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Kommentar
07/01/2012

Google-Brille ist eine gefährliche Scheuklappe

"Project Glass" fasziniert Entwickler und Hightech-Liebhaber rund um den Globus - schließlich soll es das Internet auf neue Weise sprichwörtlich vor Augen führen und das Smartphone ersetzen. Doch gerade wegen all der Euphorie müssen Fragen zu Privatsphäre, Gesundheit und Realitätswahrnemung gestellt werden. Ein Kommentar von Jakob Steinschaden.

von Jakob Steinschaden

Project Glass”, das von Google-Gründer Sergey Brin diese Woche mit einer pompösen Show in San Francisco beworben wurde, soll nach Handy und Tablet die nächste große Geräte-Klasse einläuten: die Augmented-Reality-Brille. Entwickler und Hightech-Begeisterte würden die Technologie lieber heute als morgen auf der Nase haben, werden sich dafür aber noch mindestens ein halbes Jahr gedulden müssen. „In ein paar Jahren wird es als merkwürdiger empfunden werden, wenn Leute im Gehen auf den Bildschirm ihres Smartphones schauen“, ist sich Brin bereits des Erfolgs seines neuen Gadgets aus den geheimen Google-X-Labs sicher.

Große Faszination und offene Fragen
Klar ist: Googles Wunder-Brille fasziniert schon zwei Jahre vor dem voraussichtlichen Marktstart die Menschen. Was man da wohl alles damit anfangen könnte - vom Fußgänger-Navi über den Nahrungsmittel-Scanner bis hin zur Live-Personenerkennung scheint vieles möglich, und der eine oder andere Schüler wird sich wohl schon überlegt haben, wie man das Schummeln bei der Schularbeit aufs nächste Level heben könnte.

Mit Google hat die Technologie, an der auch in Österreich gearbeitet wird (Brillenhersteller Silhouette in Linz, die TU Wien, die

), die Unterstützung im Rücken, die sie für eine massenhafte Verbreitung braucht. Doch gerade wegen der Euphorie rund um die Wunderbrille müssen kritische Fragen gestellt werden, weil sie wesentlichen Einfluss auf mindestens drei verschiedene Lebensbereiche hat.

Was bedeutet die Brille für die Privatsphäre?
Wie jede mit dem Internet verbundene neue Technologie wird auch die Google-Brille wesentliche Folgen für die Privatsphäre haben. Die Stasi bzw. James Bond hätten “Project Glass” wohl als Spionage-Tool der Sonderklasse eingestuft. Natürlich ist der derzeitige Prototyp mit seinem dicken rechten Bügel ziemlich deutlich als Computer-Brille erkennbar. Doch bei der fortschreitenden Miniaturisierung werden andere Modelle vielleicht nicht so eindeutig identifizierbar sein, und spätestens dann werden Forderungen erhoben werden, diese zu kennzeichnen. Oder würden Sie gerne ein vertrauliches Gespräch mit einer Person führen, die ein solches Gerät trägt, die Szene ohne Ihr Wissen live via Google+-Hangout überträgt und dabei Ihr Gesicht taggt? Und selbst, wenn Sie es wissen und dem Filmen zustimmen: Werden Sie dann noch ehrlich Ihre Meinung sagen?

Auch die Privatsphäre des Trägers muss gesichert werden - denn die Brille weiß dank GPS nicht nur, wo er sich gerade aufhält, sondern per Sensoren auch, in welche Richtung er gerade schaut. Der Werbewirtschaft (und Google als ihre Speerspitze) werden sofort neue Formate wie mit virtuellen Zusatzelementen angereicherte Werbeplakate in den Sinn kommen - und schon beginnen Personendaten munter zu fließen. Interesse an den Blickfeld-Daten könnten auch andere haben: Eifersüchtige Ehepartner würden sicher gerne wissen, wem der andere gerne nachschaut, und staatliche Behörden könnten Einblick fordern, wer sich mit wem getroffen und welche Dokumente angesehen hat.

Wie beeinflusst die Brille die Gesundheit?
Von Google bis dato verschwiegen, hat eine AR-Brille aufgrund der kurzen Distanz zwischen Auge und Mini-Display (nur wenige Zentimeter) gesundheitliche Auswirkungen auf den Träger. Forscher bezeichnen die Folgen des anstrengenden Fokussierens bereits als “Cyber-Sickness”, die nach 20 bis 30 Minuten Nutzung bereits zu Übelkeit und Kopfschmerzen führen kann. Ob Google diese Schwierigkeiten in den Griff bekommen wird, dürfte sich erst nach unabhängigen Tests herausstellen.

Doch bei Fragen zur “Cyber-Sickness” wird es nicht bleiben. Noch sieht man auf einigen Aufnahmen, dass ein Kabel vom rechten Bügel der Brille zu einem kleinen Kästchen führt, das die Träger am Körper oder in der Hand tragen. Ziel wird aber wohl sein, sämtliche Bauteile inklusive 3G- und WLAN-Modul in den Bügeln unterzubringen - schließlich soll die Google-Brille nicht mit Smartphones gekoppelt werden, sondern diese ersetzen. Und genau dann wird es einen Aufschrei geben. Denn alle, die an die möglicherweise krebserregende Wirkung von Handy-Strahlung glauben (z.B. die WHO), werden sich schlichtweg weigern, den 3G- bzw. LTE-Empfänger den ganzen Tag an der Schläfe zu tragen.

Wie beeinflusst die Brille die Wahrnehmung?
Noch soll die Google-Brille alle sechs Stunden an die Steckdose müssen, weil ihr spätestens dann der Saft ausgeht. Doch wenn man sich vorstellt, die Welt künftig hauptsächlich durch die Internet-Brille zu sehen, muss auch die Frage nach den Auswirkungen auf die Realitätswahrnehmung gestellt werden. Schon seit langem steht der Internet-Konzern in der Kritik, seine eigenen Produkte (v.a.

) in den eigenen Suchergebnissen zu bevorzugen. Wie also wirkt sich ein personalisiertes Web aus, das man mit auf die Straße nimmt?

Schon heute mehrt sich die Kritik (z.B. seitens

”), dass Google und Facebook durch auf Personen und deren Interessen maßgeschneiderte Inhalte unseren Blick auf die Welt einengen. Als Werbe-Firmen wollen sie uns natürlich vor allem das zeigen, was wir gerne konsumieren und nicht unbedingt das, was unseren Erwartungen, Wünschen und Einstellungen widerspricht. Wie also wird die Google-Brille unseren Blick sprichwörtlich lenken, und welche Straßen, Geschäfte und Menschen wird sie uns meiden lassen? Der Vergleich zu einer gefährlichen Hightech-Scheuklappe, die uns den Blick über den Tellerrand verwehrt, drängt sich beim “Project Glass” deswegen unweigerlich auf.

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