Digital Life
04.07.2015

Unterricht neu denken: Die besten Ideen für Lern-Apps

Lern-Videos für den umgedrehten Unterricht ("Flipped Classroom") und ein Cybermobbing-Spiel zählen zu den mLearning-Wettbewerbssiegern. Die futurezone sprach mit den Gewinnern.

„Mein vierjähriges Enkelkind bedient einen Tablet-PC automatisch, ich musste das erst lernen“, erzählt Bundesministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) bei der Prämierung der besten Lern-Apps des Landes im Bildungsministerium. Der Technologie-Konzern Samsung hat in den vergangenen Monaten gemeinsam mit der futurezone nach Ideen für digitale Lerninhalte für Tablets und Smartphones gesucht – und diese auch gefunden.

Viele Lehrer wissen mittlerweile über die großen Vorteile, die digitales Lernen mit sich bringen kann, Bescheid, doch die Suche nach pädagogisch wertvollen digitalen Inhalten ist oft zeitaufwendig und nervenaufreibend. „Für uns ist mobiles Lernen ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Schule der Zukunft“, beschreibt Stuart Kang, Präsident bei Samsung Electronics Österreich, die Idee zum mLearning-Wettbewerb.

Aus mehr als 30 Einreichungen wurden nun die besten Ideen für Lern-Apps und digitale Spiele von einer Experten-Jury, der viele hochrangige Pädagogen und Forscher des Landes angehören, ausgewählt. Das Siegerprojekt stammt von Stefan Schmid, Lehrer an der Handelsakademie Geringergasse im 11. Wiener Gemeindebezirk, der von dem Wettbewerb über die futurezone erfahren hat.

1. Platz: Flipped Classroom

Schmid setzt in seiner Klasse das Konzept des „umgedrehten Unterrichts“ ein. Dabei wird das klassische Lernsetting auf den Kopf gestellt. Die zu erlernenden Inhalte werden dabei nicht während der Unterrichtsstunde vermittelt, sondern die Schüler eignen sich den Lernstoff zu Hause mittels Lernvideos an. Dadurch bleibt im Unterricht Zeit für Übungen. „Ich sehe mich selbst als Coach, der seine Schüler beim Erlernen von Kompetenzen begleitet“, erklärt Schmid im Gespräch mit der futurezone.

Der große Vorteil dieser Methode: Kinder, die aufgrund von Sprachbarrieren nicht alles beim ersten Mal verstehen, können sich den Lernstoff in ihrem eigenen Tempo aneignen. „Jeder Schüler lernt anders und ich habe in meiner Klasse eine Fülle an Personen mit Migrationshintergrund“, erzählt Schmid. Doch gerade für weniger technikversierte Lehrer sei es teilweise schwierig, diese Unterrichtsmethode anzuwenden. „Man braucht dafür mehrere Programme“, so der engagierte Lehrer.

App für Lern-Videos

Schmid hat jedoch genau dafür eine Lösung. Er hat die Idee für eine App, mit der Lehrer ihre Lern-Videos aufnehmen und direkt an die Schüler weiterschicken können. Die Lehrer sollen ihre Videos auch direkt in der App bearbeiten können. Sie sollen Aufnahmen kürzen, Teile rausschneiden, mit Texten oder Sprechblasen versehen oder auch Bilder einfügen können. „Die Lehrperson kann sich außerdem ansehen, welcher Schüler das Video wie oft gesehen hat und welche Fragen wie beantwortet wurden“, erklärt Schmid. „Damit können Lehrer spezielle Schüler gezielt mit komplexeren Aufgaben fordern oder auf Schüler, die besondere Unterstützung brauchen, reagieren.“

Die Jury bewertete das Konzept als „zukunftsweisend für den Unterricht von Morgen“. Die Schüler von Schmid dürfen ab dem kommenden Schuljahr im Herbst ihren Unterricht mit Samsung-Tablets und einem 65 Zoll großen eBoard, also einer elektronischen Tafel, bestreiten. Auch die App von Schmid soll produziert werden.

2. Platz: Mobbing-Spiel

Ein weiteres Projekt, das ausgezeichnet wurde, ist „Stop The Mob“, ein digitales Spiel für Tablets und Smartphones. Bei dem Spiel erlebt man als Spieler eine Schulwoche, in der man mehreren Situationen begegnet, in denen ein Individuum in der Klasse Opfer von Mobbing ist. Man kann auf diese Situationen in Folge entsprechend reagieren und je nach Spiel-Entscheidung etwas über Mobbing in Österreich lernen. „Kinder sind damit in ihrer Lebensrealität konfrontiert. Wir wollen, dass sie spielerisch lernen, damit umzugehen“, sagt Katharina Pölzl, die das Spiel an der Universität Wien mit den drei Kollegen Markus Resch, Katharina Luftensteiner und Katrin Waldhart entwickelt hat. Dieses Spiel wird nun für das Betriebssystem Android produziert.

3. Platz: Wortschatzkiste

Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Projekt „Wortschatzkiste“ von der Lehrerin Maria Hochsteger, die an der Oskar Spiel Schule Volksschulkinder unterrichtet. Sie ist eine der 13 Smart School-Klassen, die bereits mit Tablets des Technologie-Konzerns ausgestattet wurden. Vor einem Jahr besuchte die futurezone die Lehrerin, um mitzuerleben, wie der Unterricht mit den digitalen Geräten funktioniert. „Meine Tablet-Klasse hat sich wunderbar entwickelt. Die Kinder haben gelernt, selbstständig zu recherchieren und das Tablet als Lerninstrument zu nutzen“, so Hochsteger.

Bei ihrem Projekt geht es darum, dass Kinder Lernwörter in Deutsch und ihrer Muttersprache über eine App erlernen können und so ihren Grundwortschatz erweitern. Die App sollte statt Karteikärtchen eingesetzt werden. „Wir haben mit den Gewinnerprojekten kreative, innovative Ideen prämiert, die mobiles Lernen – unabhängig vom Schulunterricht – ermöglichen und gleichzeitig die Kinder fit machen im verantwortungsvollen Umgang mit Technologie“, gibt sich der Samsung-Präsident überzeugt.

Kein Kind soll die Schule ohne digitale Kompetenzen verlassen

Frau Bundesministerin, Sie haben in Ihrer Rede angekündigt, dass ab dem Schuljahr 2016/2017 digitale Versionen von allen Schulbüchern kommen sollen. Was ist genau geplant?
Ab dem Schuljahr 2016/17 sollen im Rahmen der Schulbuchaktion bereits approbierte Schulbücher zusätzlich zur gedruckten Version auch digital angeboten werden. Es ist als Ergänzung der klassischen gedruckten Unterrichtsmittel gedacht. Für die Schulen entstehen keine Mehrkosten - sie können das E-Book zusätzlich zu den Druckversionen kostenlos bestellen.

Sind digitale E-Books aus Sicht des Bildungsministeriums nicht zu wenig, also müsste die Digitalisierung nicht weiter reichen (z.B. Lern-Apps)?
Digitale Bildung ist ein wichtiger Schwerpunkt des Bundesministeriums. Daher ist es besonders wichtig, dass kein Kind die Schule ohne digitale Kompetenzen verlässt. Zurzeit gibt es viele wichtige Projekte, die von der Weiterbildung der digitalen Kompetenzen von Lehrerinnen und Lehrern bis hin zum Einsatz von Laptops oder Tablets im Unterricht reichen. Vier von fünf Schülerinnen und Schülern in Österreich steht beispielsweise bereits jetzt eine digitale Lernplattform zur Verfügung.

Das Sieger-Projekt des mLearning-Wettbewerbs ist ein "Flipped Classroom"-Projekt, bei dem Lehrer als Coaches fungieren. Ist das künftig die neue Rolle der Lehrer – also der Weg, wie Lehrer künftig arbeiten werden?
Pädagoginnen und Pädagogen sitzen an den Schaltstellen der zukünftigen Entwicklung unseres Landes und tragen eine enorme Verantwortung. Lehrerinnen und Lehrer sollen Schülerinnen und Schüler fordernd und fördernd zur Seite stehen. Ein Verhältnis, das den Teamgeist und eine gemeinsame Herangehensweise an Herausforderungen unterstreicht, ist dabei zu begrüßen.

Ihr Wunsch für das neue Schuljahr im Herbst in Punkto Digitalisierung?
Für einen guten Unterricht ist es wichtig, eine Vielfalt an Medien im Unterricht zuzulassen. Außerdem ist es wichtig, die Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten und sinnvollen Umgang mit digitalen Medien hinzuführen. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Bestreben im kommenden Schuljahr durch zahlreiche Netzwerkprojekte und Innovationen auch weiter verstärkt wird.