Auf der Online-Plattform Steam finden sich immer wieder überteuerte Schrott-Spiele
Schrott-Spiele für 200 Euro auf Steam: Was dahinter steckt
Wie viel darf ein Computerspiel kosten? Diese Frage sorgt seit Jahren für ununterbrochene Diskussionen bei Gamern und Entwicklern. 20 Euro für ein Indie-Spiel ist vielen schon zu teuer. Bei großen Blockbuster-Titeln sind 60 Euro bereits Standard und 70 Euro nicht ungewöhnlich. Experten gehen davon aus, dass sich die Preise in den kommenden Jahren auf 80 Euro erhöhen werden.
An einigen Spieleentwicklern scheint das allerdings völlig abzuprallen. Auf der weltgrößten Online-Plattform für Computergames, Steam, tauchen seit Jahren immer wieder völlig überteuerte Inhalte auf.
➤ Mehr lesen: Spielebranche hofft, dass GTA 6 100 Dollar kostet
Auf Steam findet sich eine lange Liste an scheinbar minderwertigen Games zu überteuerten Preisen
© Screenshot Steam
Schrott-Games für 200 Euro
Ein Spiel, in dem man gegen einen Fußball tritt und damit Objekte zum Explodieren bringt? 194,99 Euro. Einen Bus durch eine Stadt mit miserabler Grafik von A nach B steuern? 194,99 Euro. Ein Rennspiel, in dem die Autos aussehen wie Würfel und man lediglich nach rechts und links ausweicht, um Hindernissen zu entgehen? 194,99 Euro.
➤ Mehr lesen: Xbox Game Pass wird um bis zu 50 Prozent teurer – und schlechter
Bei so einer "kreativen" Preisgestaltung wird man schnell stutzig. Noch größer wird das Fragezeichen im Kopf, wenn man sieht, dass die Entwickler meist nicht nur eins, sondern eine Vielzahl dieser Spiele auf Steam vertreiben. Alle schlecht programmiert. Alle völlig überteuert. Was passiert hier?
“200 Euro für ein schlechtes Spiel sind der 5-fache Preis von normalen Games und wahrscheinlich das 10-fache davon, was es wert ist.”
Kann es sein, dass die Entwickler diesen Preis wirklich für angemessen halten? “Das würde ich ausschließen. 200 Euro für ein schlechtes Spiel sind der 5-fache Preis von normalen Games und wahrscheinlich das 10-fache davon, was es wert ist”, sagt Dietmar Hauser, Spieleentwickler und Mitglied des Verband österreichischer Spieleentwickler (PGDA) der futurezone. Solche Beträge kenne er nur aus Free2Play-Spielen, wo sie für Käufe innerhalb des Spiels nicht unüblich sind.
Rabatt-Aktion für den Algorithmus
Normalerweise würde ein hoher Preis auch hohe Qualität suggerieren. Darauf könnten Nutzer theoretisch hereinfallen. Steam erlaubt es aber, Spiele bis zu einer Grenze von 2 gespielten Stunden zurückzugeben. Selbst wenn Kunden den hohen Preis zahlen würden, ist laut Hauser davon auszugehen, dass sie schnell von diesem Recht Gebrauch machen.
Einige solcher Spiele sind fast durchgehend um 95 Prozent rabattiert. Damit sinkt ihr Preis auf 9,94 Euro und damit möglicherweise auch die Hemmschwelle einiger Käufer. Hauser vermutet, stark reduzierte Spiele könnten durch den Steam-Algorithmus stärker in den Fokus gerückt werden. So bekommen sie am umkämpften Markt eine höhere Sichtbarkeit.
Wimmelbild-Spiele wie "Hidden World" finden sich zu Hauf auf Steam. Ist es nicht reduziert, kostet es 194,99 Euro
© Screenshot Steam
Sieht man sich die angebotenen Spiele genauer an, sind auch knapp 10 Euro ein utopischer Wert. Ein häufig vertretenes Genre sind hier sogenannte "Wimmelbild"-Games. Bei ihnen geht es darum, Objekte auf einem Bild zu finden. Die meisten dieser Spiele überschreiten die 3-Euro Grenze nicht. Nur wenige extreme Ausreißer wie das gefeierte und aufwändige "Hidden Folks" können sich erlauben, 14,99 Euro zu verlangen.
Die Entwickler solcher Spiele sind oft schwer greifbar. Im besten Fall findet sich eine Website, oft aus Russland oder China, mit einer Liste der angebotenen Spiele. Ein Impressum, eine Kontaktadresse oder sonstige Hinweise, wer hinter der Firma steckt, sucht man aber vergebens. Das verstärkt die Vermutung, es könnte bei solchen Spielen um etwas ganz anderes gehen als Einnahmen aus dem Verkauf.
➤ Mehr lesen: In diesem viralen Steam Game kann man nur auf eine Banane klicken
Spielwiese für Cyberkriminelle?
Der naheliegendste Grund für die Existenz dieser Spiele ist Geldwäsche, also eine Methode für Cyberkriminelle, gestohlenes Geld verfügbar zu machen. Theoretisch würde das so funktionieren: Mit illegal erbeutetem Geld, beispielsweise gestohlenen Kreditkartendaten, werden Steam-Wertkarten gekauft. Das kann online oder in einem Geschäft mit Bargeld passieren.
Mit diesen Prepaid-Karten werden wiederum Spiele gekauft, die vermutlich von den Betrügern oder Personen in deren Umfeld angeboten werden. Sie bekommen das Geld aus den Verkäufen von Steam ausgezahlt und es lässt sich kaum nachvollziehen, woher dieses ursprünglich stammt. Ob das bei einigen in dieser Recherche betrachteten Games der Fall sein könnte, lässt sich nicht nachvollziehen.
Geldwäsche-Problem bei Steam
Abwegig ist die Überlegung, das könnte auf Steam passieren, jedenfalls nicht. Die Methode ist weder neu noch auf Gaming-Plattformen beschränkt. Schon 2013 wurde das im Paper "Laundering Money Online: a review of cybercriminals methods" (PDF) beschrieben.
Insbesondere auf dem Steam Communitymarkt (engl. Marketplace), auf dem Nutzer digitale Produkte wie Skins oder Waffen für bestimmte Spiele anderen Nutzern verkaufen können, ist das ein verbreitetes Problem. Eine Studie von 2024 konnte dort bereits mehrere, verdächtig nach Geldwäsche aussehende, Transaktionen erkennen.
Über den Steam Communitymarkt können Nutzer z.B. Gegenstände aus bestimmten Spielen verkaufen. Finden sie etwa eine besonderes seltene Waffe, können sie diese für teils hohe Preise anbieten.
© Screenshot Steam
Unabhängig davon drängt sich allerdings eine weitere große Frage auf: Warum wird Steam-Betreiber Valve nicht auch stutzig? Gibt es keine Qualitätskontrolle? Akzeptiert das Unternehmen einfach, dass ihre Plattform möglicherweise für Betrug genutzt wird?
Steam geht gegen Betrüger vor
Völlig untätig ist das Unternehmen jedenfalls nicht. 2019 griff Valve ein, als Kriminelle den Marketplace für Geldwäsche nutzen. Diese verkauften über die Plattform Schlüssel, mit denen Loot-Boxen aus dem Spiel CS:GO geöffnet werden können. Die Schlüssel wurden zuvor mit gestohlenem Geld erworben. Valve konnte das unterbinden, indem sie verhinderten, dass die Schlüssel weiterverkauft werden konnten.
Um ganze Spiele zu überführen, müsste Valve aber nachweisen können, dass tatsächlich Betrug im Spiel ist – was sehr schwer ist. “Wer ein Spiel bei Steam veröffentlichen möchte, muss sich zunächst als Entwickler auf der Plattform registrieren”, erklärt Rainer Angermann, Spieleentwickler und CEO des Grazer Entwicklerstudios Rarebyte, der futurezone. Registrieren können sich Einzelpersonen oder Unternehmen, deren Identität überprüft wird.
Klare Richtlinien für Inhalte
Sie können dann ihr Spiel einreichen. Dafür erstellen sie eine Steam-Seite, auf der sie Angaben, u. a. zum Inhalt, machen. “Für die Veröffentlichung eines Spiels gibt es von Steam Vorgaben und Richtlinien”, so Angermann. Inhalte, die Beleidigungen, Hassrede, Volksverhetzung oder Diskriminierung enthalten, sind dabei ebenso verboten wie Schadprogramme oder betrügerische Anwendungen.
Bevor man sich überhaupt auf Steam registrieren kann, kommuniziert Steam klare Richtlinien für Inhalte
© Screenshot Steam Direct
Lädt man sein Spiel dann auf die Plattform hoch, prüft Steam die Rahmenbedingungen, erklärt Angermann. Wurden die Richtlinien eingehalten? Startet das Spiel korrekt und sind alle auf der Store-Seite genannten Funktionen enthalten? “Ist ein Spiel durch diesen Prozess durch, können Updates ohne weitere Reviews hochgeladen werden.”
➤ Mehr lesen: Kinder geben monatlich 17 Euro für Games aus
Betrüger werden besser
In der Vergangenheit konnte Steam trotzdem immer wieder gegen solche Spiele vorgehen. Auch, weil sich die „Entwickler“ in diesen Fällen wenig Mühe gaben, etwas anzubieten, das zumindest grundlegende Anforderungen an ein Spiel erfüllt. Die Plattform MMO Fallout verfolgte diese Aktivitäten, zeigte verdächtige Spiele auf und berichtete, wenn Steam sie aus ihrem Angebot warf.
Wie viel so ein Spiel kosten soll, darauf nimmt Steam keinen Einfluss, das entscheiden die Verkäufer selbst. Auffällig ist, dass viele dieser verdächtigen Spiele genau 194,99 Euro kosten. Das ist nicht wahllos. Auch wenn Steam keinen Einfluss nimmt, wird Entwicklern eine Liste an regionalen Preisempfehlungen angeboten. 194,99 Euro bzw. 199,99 US-Dollar ist dabei die höchste Empfehlung, die Steam ausspricht. Damit bleiben die Spiele innerhalb der offiziellen Preisvorschläge.
Schwierige Preisfindung
Die Diskussion um den Preis für Videospiele ist nie endend. Lauter wird sie immer dann, wenn es einen Preissprung gibt. Zum Beispiel 2020. Mit der Einführung der Playstation 5 und Xbox Series X stiegen die regulären Preise für Konsolenspiele von 60 auf 80 Euro. Der Preis für PC Spiele erreicht inzwischen ebenfalls die 70-Euro-Grenze.
Da sich im teuren AAA-Segment die verhältnismäßig wenigen Entwickler absprechen, nehmen Konsumenten die Preissteigerung hin, wenn auch widerwillig. „Die Hersteller wollen mehr Geld verdienen, die Spieler wollen weniger ausgeben, das ist in jedem anderen Markt auch so“, sagt Spieleentwickler Dietmar Hauser der futurezone.
Spiele-Wert ist offen für Interpretation
Die Bemessungsgrundlage für den Spielepreis sei völlig offen, sagt Hauser. „Seit alles digital ist, kostet die Vervielfältigung ja nichts. Die Verkäufer wollen durch den Preis einen gewissen Wert vermitteln – aber das ist natürlich Interpretationssache.“
Auch Rarebyte-Chef Rainer Angermann bestätigt das: „Entwickler legen oft schon zu Beginn eines Projekts fest, welche Zielgruppen und welcher Preis anvisiert werden soll.“ Anhand der angenommenen Verkaufszahlen und des angepeilten Preises wird das Budget für die Entwicklung definiert.
Spieldauer als Verkaufsargument
Der Preis für ein Spiel weckt dann auch eine Erwartungshaltung bei den Käufern. Häufig nennen Entwickler eine hohe Spieldauer um ihre Preise zu rechtfertigen. Auch, weil es die einzige Zahl ist, mit der man überhaupt argumentieren kann. Gutes Design, clevere Story oder kreative Mechaniken sind subjektiv.
Besonders schwierig ist das für kleine Indie-Spiele mit geringem Bekanntheitsgrad. „Es gibt viel mehr Angebot als Nachfrage und Spiele gehen oft unter. Deswegen wird der Preis gedrückt“, sagt Hauser. Häufig würden sich Indie-Games daher deutlich unter Wert verkaufen.
Kostet ein Indie-Spiel 20 Euro, wird es bereits als teuer gesehen. Zudem landen die Spiele oft im Sale, da das den Entwicklern mehr Sichtbarkeit bringt. Die Einnahmen für die Entwickler sind dann aber schwindend gering. „Die große Frage ist, wo der Sweet Spot liegt, zwischen teuren Titeln, die wenige Einheiten verkaufen und billigen Spielen die durch den geringen Preis mehr Verkäufe haben“, so Angermann.
Eine Lösung für das Problem gibt es aktuell kaum. Findet Valve verdächtige Aktivitäten, reagiert das Unternehmen. Es ist auch kein spezifisches Problem der Games-Branche. Geldwäsche findet auf vielen großen Online-Plattformen statt und lässt sich kaum nachvollziehen. Wer also in künftig beim Stöbern im Steam-Store ein verdächtig teures Spiel entdeckt, sollte vorsichtig sein.
Kommentare