Digital Life
09/22/2016

YouTube erntet scharfe Kritik für Heroes-Programm

YouTube will mit seinem Heroes-Bonusprogramm Nutzer belohnen, die Videos melden und Kommentare löschen. Kritiker sehen darin die Förderung eines Spitzelwesens.

Am Dienstag hat YouTube ein Video veröffentlicht, in dem das neue Heroes-Bonusprogramm für besonders engagierte Nutzer beschrieben wird. Das Video ist nun drauf und dran, den Rekord für den unbeliebtesten Beitrag am Online-Video-Portal zu brechen. 2.400 "Gefällt mir"-Angaben stehen über 149.000 "Gefällt mir nicht" gegenüber. Der Tenor der Kritiker: YouTube fördere ein Spitzelwesen, belohne moralische Selbstjustiz und gründe eine Schicht privilegierter Nutzer, die andere unterdrücken können.

"Superwerkzeuge"

Das Heroes-Programm richtet sich laut YouTube an all jene Nutzer, die Videos mit Untertiteln ausstatten, "unanständige" Videos markieren oder anderen Nutzern in Kommentaren hilfreiche Tipps geben. Das Programm hat eine eigene Homepage und ist mehrstufig aufgebaut. Je höher auf einer fünfstufigen Leiter man steigt, desto mehr Funktionen erhält man.

Einsteiger beginnen mit Level 1. Ab Level 2 erhält man Zugang zu Workshops, die per Video-Chat abgehalten werden. In Level 3 werden "Superwerkzeuge" freigeschalten, die das "massenhafte Markieren" von Videos und Nutzerkommentaren erlauben. Die Heroes werden hier zu Helfern für YouTubes Community-Moderatoren. In Level 4 erhält man einen direkten Draht zu YouTube-Mitarbeitern, in Level 5 kann man neue Funktionen testen, bevor sie veröffentlicht werden. Außerdem kann man an einer eigenen Spezialveranstaltung, dem Heroes Summit, teilnehmen.

Gefährliches Spiel

YouTube war erst unlängst in Verruf geraten, als neue Video-Richtlinien auftauchten, die unter anderem nahelegten, keine Schimpfwörter zu verwenden oder allzu politisch kontroverse Themen anzusprechen, um Werbetreibende nicht zu verschrecken. Eine Flut von Videos, die diesen Vorgaben genau nicht entsprachen, war die Folge. Die Einführung von Heroes wird nun als Fortsetzung des YouTube-Kampfes gegen unerwünschte Inhalte verstanden.

"YouTube hat eigentlich nicht die Personalstärke, um seine neuen Richtlinien auf der ganzen Plattform durchzusetzen", vermutet etwa der Videomacher Chris Ray Gun. "Ihr wollt Leute zu selbsternannten Polizisten machen", wirft er YouTube vor. Die Markierungs-Funktion von YouTube sei schon lange ein allzu willkürlich gebrauchtes Instrument, das meist eingesetzt werde, um Nutzer zu schikanieren, gegen die man persönlichen Groll hegt. YouTube mache nun ein Punktesammel-Spiel ("Gamification of Moderation") daraus.

"Abgrundtief schlechte Idee"

"Heroes ist eine abgrundtief schlechte Idee in jeder Hinsicht", beurteilt Videomacher penguinz0 die Lage. "Jemanden zu belohnen, weil er Untertitel macht, ist gut. Aber Belohnungen für das Markieren von Videos sind gefährlich." Durch Heroes werde eine zusätzliche Schicht zwischen YouTube und den YouTube-Nutzern eingeführt. Es sei inakzeptabel, dass man als "normaler" YouTube-Nutzer keinerlei Möglichkeit zu direktem Kontakt mit dem Unternehmen habe (etwa, wenn ein eigenes Video markiert und deaktiviert wurde).

Anstatt die Rufe der Community nach einer Verbesserung des fehleranfälligen Markierungssystems zu erhören, habe YouTube das genaue Gegenteil getan und den Missbrauch des Systems noch einfacher gemacht. Unternehmen wie Disney gebe YouTube bereits seit Langem die Möglichkeit, Videos massenweise zu markieren. Diese "Massenvernichtungswaffe wird nun in die Hände eines Trottels gelegt, der nun seine eigenen, subjektiven Moralvorstellungen damit durchsetzen wird".

"Hat niemand bei YouTube über das Stanford-Gefängnisexperiment gelesen? Es geht nicht gut aus", meint penguinz0, zeigt sich aber abschließend resigniert: "Wer sind wir denn, dass wir YouTube Tipps geben wollen, wie man eine bessere Plattform macht. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, wird YouTube jedes Stück Feedback und Kritik einfach als Trolling bezeichnen und uns sagen, dass wir uns verpissen sollen. Sie werden ihre dummen Ideen dennoch einführen."

Verbesserungsvorschlag

Der YouTube-Nutzer OfficialNerdCubed hegt noch Hoffnung. Er schlägt YouTube vor, neben der negativen Markierung von Videos eine positive einzuführen. Mit einer positiven Markierung ("protected") würde es weiteren Moderatoren unmöglich werden, ein Video als unangemessen zu markieren und damit den Zugang dazu zu verhindern.