Meinung 01.12.2012

Das E-Mail-Monster

© Bild: mikhail olykainen, fotolia

Wir brauchen Brückentechnologien, die neue Verbindungen herstellen. Und zwar nicht nur nach vorne – die Zukunft schlägt auch ganz andere Richtungen ein.

Wenn wir wollen, dass alle Menschen etwas vom technologischen Fortschritt haben, brauchen wir Brückentechnologien. Das heißt, wir brauchen Technologien, die nicht einfach nur die Leute ansprechen, die schon mit einem iPhone in der Hand auf die Welt geommen sind, die Interessierten und Versierten. Was not tut, sind technologische Brücken für den Rest der Menschheit, der aus verschiedenen Gründen nur beschränkten oder keinen Zugang zu den neuen Wundern der Ingenieurskunst hat.

Wobei dieser Rest nicht wirklich ein Rest ist. Es sind etwa 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten. Brückentechnologie heißt: Technologie für die übrigen 90 Prozent. Dr. Paul Polak von International Development Enterprises bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass die meisten Entwickler auf der Welt ihre Energie in die Schaffung von Produkten und Dienstleistungen stecken, die exklusiv den wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbevölkerung zugute kommen. Er fordert deshalb eine Revolution in der Technologieentwicklung, um auch die übrigen 90 Prozent zu erreichen.

Mikhail Olykainen - Fotolialetters of the old typewriter closeup over white
© Bild: mikhail olykainen, fotolia

Ins Netz mit einer Schreibmaschine
Ein wunderbares Beispiel ist das E-Mail-Monster: Zwei Studenten am Interaction Design Institut in Mailand - die Inderin Aparna Rao und der Schwede Mathias Dahlström - haben eine alte mechanische Olivetti-Schreibmaschine so umgerüstet, dass man damit E-Mails verschicken kann. Angesichts der Sorge ihrer in Indien lebenden Mutter, ohne E-Mail zunehmend vom sozialen Austausch mit den jungen Familienmitgliedern, die in verschiedenen Weltgegenden leben, ausgeschlossen zu sein, entschloß sich Rao, etwas zu unternehmen. In Indien sind mechanische Schreibmaschinen nach wie vor weit verbreitet.

Also rüsteten die beiden eine elegante, betagte Olivetti Lettera 22 mit etwas Elektronik, ein paar Sensoren und einem Internet-Anschluß so um, dass man damit wie gewohnt auf einem Blatt Papier schreibmaschineschreiben kann. Die Elektronik kann die getippte Anschrift und den übrigen Text erkennen. Und sobald das fertig beschriebene Blatt aus der Maschine gezogen wird, wird das ganze automatisch als E-Mail an den Adressaten geschickt.

Schlauheit aus der Schachtel
Solche Brückenlösungen sind oft um so besser, je einfacher sie sind. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die sogenannte Kyoto-Box, ein genial einfacher Solar-Ofen aus einem Pappkarton mit reflektierender Alufolie auf den Deckelklappen, Kostenpunkt 5 Euro (Video). In sonnenreichen Ländern läßt sich damit Wasser erhitzen und Essen kochen, ohne dass weitere Landstriche, nur um Feuer machen zu können, abgeholzt werden müssen – und auch ohne teure solartechnische Anlagen, bei denen Grundinvestition, Wartung und Ersatzteilbeschaffung oft unüberwindliche Hürden sind.

Ein amphibisches Haus
Eine andere brückentechnologische Facette vermittelt das „Null-Yen-Haus", das der japanische Architekt Kyohei Sakaguchi schon vor Jahren in einem Obdachlosencamp an einem Flußufer in Tokio entdeckte. Den hochindustrialisierten Ballungsräumen des Inselstaats angemessen, handelt es sich dabei um eine Möglichkeit, Wohnungslosen nicht einfach nur zu einem Unterschlupf zu verhelfen, sondern ihnen die Verbindungen in die mediale Öffentlichkeit zu bewahren und sie so an der Gesellschaft teilnehmen zu lassen. Die Biwak-artige Unterkunft verfügt über ein Solar-Panel, das genug Energie liefert, um Fernseher, Radio oder Mobiltelefon betreiben zu können. Der Obdachlose, der die Behausung errichtet hatte, war Angestellter eines Kamera-Herstellers gewesen und hatte eine Hand für Elektronik. Die Einrichtung bestand aus Fundholz, das Dach aus Pappe war mit blauer Plastikfolie gedeckt. Unter dem Fußboden war sein Vorratslager. Der Mann sagte, das Haus könne auch schwimmen. Das Haus war auch ein Schiff!

Wenn wir möchten, dass sich alle so für Technologie begeistern lassen sollen, wie es die Enthusiasten unter uns tun, sollten wir dafür sorgen, dass auch wirklich alle an dieser Reise in die Zukunft teilhaben können.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.

( Peter Glaser ) Erstellt am 01.12.2012