erzählt Kuch der futurezone. Die Abkürzung .PST steht dabei für den „persönlichen Speicher“. Eine PST-Datei ist damit sozusagen der virtuelle Aktenschrank in der Outlook-Bürosoftware, der benötigt wird, um im Mailprogramm korrekt arbeiten zu können. Dieser Aktenschrank kann auch ohne weiteres 200.000 E-Mails der vergangenen zehn Jahre beinhalten.

Neuer Rechner für 200.000 E-Mails
Um die E-Mails durchzusehen, hat Kuch sich von der EDV-Abteilung einen "nagelneuen Rechner, der nicht mit dem Internet verbunden ist" aufsetzen lassen. "Ich habe die Dateien im Anschluss in das Mailprogramm Outlook eingespielt, indiziert und mittels Volltextsuche durchforstet."

Doch wie konnten diese E-Mails aus der Telekom verschwinden? Wie bei jedem größeren Unternehmen sei es sicherlich auch in der Telekom Austria üblich, den E-Mail-Verkehr der Mitarbeiter regelmäßig zu sichern. Derartige Sicherungsbänder werden normalerweise in einem Tresor verwahrt. Da es sich bei den überlieferten eMails um Nachrichten aus der Management-Ebne handelt, glaubt Sailer nicht, dass die Daten aus den Sicherungsbändern des Unternehmens stammen.

E-Mails "in Voraussicht gesichert"
"Die E-Mails wurden vermutlich in Voraussicht von einem Mitarbeiter aus dem Management gesichert, damit sich dieser im Falle einer Untersuchung entsprechend verteidigen kann“, sagt Uwe Sailer, Linzer Experte für Datenforensik. „Wenn mir ein Auftrag vom Chef nicht koscher vorkommt, was mache ich dann als Mitarbeiter? Ich erledige den Auftrag, aber sichere mich ab, damit ich mich im Notfall verteidigen kann.“ Die an NEWS übermittelten E-Mails seien aus Sailers Sicht mit großer Wahrscheinlichkeit zur „Eigensicherung“ gespeichert worden.

Laut dem Telekom Austria-Chef Hannes Ametsreiter haben die 200.000 überlieferten E-Mails eine Größe von etwa drei bis vier Gigabyte. Ohne Anhänge wie Fotos oder zusätzliche Dokumente hält Sailer diese Zahl für realistisch. „Es handelt sich dabei um rein numerische Zahlen, die brauchen nicht viel Speicherplatz“. Das bedeutet, dass eine Übertragung dieser E-Mails in Form einer .PST-Datei auf einen externen Datenträger binnen weniger Minuten erfolgen kann.

"User hinterlässt massive Spuren"
Dieser Datenträger – sei es ein USB-Stick, eine DVD oder eine Festplatte – könnte mehr über den Überträger, der Kuchs Informant war, verraten, als dem lieb ist. „Ein normaler User hinterlässt massive Spuren“, sagt der Datenforensiker Sailer. Man könne über den Datenträger erkennen, wann welche Daten erstellt und übertragen worden sind. Es sei zudem nachweisbar, an welchem Gerät der Datenträger während der Übertragung angeschlossen war.

„Über eine sogenannte Security ID lässt sich die Quelle feststellen, ohne dass der Nutzer davon etwas mitbekommt“, so Sailer. Bei externen Festplatten seien zwar mehr Informationen vorhanden als bei einem USB-Stick, doch damit lassen sich laut Sailer „interessante Informationen herauslesen“, die zur Quelle führen können. Die Telekom Austria will laut Ametsreiter nun eine „technische Untersuchung“ durchführen. Die Chancen stehen gut, dass der Informant dabei ausgeforscht werden kann.

Weitere pikante Informationen
Kuch hat sich mit der Staatsanwaltschaft darauf verständigt, dass diese alle für die Ermittlung relevanten E-Mails bekommt. Am Sonntag will der Journalist in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ weitere pikante Informationen aus den E-Mails präsentieren. Bis dahin sind die eMails hoffentlich sicher. Kuch: „Sie sind auf meinem Notebook im abgesperrten Büro gespeichert.“

( futurezone ) Erstellt am 17.02.2012