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Wissenschaft & Blödsinn Das ganze Leben ist krebserregend.

Ein großer Teil der Krebs-Erkrankungen entsteht aus purem Zufall
Ein großer Teil der Krebs-Erkrankungen entsteht aus purem Zufall - Foto: FOTOLIAXRENDER - FOTOLIA 56121057/fotoliaxrender7Fotolia
Broccoli, Ingwer, Kurkuma – was müssen wir essen, um uns vor Krebs zu schützen? Wundermittel gibt es nicht, auch wenn uns das manche Medien einreden wollen.

Jeder versteht, wodurch man sich ein Bein brechen kann. Auch dass man mit einer Lungenentzündung rechnen muss, wenn man mit einem nassen T-Shirt bekleidet durch den Schnee hüpft, erscheint uns recht plausibel. Aber warum zum Teufel bekommen manche Leute Krebs?

In bestimmten Fällen ist es durchaus nachvollziehbar: Jahrelanges Kettenrauchen erhöht die Krebsgefahr. Wer seine Haut jeden Sommer schutzlos an der Sonne verbrutzelt, lebt gefährlich. Und ein Tauchurlaub bei den Brennstäben eines Kernreaktors ist vermutlich auch keine gute Idee. Aber auch wenn man solche Risiken vermeidet, hat keine Garantie, von Krebs verschont zu bleiben. Was können wir also sonst noch tun, um uns vor Krebs zu schützen? Liegt es vielleicht an der Ernährung?

Wundernahrungsmittel im Test

Jede Woche können wir erneut von angeblichen Sensationen lesen: Broccoli, Kurkuma oder Rotwein sollen vor Krebs schützen. Wurst, Popcorn und Weizenmehl hingegen sollen wir meiden wie der Teufel das Weihwasser – oder wie der Wunderheiler die Statistikvorlesung. Die Aussagekraft solcher Behauptungen liegt allerdings ziemlich genau bei null.

Forscher aus Harvard und Stanford sahen sich diese Sache näher an: Aus einem Kochbuch wählten sie ganz zufällig fünfzig verschiedene Zutaten aus – von Tomaten bis Rindfleisch, von Wein bis Kaffee. Dann machten sich auf die Suche nach medizinischen Studien über den Zusammenhang dieser Lebensmittel mit Krebs. Gibt es Untersuchungen darüber, ob Tomatenkonsum das Krebsrisiko hebt oder senkt? Erkranken Leute, die viele Zitronen essen, häufiger an Krebs als andere?

Bemerkenswerterweise wurden die Forscher in den meisten Fällen fündig: Zu fast jedem gängigen Nahrungsmittel gibt es offenbar irgendwelche Krebsstudien. Das Problem daran ist nur: Meistens gibt es sowohl Studien, die dem Nahrungsmittel unterstellen, Krebs zu fördern als auch Studien, die demselben Nahrungsmittel attestieren, das Krebsrisiko zu senken. So ziemlich alles, was wir essen, verursacht Krebs – und schützt vor Krebs. Wir sind verloren! Und wir sind gerettet!

Lügen mit Statistik

Wir müssen vorsichtig sein: Wer einen statistischen Zusammenhang zwischen einem Nahrungsmittel und einer Krankheit entdeckt, hat noch lange keinen kausalen Zusammenhang nachgewiesen. Vielleicht hat sich der Effekt bloß zufällig ergeben und die nächste Studie zum selben Thema führt zu einem ganz anderen Ergebnis.

Vielleicht gibt es auch einen ganz anderen Grund für die statistische Auffälligkeit: Wer Wein trinkt, lebt gesünder – das kann ja durchaus sein. Aber liegt das wirklich am Wein? Oder hat es nicht viel eher damit zu tun, dass Leute mit hohem Einkommen mehr Wein trinken und gleichzeitig eine bessere Gesundheitsversorgung genießen? Wer im Krankenhaus auf der Intensivstation liegt, trinkt garantiert keinen Wein, und sein Gesundheitszustand ist sicher unterdurchschnittlich. Trotzdem wäre es eine ganz üble Idee, ihn aus statistischen Gründen per Magensonde mit Wein vollzupumpen.

Noch viel schlimmer als wackelige Studien sind Zeitungsartikel über angebliche Wundermittel, mit denen Krebspatienten von einer notwendigen Behandlung abgehalten werden: „Ingwer ist 10.000 mal effektiver als Chemotherapie“ konnte man vor kurzem wieder lesen. Auch das „Vitamin B17“ soll angeblich medizinische Krebsbehandlungen unnötig machen. Wer so etwas glaubt, setzt sein Leben aufs Spiel.

Krebs als Glücksspiel

Die große Frage bleibt: Wenn es nicht an der Ernährung liegt, woher kommt der Krebs dann? US-amerikanische Forscher haben kürzlich umfangreiches Datenmaterial über Krebserkrankungen gesammelt und statistisch ausgewertet und kamen zu dem Schluss: Ein großer Teil der Krebs-Erkrankungen entsteht aus purem Zufall. Unsere Zellen teilen sich, das genetische Material wird kopiert, und manchmal kommt es dabei einfach zu Abschreibfehlern, die Krebs auslösen können.

Natürlich spielen äußere Einflüsse eine Rolle. Auch erbliche Faktoren können die Krebs-Wahrscheinlichkeit beeinflussen. Aber auch wenn man all das berücksichtigt, bleibt statistisch ein großer Anteil von Erkrankungen übrig, die einfach spontan entstehen, ohne tieferen Grund, ohne dass irgendjemand daran Schuld trägt.

Das ist für uns schwer zu verkraften: Wir Menschen sind darauf programmiert, Ursachen zu suchen, Gründe zu finden, Zusammenhänge zu erkennen. Aber manchmal gibt es eben nichts zu erkennen, und das Leben ist bloß ein Glücksspiel. Natürlich sollte man versuchen, möglichst gesund zu leben. Das erhöht die Erfolgschancen – aber was im Einzelfall am Ende dabei herauskommt, kann niemand sagen.

Vielleicht kann diese Erkenntnis ja auch ein bisschen tröstlich sein: Krebs bedeutet nicht, dass man etwas falsch gemacht hat. Man hatte nur kein Glück. Die Suche nach Ursachen bringt wenig. Wichtig ist es, die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten zu nutzen, die uns heute erfreulicherweise zur Verfügung stehen.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 04.04.2017, 06:00

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