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MUSIKWIRTSCHAFT "Urheberrecht muss Nutzer berücksichtigen".

Foto: Bild: Futurezone/Patrick Dax
Der Wiener Musikwirtschaftsforscher Peter Tschmuck untersucht Auswirkungen von Filesharing-Netzwerken auf Musikschaffende und berät die Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Deutschen Bundestags in Urheberrechtsfragen. Die FUTUREZONE hat mit Tschmuck über den Musiktausch im Netz, den Vormarsch von Streamingdiensten und die Notwendigkeit einer Urheberrechtsreform gesprochen.

Futurezone: Sie forschen zur Auswirkung von Filesharing auf die Musikindustrie - die eine Seite spricht von Milliardenschäden durch den Musiktausch, die andere Seite davon, dass Filesharing Musikern nutzt - was sagt die unabhängige Wissenschaft?

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Tschmuck: Die unabhängige Wissenschaft ist ebenfalls geteilter Meinung. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Verluste beträchtlich sind. Dann gibt es Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass der Effekt des Musiktausches auf die Umsätze mit Recorded Music zumindest statistisch nicht signifikant ist. Diese Studien sind durchaus ernstzunehmen, weil sie in die Filesharing-Systeme direkt hineinschauen. Es gibt auch Studien, die positive Auswirkungen des Filesharings feststellen. In dem Sinn, dass durch den Musiktausch die Möglichkeit besteht, neue Musik kennenzulernen - das nennt man Samplingeffekt. Wenn die Musik gefällt, sind die Nutzer durchaus bereit, auch Geld für Tonträger oder Downloads auszugeben.

In der Wissenschaft gibt es keine einheitliche Position. Die Studien, die negative Auswirkungen aufzeigen, basieren sehr stark auf Sekundärbefragungen. Das Filesharing an sich wird gar nicht untersucht. Häufig sind diese Studien auch nicht repräsentativ, da nur Studierende befragt werden. Das ist bezogen auf die Gesamtbevölkerung nicht sehr aussagekräftig. Das Problem vieler Studien ist auch, dass sie einen Zeitraum abdecken, der nicht mehr relevant ist. Etwa die Jahre 2002 bis 2004.

Es gibt eine Studie aus den Niederlanden aus dem Jahr 2009, die auf einer repräsentativen Befragung basiert. Sie kommt zu dem Schluss, dass es durch Filesharing-Netzwerke zu einem Verlust für die Musik-, Film- und Spielewirtschaft kommt. Aber sie zeigt auch, dass es einen sehr starken Wohlfahrtsgewinn für die Bevölkerung gibt. Der ist doppelt so hoch wie die Verluste der Unterhaltungsindustrie.<<

Peter Tschmuck
Foto: Bild: Futurezone/Patrick Dax

Futurezone: Statistiken von Marktforschern zeigen, dass Streamingangebote an Popularität gewinnen und solche Dienste bereits von annähernd so vielen Leuten genutzt werden wie Downlaod-Angebote - inklusive Online-Tauschbörsen. Ist Streaming die Zukunft des Musikkonsums am Computer?

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Tschmuck: Ja, Streaming ist definitiv am aufsteigenden Ast. Das lässt sich durchaus auch quantitativ belegen. Ich habe etwa für Australien die mengenmäßige Entwicklung der Musikverkäufe ausgewertet. Das Absatzvolumen im Digitalsegment ist Dank des Streamings um ein Vielfaches gestiegen. Bei den bezahlten Downloads flachen im Gegensatz dazu mittlerweile die Wachstumsraten ab. Streaming ist aber richtiggehend explodiert. Das Problem ist allerdings, dass für die Musikschaffenden dabei unter dem Strich nichts mehr herausschaut. <<

Futurezone: Viele dieser Dienste - etwa Spotify - sind in Österreich nicht verfügbar. Warum ist es für Start-ups so schwierig Lizenzrechtezu bekommen?

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Tschmuck: In Österreich ist der Markt zu klein. Die Rechteklärung ist aber generell ein Problem. Spotify etwa möchte schon seit längerem am US-Markt aktiv sein. Es ist aber nicht gelungen, sich mit den großen Labels und den dortigen Verwertungsgesellschaften zu einigen. <<

Futurezone: Warum sind die großen Labels gegenüber solchen Diensten skeptisch. Wie wirkt sich das auf innovative Angebote aus?

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Tschmuck: Die Haltung der Majors ändert sich allmählich. Der Grund dafür ist, dass etwa Spotify mit einem Modell arbeitet, bei dem sich die Labels anteilsmäßig beteiligen können. Die Majors sind etwa mit 18 Prozent am Eigenkapital von Spotify beteiligt. Wenn sie auch noch an den Werbeeinnahmen beteiligt sind, ist das durchaus eine attraktive Konstellation.

Mittlerweile ist auch eine britische Indie-Plattform an Spotify beteiligt. Das Problem ist, dass die Indies, die sich nicht organisieren, mit Minimalbeträgen abgespeist werden. Sie bekommen keine Vorschüsse, wie etwa die Majors, und sie bekommen auch keine Garantiebeträge. Es gibt die Geschichte des norwegischen Indie-Labels "Junior Racing", das für 55.100 Streams seiner Acts ingesamt drei Euro von Spotify ausbezahlt bekommen hat.<<

Futurezone: Sehen die Musiker eigentlich von den Beteiligung der Majors etwas?

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Tschmuck: Das entzieht sich meiner Kenntnis. Den Künstlern ist es aber anzuraten hier einen entsprechenden Anteil einzufordern. Es hängt aber immer von deren Verhandlungsmacht ab. Der durchschnittliche Musiker wird aber wohl kaum etwas bekommen. <<

Futurezone: Die jüngsten Zahlen von EMI und Warner zeigen, dass die Labels weiterhin mit Umsatzrückgängen konfrontiert sind, andererseits heißt es, die Musikkonzerne hätten ihr Geschäftsmodell durch 360-Grad-Verträge, bei denen sie auch an Live- und Merchandising-Einnahmen partizipieren, dem digitalen Zeitalter angepasst. Wie sieht die wirtschaftliche Lage der Musikkonzerne tatsächlich aus?

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Tschmuck: Die Lage hat sich verbessert, weil die Konzerne Fixkosten abgebaut haben. Sie haben Tonstudios und Presswerke verkauft und teilweise auch Vertriebskanäle veräußert. Das hat sich auch in sinkenden Beschäftigungszahlen niedergeschlagen. Die Majors sind gewaltig geschrumpft. Dieser Prozess wird sich fortsetzen. Dadurch können sie gewisse Kostenvorteile nutzen. Allerdings gibt es hinter den Kulissen durchaus noch markante Schuldenberge. Es gibt auch schon wieder Fusionsgerüchte, etwa bei Warner und EMI.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir bald nur noch drei große Labels haben, die ungefähr gleich groß sind und weiter in den Strukturen einsparen. Die Majors werden sich in Zukunft allein auf das Geschäft des internationalen Vertriebs konzentrieren und möglicherweise noch eine Verlagssparte dabei haben. Sie werden sich aber kaum noch in den Künstleraufbau einbringen. Das wird von den Künstlern selbst erwartet.

Die 360-Grad-Verträge halte ich für einen frommen Wunsch der Musikkonzerne. Sie sind keine Spezialisten für das Live-Geschäft und für das Merchandisng. Künstler sind gut beraten sich nicht mit Haut und Haaren über solche Verträge zu verkaufen. Sie sollen sich die Leistungen von den Majors holen, die sie wirklich beherrschen. Das sind internationales Marketing und Vertrieb. Alles andere sollten sich die Künstler von Spezialisiten zukaufen. Das Geschäft wird sich dezentralisieren. Die Labels sind nur noch ein kleiner Teil der Wertschöpfung. <<

Futurezone: Das Urheberrecht wird dem digitalen Umfeld in vielen Punkten nicht mehr gerecht. Sie beraten zu diesem Thema auch die Internet-Enquete-Kommission des deutschen Bundestags. Wo sehen Sie Reformbedarf?

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Tschmuck: Brennend ist derzeit die Frage, wie mit den Nutzern umgegangen wird. Hier gibt es markante Verhaltensänderungen. Früher waren Musikfans im Grunde genommen passive Musikkonsumenten. Sie haben CDs gekauft, Radio gehört und Musik-TV gesehen. Durch die Digitalisierung ist die Möglichkeit entstanden, zu partizipieren.

Sie wollen bis zu einem gewissen Grad an der Musikproduktion mitwirken. Es gibt mittlerweile auch genügend Musiker, die ihre Musik ins Netz stellen und für Remixe, Mash-ups oder was auch immer freigeben. Die Leute beteiligen sich und es entsteht auch eine stärkere Bindung zu den Fans, die etwa über Konzerte umgemünzt werden kann.

Der wichtigste Aspekt ist also, dass das Urheberrecht so gestaltet wird, dass Inhalte nicht mehr nur passiv konsumiert sondern wirklich verwendet werden können. Es sollte etwa erlaubt sein Musik für nichtkommerzielle Zwecke in YouTube-Videos einzubinden oder für Slideshows mit Urlaubsfotos zu verwenden. Es muss auch möglich sein, in die Musik selbst einzugreifen. Wir werden also beim Werkschutz und bei den Persönlichkeitsrechten darüber nachdenken müssen, ob sie weiterhin so restriktiv gehandhabt werden sollen. Unterm Strich profitieren von diesen neuen Nutzungsweisen auch die Künstler.

Ich halte auch Filesharing für eine neue Nutzungsform, die im digitalen Zeitalter entstanden ist. Das darf nicht verteufelt werden. Es ist sinnvoller, das vorhandene Potenzial zu nutzen, so lange sich das im nichtkommerziellen Bereich abspielen. Die Zurverfügungstellung ist ja derzeit im Urheberrecht ausschließlich den Urhebern vorbehalten. Das sollte nicht mehr so sein. Ich bin auch hier für eine Liberalisierung. <<

Peter Tschmuck
Foto: Bild: Futurezone/Patrick Dax

Futurezone: Die aktuelle Entwicklung in Europa geht nachgerade in die gegenteilige Richtung. Frankreich und in abgeschwächter Form auch Großbritannien setzen auf drakonische Maßnahmen wie Netzsperren. Kann dadurch der unautorisierte Musiktausch eingedämmt werden?

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Tschmuck: Statistiken zeigen, dass die Maßnahmen kurzfristig wirken. Dann steigt jedoch das Filesharing-Volumen in der Regel recht bald wieder an und erreicht ein höheres Niveau als davor. Ich glaube nicht, dass diese Maßnahmen etwas bringen. Diejenigen, die sich auskennen, lassen sich nicht erwischen. Es trifft also letztlich die Unbedarften.

Ich halte es auch nicht für angemessen, dass sich der Staat zum Handlanger der Film- und Musikkonzerne machen lässt. Die Maßnahmen können sehr drakonisch sein. Wenn am Ende der Weisheit steht, dass der Netzzugang gekappt wird, ist das problematisch. Auch wenn man bedenkt, dass etwa in Deutschland das Grundrecht auf Internetzugang diskutiert wird. Es wäre sinnvoller, ein Pauschalvergütungsmodell wie etwa eine Kultur-Flatrate einzuführen. Das könnte durchaus einmal in einem Bereich getestet werden. Musik würde sich anbieten. Da gibt es die meisten Erfahrungswerte. <<

Futurezone: Eine Kultur-Flatrate, bei der die Nutzung der Inhalte gegen eine monatliche Gebühr abgegolten wird, wird seit Jahren diskutiert. In Österreich machen sich auch die Grünen für ein solches Modell stark. Die Labels haben sich aber dagegen ausgesprochen. Wie realistisch halten Sie die Einführung eines solchen Modells?

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Tschmuck: Derzeit stehen die Zeichen nicht in Richtung Kultur-Flatrate. Der Leidensdruck der betroffenen Wirtschaftszweige wird aber immer größer. Die Umsätze im Tonträgerbereich gehen weiter zurück. Streaming- oder Downloadmodelle können das nicht kompensieren. Eine Kultur-Flatrate wird also bald wie ein Rettungsanker erscheinen. Im Grunde genommen gibt es solche Flatrate-Modelle ja schon längst. In Dänemark und Großbritannien haben Tonträgerunternehmen Vereinbarungen mit Internetanbietern geschlossen.<<

Futurezone: Die Nutzung der Files ist dabei aber durch Kopierschutzmaßnahmen stark eingeschränkt.

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Tschmuck: Ja, solche Modelle werden von den Majors präferiert, weil sie dabei immer noch die Kontrolle haben. Bei diesen kommerziellen Lösungen gibt es aber kaum Transparenz. Es ist anzunehmen, dass relativ viel Geld an den Urhebern vorbeifließt und in den Verwertungsstrukturen hängen bleibt. Wenn es darum geht, ein öffentlich kontrolliertes System zu etablieren, gibt es von der Musik- und Filmindustrie Widerstand.

Die Gesetzgeber in den EU-Ländern werden sich aber allmählich etwas überlegen müssen. Weil sie auch ein Problem damit haben, dass massenhaft Bürger verklagt oder mit Klagen bedroht werden. Zudem sind die Gerichte und Staatsanwalten mit den aus ihrer Sicht Bagatelldelikten heillos überlastet, was natürlich auch Steuergeld kostet.<<

Futurezone: Die Urheberrechtsabgabe, die zuletzt in Österreich durch ihre Ausweitung auf Festplatten wieder ins Gerede gekommen ist, ist ja auch ein Form einer solchen Flatrate. Damit werden Privatkopien abgegolten. Verstehen Sie die Aufregung?

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Tschmuck: Das hatten wir bei jedem Leermedium, das mit einer Pauschalabgabe belegt wurde. Die Hersteller schreien auf, weil es ein Problem ist, die Kosten an die Konsumenten weiterzugeben. Diese Pauschalvergütungsmodelle sind aber nur ein schwacher Ersatz für eine Kultur-Flatrate. Bei der kann wirklich nutzergerecht abgerechnet werden, die Downloadströme können transparent dargestellt werden.

Aber es wird sicherlich auch bei einer Kultur-Flatrate nicht anders sein. Es wird Verteilungskämpfe geben und auch die Internetanbieter werden aufschreien. Wenn sich das aber einmal durchgesetzt hat, werden alle damit leben können. Es wäre allerdings geschickt, ein solches Modell EU-weit oder global einzuführen. Seltsamerweise werden solche Themen etwa beim Antipiraterieabkommen ACTA nicht diskutiert. Da werden nur restriktive Maßnahmen erörtert. <<

Mehr zum Thema:

EU-Parlament begrüßt Antipiraterieabkommen
ACTA-Abkommen auf der Zielgeraden
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(Patrick Dax)

Peter Tschmuck lehrt und forscht am Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft (IKM) an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und befasst sich schwerpunktmäßig mit der Musikwirtschaftsforschung, der Kulturbetriebsforschung, der Kunst- und Kulturökonomik und Kulturpolitikforschung.

Von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen wurde er auch als Sachverständiger für die Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Deutschen Bundestags zu Fragen der "Entwicklung des Urheberrechts in der digitalen Gesellschaft" nominiert.

Am Freitag, den 3. Dezember, diskutiert Tschmuck im Rahmen des "mica focus" im Wiener mica (1070, Stiftgasse 29) unter anderem mit dem Musiker Patrick Pulsinger und DJ Electric Indigo über "Digitalisierung und ästhetischem Wandel".

Links:

Peter Tschmuck: Musikwirtschaftsforschung
Institut für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft
Mica focus: "Digitalisierung und ästhetischer Wandel"

(futurezone) Erstellt am 25.11.2010, 10:14

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