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Meinung
01/21/2019

Die verflixte Dreizehn

Angst vor Unglückszahlen ist immer noch verbreitet. Wenn die Politik darauf Rücksicht nimmt, ist in Wahrheit niemandem geholfen.

von Florian Aigner

Jetzt ist es amtlich – die Zahl 13 muss gefährlich sein. In Deutschland kommt ein neues Sozialgesetzbuch heraus, und wie es sich für ein Sozialgesetzbuch gehört, nimmt es Rücksicht auf Minderheiten. Insbesondere auf die Minderheit derer, die Angst vor Unglückszahlen haben. Die 13 wird nämlich übersprungen: Es wird „Sozialgesetzbuch 14“ heißen, obwohl es auf das „Sozialgesetzbuch 12“ folgt.

Aber nicht nur in deutschen Regierungskreisen ist die abergläubische Angst vor der bösen Zahl 13 erstaunlich verbreitet. Manche Hoteliers verzichten auf die Zimmernummer 13, sogar der 13. Stock in Hochhäusern wird vereinzelt ausgelassen. Viele Fluglinien überspringen die Sitzreihe 13 um nicht immer mit abergläubischen Passagieren streiten zu müssen, die in verzweifelter Zahlenpanik ihren Platz in der 13. Reihe unbedingt gegen einen anderen tauschen wollen. Das ist besonders originell, denn auch nach mehr als hundert Jahren Flugzeugforschung ist immer noch kein Szenario bekannt, in dem man als Pechvogel in der Reihe 13 abstürzt, während die anderen Passagiere wohlbehalten ankommen.

Hussein, Manson, Kurz

Verbreitet ist auch die Theorie, dass Menschen auf mysteriöse Weise vom Bösen beseelt sind, wenn Vor- und Familienname zusammengenommen 13 Buchstaben haben. Tatsächlich trifft das auf erschreckend viele gefährliche Gestalten zu: Charles Manson, Saddam Hussein, Osama bin Laden. Oder noch schlimmer: Florian Aigner, Helene Fischer, Sebastian Kurz. Wo soll das noch hinführen! Die Tarotkarte Nummer 13 steht für den Tod, Dornröschen wurde von der 13. Fee verflucht, und die EU hatte bis 1995 genau 12 Mitgliedsstaaten. Dann kam Österreich.

Kurioserweise gibt es solche irrationalen Zahlenphobien auch in anderen Ländern – und mit anderen Zahlen. In Italien hat man eher Angst vor der 17, in Ostasien ist die Tetraphobie verbreitet, die Angst vor der Vier. Vielleicht sollte man eine Fluglinie gründen, die beim Überfliegen der Grenzen passend zum lokalen Aberglauben die Sitzreihen automatisch umnummeriert? Da scheint es eine Marktlücke zu geben.

Desensibilisierung

Aber tun wir damit etwas Gutes? Soll man bestimmte Zahlen in der Öffentlichkeit vermeiden, um bei Zahlenphobikern keine Ängste zu triggern? „Nein, diese scheinbare Rücksicht ist kontraproduktiv“, sagt die Psychotherapeutin Ulrike Schiesser. „Viel besser ist ein Desensibilisierungstraining: Wenn ich jemanden verhaltenstherapeutisch behandle, der Angst vor der Zahl 13 hat, dann konfrontiere ich ihn so oft wie möglich mit dieser Zahl.“ Das verursacht beim Patienten zwar Stress, aber gleichzeitig lernt er, dass die Zahl in Wirklichkeit keine bösen Auswirkungen hat.

Nochmals eine ganz andere Sache ist Aberglaube, wenn es um Gesetzbücher und andere öffentliche Angelegenheiten geht. Der Staat hat nämlich die Aufgabe, unser Leben besser zu machen, auf Basis von Verstand, Vernunft und Wissenschaft. Niemand kann sich ins Parlament reklamieren, weil ein kosmisches Einhorn das so wollte. Kein Gesetz wird geändert, weil ein Wünschelrutengeher darin negative Schwingungen entdeckt hat. Und keine politische Entscheidung sollte getroffen werden, weil irgendein alter Aberglaube das zu befehlen scheint.

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.